Die Königin der Nacht

Der Zug kommt mit quietschenden Bremsen zum Stehen. Ich blicke aus dem Fenster und erkenne in der trüben Dunkelheit meinen Zielbahnhof. Die Mitreisenden wuseln durch den Gang. Jeder ist bestrebt den Zug so schnell wie möglich verlassen.
Ich klappe den Laptop zu und packe ihn weg. Jacke anziehen, Koffer aus der Gepäckablage holen und Rucksack aufsetzen. Alle Bewegungen hundertmal trainiert. Ich folge dem letzten Menschen, der durch den Mittelgang läuft. Nach dem überhitzten Zug wirkt die frische Luft belebend. Eine Duftmelange aus Brezeln, Bratwurst und Döner steigt mir in die Nase und zieht mich die Treppe hinunter in die Querpassage unter den Gleisen.

„Links oder Rechts?“, überlege ich im Stillen und sehe mich um. „Es gibt genug Schilder die darauf hinweisen welche Straßen und/oder Sehenswürdigkeiten hinter den jeweiligen Ausgängen lauern. Nichts davon lässt sich in Verbindung bringen mit dem AirBnB das ich gebucht habe für diese Nacht.“
Doch wozu haben wir die moderne Technik? Ich zücke das Handy, öffne Google Maps und gebe die Adresse ein. Leider gibt es hier unten keinen GPS-Empfang. Das hilft mir nicht weiter, bleibt nur das gute, alte Ausprobieren übrig. Der rechte Ausgang liegt etwas näher und so entscheide ich mich spontan für diese Richtung.
Ich passiere die grell beleuchteten Geschäfte und bleibe standhaft, gebe der Versuchung nicht nach, hier noch schnell unnötige Kalorien einzuwerfen. Ich bin so stolz auf mich.

Auf dem Bahnhofsvorplatz empfängt mich kalter Nieselregen und mein Handy endlich ein GPS-Signal. Völlig vorhersehbar war es der falsche Ausgang und ich lustwandele einmal durch das Paradies der Versuchungen. Das gelingt mir hervorragend und unfallfrei, bis auf die zwei Knoppers, den Fruchtjoghurt und die große Flasche Johannisbeersaft. Nicht zu vergessen die Bratwurst im Brötchen, den Kaffee und die frische Brezel.
Jetzt bin ich nicht mehr stolz auf mich, aber der volle Magen erzeugt ein warmes, behagliches Gefühl im Bauch. Darauf kommt es am Ende an.

Ich folge Tante Google und stehe nach einigen Minuten Fußweg vor einem anonymen Hochhaus, das eindeutig hier hingestellt wurde, um das Ambiente rund um den Bahnhof endgültig zu verderben. Der Architekt des Hauses war ein weiser Mann, der sich dachte: „In einer solchen Gegend wollen wir nicht, dass das Gesindel den ganzen Tag mit dem schönen neuen Aufzug fährt.“
Deswegen hat er folgerichtig eine solide Haustür einbauen lassen. Das wiederum hat die nette Dame von AirBnB, die mir diese Wohnung vermietet hat leider vergessen zu erwähnen. Ich habe von ihr zwar den Code für das elektronische Schloss an der Wohnungstür bekommen, aber der bringt mir hier aktuell nichts.

Ich versuche sie telefonisch zu erreichen und dabei gleichzeitig möglichst wenig nass zu werden. Sie ignoriert meinen Anruf, während der Nieselregen mich liebkost und geschickt durch alle Ritzen in der Kleidung in tiefere Schichten sickert.
Nach etwa fünf Minuten kommt eine ältere Dame, die weiß, wie man die Haustür öffnet, vermutlich weil sie hier wohnt. Sie mustert mich missbilligend von oben bis unten, mit einem verkniffenen Mund. Ich versuche, hinter ihr durch die offene Pforte zur Trockenheit zu schlüpfen, doch sie versperrt mir den Weg und sagt: „Ein junger Mann wie sie hat das nicht nötig. Haben sie keine Freundin?“
Ich bin völlig perplex. „Was will sie von mir?“, denke ich.
Sie setzt nach: „Diese Frauen aus Osteuropa haben bestimmt alle Aids und fiese Geschlechtskrankheiten.“
Langsam dämmert es mir, doch ich schweige.
„Die Hure wohnt im 7. Stock. Aber das wissen Sie ja bestimmt schon längst!“, lässt sie nicht locker.
Jetzt mustere ich sie durchdringend von oben bis unten und entgegne schnippisch: „Na Sie wissen ja genau Bescheid. Zum Glück ist mein Ziel im 14. Stockwerk.“
„Was wollen Sie denn da? Wäre mir neu, dass wir eine zweite von der Sorte im Haus haben.“
Ihr strenger Blick durchbohrt mich und ich lächele innerlich über diese kleingeistige Verbissenheit. Offensichtlich hat – aus ihrer Sicht – jeder Mann, der alleine in dieses Haus kommt nur ein Ziel.

Im 14. Stock verabschiede ich die Dame im Aufzug mit einem zuckersüßen Lächeln und suche Wohnung 1405. Hier ist wie erwartet ein elektronisches Schloss an der Tür und nach Eingabe der Nummer springt die Wohnungstür gehorsam auf. Ob die Lady aus dem Aufzug um die Ecke lugt? Ich würde alles darauf wetten, aber ich drehe mich nicht herum. Diese Genugtuung gönne ich ihr nicht.

Völlig erschöpft werfe ich die Tür hinter mir zu, die Schuhe in eine Ecke, die Jacke über einen Stuhl und mich selbst auf die Couch. Einfach mal einen Moment die ungestörte Ruhe genießen.
Die Augen fallen zu, doch die Ohren bleiben auf Empfang, denn im Badezimmer rauscht Wasser. Dort duscht jemand. Nein nicht irgendjemand, sondern eine Frau, die unter der Dusche erstaunlich melodisch singt.
OH NEIN! Die Erkenntnis trifft mich wie ein Schock: Das Appartement ist doppelt vermietet.
Was wird diese Frau denken, die gleich aus dem Badezimmer kommt? Vermutlich mit recht wenig Textilen am Körper. Die auf keinen Fall mit einem fremden Mann auf der Couch rechnet. Da hat man das Wort „Sexualstraftäter“ doch schon auf die Stirn tätowiert, bevor man den Mund öffnen kann.
Dabei ist alles, was ich wollte, eine Nacht in Ruhe schlafen. Das Adrenalin macht mich hellwach. Hart schlägt das Herz in der Brust. Mein ganzer Körper schreit nach Flucht. Sie singt weiter ungestört in der Dusche, hat bisher nichts bemerkt. So leise wie möglich sammele ich meine Sachen zusammen und ziehe mich zurück in den Flur.

Vor der Tür sinke ich auf den Boden und zücke das Handy. Vielleicht gibt es ein anderes Hotel, in dem ich unterkommen kann. Aber es ist wie verhext: In der Stadt ist Messe, das heißt freie Hotelzimmer kosten pro Übernachtung so viel, dass mir bei den Preisen schwindelig wird. Das ist mir die friedliche Nacht nicht wert. Ich werde in der gebuchten Wohnung schlafen, aber mit Anstand.
Ich setze mich vor die Tür, lausche auf die Geschehnisse und hoffe auf einen günstigen Moment. Die Augenlider werden schwer. Ich bin so müde, dass mein Körper sich kalt und fremd anfühlt. Die feuchte Kleidung verstärkt das Unbehagen. Der Kopf pocht dumpf. Alles in mir sehnt sich nur nach einem weichen, trockenen Bett.
Die Geräuschkulisse in der Wohnung wechselt von Dusche zu Föhn. Ich sitze im Flur und traue mich nicht hinein. Ich brauche Ruhe und Schlaf, keinen lauten Streit. Meine Lider fallen immer wieder zu. Mein Kopf kippt nach vorn.

Ich schrecke hoch. Auf meiner Handy Uhr ist eine Stunde vergangen. Der Arm ist eingeschlafen und der Nacken schmerzt. Die Kälte des Bodens kriecht durch meine Kleidung. Im Flur riecht es jetzt nach Kohl. Damit habe ich genug Anstand bewiesen, rede ich mir ein und drücke auf die Klingel. Nichts rührt sich. Ich klingele erneut und dann direkt noch einmal, diesmal vehementer. Die Wohnung bleibt still. Ich benutze den Zahlencode und öffne die Tür.
Auf der Couch sitzt eine Dame mit blonden Haaren und einer überaus aufwendigen Föhnfrisur. Sie lackiert sich die Fingernägel und singt leise vor sich hin. Dann dreht sie den Kopf, sieht mich überrascht an und erstarrt. Der Pinsel mit dem Nagellack verharrt mitten in der Luft auf halbem Weg zwischen Glas und Finger.
Für uns bleibt die Zeit stehen. Ich starre sie an und sie starrt zurück. Nur der Nagellack weiß nichts von der Dramatik und folgt der Physik. Ein Tropfen bildet sich am Pinsel und wird langsam größer. Die Augen der Frau sind weiterhin auf mich gerichtet und ich sehe, wie das Entsetzen in ihren Blick kriecht. Gleichzeitig halte ich den Nagellack fest im Visier. Der Tropfen schwillt immer mehr an und ist kurz davor auf dem weißen Bademantel einen hässlichen, roten Fleck zu hinterlassen.
Wie in Zeitlupe hebe ich die Hand, strecke zitternd den Zeigefinger aus und sage: „Nagellack!“

Das bricht den Bann. Eilig steckt sie den Pinsel zurück ins Glas und schraubt es zu. Dann öffnet sie den Mund und schreit: laut und unartikuliert. Entschlossen trete ich ins Zimmer und schließe die Wohnungstür.
Sie ist fähig erstaunlich lange und hoch zu schreien. Meine Ohren klingeln. Das diffuse Gefühl in meinem Kopf wächst zu einem dumpfen Dröhnen heran. Dabei hatte ich nur vor zu schlafen. Morgen wird ein anstrengender Tag.
Nach einer gefühlten Ewigkeit geht ihr die Luft aus und es wird kurz still. Der Nagellack auf ihren Fingern ist inzwischen trocken genug und sie greift entschlossen zum Handy.
„Hallo Polizei. Bitte kommen Sie schnell! Hier ist jemand in meine Wohnung eingebrochen und bedroht mich!“

Mir platzt der Kragen. Mit drei langen Schritten bin ich neben ihr, nehme ihr das Handy aus der Hand und lege auf. Sie starrt mich an, als hätte ich die Kronjuwelen gestohlen.
„Geben Sie mir sofort mein Telefon zurück!“
Das Gerät verschwindet kommentarlos in meiner Hosentasche.
„Was wollen Sie von mir?“, herrscht sie mich an: „Mein Schmuck liegt im Tresor, ich habe kaum Geld bei mir und die Kreditkarten kann mein Agent sofort sperren lassen.“

Erschöpft laufe ich einen großen Bogen um die Frau und lasse mich in einen Sessel fallen.„Schlafen“, murmele ich. „Ich will nur schlafen.“
Ein paar Sekunden lang passiert nichts. Dann höre ich ein irritiertes: „Wie bitte?“
Ich reibe mir die Augen. „Schlafen. Mehr nicht.“
Sie bleibt stehen, die Stirn gerunzelt. Man kann praktisch zusehen, wie sich ihre Gedanken neu sortieren.
„Wenn Sie nur einen Platz zum Schlafen suchen“, sagt sie langsam, „warum kommen Sie dann hier herein und erschrecken mich halb zu Tode? Nehmen Sie sich doch einfach ein Hotelzimmer.“
Ich erkläre müde: „Das hier ist mein Hotelzimmer. Ich vermute, diese Wohnung ist für heute Nacht doppelt vermietet worden. Die Vermieterin ist nicht erreichbar, das habe ich schon versucht. Hier haben Sie Ihr Handy zurück, ich bin kein Räuber.“
Ihre starre, beherrschte Miene weicht einem peinlich berührten Lächeln. Sie schaut betroffen auf ihre Füße. „Ups“
Doch die innere Einkehr währt nur kurz. „Ich werde auf keinen Fall erlauben, dass Sie im Bett neben mir schlafen und die Schlafzimmertür schließe ich auch ab. Nur damit das klar ist! Gute Nacht!“
Sie greift sich ihr Handy und rauscht – majestätisch – wie eine Diva, mit eleganten Schritten ins Schlafzimmer und knallt die Türe zu. Gleich darauf knirscht der Schlüssel mit einem hörbaren „klack“ als Ergebnis.    

Ich denke: „Endlich Ruhe und Frieden!“ und entspanne innerlich. Die Couch ist recht bequem und lang genug. Mittlerweile wäre mir echt egal wo, Hauptsache ungestört schlafen. Das Zu-Bett Ritual wird auf das hygienisch notwendige Minimum verkürzt und bald liege ich wieder auf der Couch eingemummelt in eine Tagesdecke. Der Schlaf empfängt mich gnädig mit weiten, offenen Armen.


Tief in der Nacht dringen – ohne Vorwarnung – die gequälten Schreie der Dämonen der Hölle an mein Ohr. Ich sitze senkrecht auf der Couch. Das Herz pocht wild. Die Wohnung ist stockdunkel, nur die höllisch rote LED Anzeige am Herd bietet etwas Orientierung. Die infernalischen Geräusche sägen quer durch den Kopf.
Ich versuche bewusst zu atmen, um meinen Herzschlag wieder unter Kontrolle zu bekommen.
„Was passiert hier? Feueralarm? Sirenen? Bombendrohung? Muss das Haus evakuiert werden?“

Oh, ich Banause. Es sind keine Schreie der Qual, sondern es ist Operngesang. In der Tonlage f3 klingt das ähnlich. Meine unfreiwillige Mitbewohnerin singt die zweite Arie der Königin der Nacht aus Mozarts Zauberflöte. In voller Opernbühnenlautstärke. Die Schlafzimmertür ist definitiv zu dünn, um eine solch gewaltige Stimme zu bändigen. Die Gläser im Schrank klirren leise, während sie die Tonleiter immer weiter hinaufklettert.

Dann ist es vorbei. So plötzlich, wie es anfing, endet es wieder. Lediglich ein leises Schnarchen dringt durch die Schlafzimmertür. Ich sitze weiterhin mit klopfendem Herzen im Dunkeln, bin aber völlig überwältigt: Meine Mitbewohnerin ist eine echte Opernsängerin. Aus dieser Perspektive erklären sich die Erlebnisse des Abends: Der melodische Gesang unter der Dusche und das divenhafte Auftreten bei unserer kurzen Begegnung.
„Ob ihr schon jemand von den nächtlichen Auftritten berichtet hat?“, grübele ich.
Die Uhr am Herd zeigt halb drei. Die richtige Stunde für eine echte Königin der Nacht, die völlig falsche Zeit für mich, um wach zu sein. Der Puls sinkt langsam und überlässt der Müdigkeit wieder den Platz. Die Tagesdecke wird mein Schild gegen die umherflatternden Albträume und ich sinke in unruhigen Schlaf.


Die Morgensonne scheint mir gnadenlos ins Gesicht und treibt mich an. Die Nacht ist nur noch eine verblassende Erinnerung. Leises Schnarchen aus dem Schlafzimmer bildet die Ouvertüre für einen arbeitsreichen Tag. Heimlich, still und leise verlasse ich die Wohnung. Ich begebe mich auf die Suche nach einer Bäckerei, genährt von der Hoffnung, dass ein gutes Frühstück fehlenden Schlaf ausgleichen kann.

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