„Du bist aber groß“, habe ich oft zu hören bekommen,
Die offensichtliche Wahrheit, gerne genommen,
Schlicht und gedankenlos dahin gesagt,
wie es mir damit geht, hat keiner gefragt.
Groß sein ist toll, das lernen wir von klein auf,
groß werden gehört zum Lebenslauf.
Jede Blume, jeder Baum, jedes Kind,
streben in die Höhe, bis sie die Größten sind.
Doch die moderne Welt ist nicht für mich gemacht,
bei Türen, Autositzen, Achterbahnen und Flugreisen,
hat man an mich nicht gedacht,
und als wollten sie es mir stetig neu beweisen:
Machen sie Optimierungen! So ein schönes Wort.
Es geht um Zentimeter und Komfort,
Leider soll es immer weniger davon geben,
soll ich die Beine in die Gepäckablage legen?
Eine Reise nach Indien brachte mir neue Erkenntnis,
jeder der sich angestarrt fühlt, hat mein volles Verständnis,
denn zu den Einheimischen dort, war ich im Verhältnis,
ein herausragend hellhäutiges Bildnis.
Verstecken unmöglich, Schutz nicht zu kaufen,
jede Warteschlange ein Spießrutenlaufen.
Ungläubiges Starren ohne Worte,
ausgeführt von einer ganzen Kohorte,
an Menschen, eine schweigende Eskorte,
durch die nächste Tempelpforte.
Die unverhohlen danach gieren,
mich für ihren Facebook-Feed zu porträtieren,
am besten als Gruppe, alle gemeinsam,
Sie haben das Bild und ich bin einsam.
Unsere Sprache kennt viele positive Zuschreibungen:
Etwas groß machen, riesengroß,
herausragend sein (ja ich rage aus der Menge heraus),
die Übersicht behalten (gelingt mir spielend),
Sie kennt aber auch andere Wörter:
Rückenschmerzen, Bandscheibenvorfall,
Krankengymnastik, Reizstromtherapie
Denn meine Jugend war eine Krankenakte.
Selbst Dad-Jokes haben ihren Platz gefunden,
„Junge, bist du andächtig“ sagt er mir,
denn ich muss bei jeder Tür,
Den Kopf senken und den Rücken runden.
Er, der mich als Baby kannte,
mich zuerst beim Namen nannte,
wiegte mich auf seinem Schoß,
sagt: „Du bist nur lang und nicht groß!“
Lang oder groß braucht man nicht unterscheiden,
Im Kino mag mich keiner als Vordermann leiden,
„Die Großen nach hinten“ heißt es gerne,
aber meine Augen blicken schlecht in die Ferne.
Das gleiche Spiel bei den Konzerten,
Leute, die mich am liebsten nach hinten zerrten.
Ich will nah ran, lös mir die Fessel,
da vorne wartet der Pogo Kessel.
Ein großer Kerl ist ein Versprechen,
Diese Erwartungshaltung ist schwer zu brechen.
Keine Angst haben, keine Schwäche zeigen,
innerlich Leiden, nach außen hin Schweigen.
Nicht krümmen, nicht ducken,
alles überstehen, ohne zu zucken,
Hart sei der Mann, es ist immer das Gleiche,
Aufrecht und standhaft, wie eine deutsche Eiche.
Andererseits kann ich euch sagen,
Leute, die gerne nach Euros fragen,
Nerven seltener, wenn ich vorbei schreite,
Und seit ich Glatze trage, wechseln sie die Straßenseite.
Doch lassen wir die Alltagssorgen,
denken unbeschwert ans morgen,
und wenden uns der Liebe zu,
Blind Date oder Rendezvous,
hatten oft ein vorzeitiges Ende,
allein die Größe sprach schon Bände,
wenn man zum Küssen eine Leiter braucht,
ist die Liebesglut sofort verraucht.
Zum Glück gab es mutige Damen,
die freudig in den Arm mich nahmen,
sie haben die Größe genossen,
wenn Triebe wild ins Kraut geschossen.
Fun Fact: Wie bereits erwähnt, ducke ich mich automatisch und ohne nachzudenken, vor jeder Tür, um nicht oben anzustoßen. Eine Zeit lang hatte ich eine Freundin, die sich ebenfalls automatisch geduckt hat, wenn sie das bei mir sah, obwohl sie hoch erhobenen Hauptes durch diese Tür gepasst hätte.
Die Frau fürs Leben stellte sich ein,
Hochzeitsglocken, glücklich sein.
Und so ist der Lauf der Welt,
das Pärchen bald ein Kind erhält.
Kleine Kinder haben zu viel Energie,
rennen herum wie kopfloses Federvieh,
aber zum Ende dürfen Eltern sie tragen,
am besten ohne Zögern und ohne Klagen.
Beliebt ist der Platz auf der Schulter,
die Kleine sitzt oben und kräht herunter,
den Weitblick genießen,
wer wollte es ihr vermiesen.
Aber es ist so eine Sache, mit einen Platz nahe am Schopf,
Da oben stößt sich die Kleine halt öfters den Kopf.
Noch ein Fun Fact: Bei meiner Frau auf der Schulter haben sich die Kinder öfter den Kopf gestoßen als bei mir auf der Schulter, obwohl sie nur 1,65m groß ist.
Ob groß oder klein, das ist uns gegeben,
wir können´s nicht ändern, müssen damit leben.
Die Reime sind jetzt vorbei, ich höre auf zu dichten,
und werde zum Schluss, ein Wort des Trostes an euch richten:
Der liebe Gott lässt jeden Menschen bis zur persönlichen Perfektion wachsen.
Manche Menschen sind einfach viel früher perfekt.