Zuerst das Geständnis: „Ich bin ein Adreanalin-Junkie, ohne direkten Todeswunsch!“ Deswegen meide ich die richtig harten Kicks wie Bungee springen oder Wingsuit fliegen.
Meinen Kick hole ich mir aus Beschleunigung. Auf der Achterbahn in der ersten Reihe sitzen und diesen einen Moment auskosten, in dem die Spitze schon nach unten zeigt, aber das Ende noch über den höchsten Punkt geschoben wird. Dann immer schneller, fast senkrecht in Richtung Erdmitte rauschen, das ist mein Highlight.
Leider arbeite ich nicht im Freizeitpark, sondern im Büro und fahre dort nur Gefühlsachterbahn, mit Adrenalin aber ohne Kick.
Meine Ersatzdroge ist das Motorrad. Viele PS, wenig Masse und eine Beschleunigung, die einen Porsche alt aussehen lässt. Dazu der Duft von heißem Öl, frischem Benzin und das Kreischen eines Motors bei 9000 Umdrehungen.
Unten an der Autobahn Auffahrt den rechten Griff auf Vollgas drehen, mit beiden Händen festkrallen und merken wie das Vorderrad vom Boden abhebt. Am Ende der Auffahrt mit 150 km/h am LKW vorbeitunneln und durchbeschleunigen bis 200. Nur fliegen ist schöner.
Doch seit zwei Jahren bin ich clean. Der Benziner ist verkauft und ich fahre E-Auto.
Habe ich clean gesagt? Ja, es ist leise geworden, doch der Kick bleibt. Im Sportmodus reißen 350 PS die Kiste aus dem Stand nach vorne. Jetzt kann ich auch mit einem biederen Familienauto die Porsches dieser Welt stehen lassen.
Volles Drehmoment ab der ersten Sekunde, drückt mich tief in die Ledersitze. Das dreht empfindlichen Zeitgenossen den Magen um und nagelt den verkaterten Schädel an die Kopfstütze. So müssen sich F16 Piloten fühlen bei einem Katapultstart vom Flugzeugträger.
Die Menschheit teilt sich in zwei klar getrennte Gruppen:
„Mach das nie wieder mit mir“ und „Nochmal!“
Im täglichen Leben schalte ich zurück auf den ECO Modus und genieße die Freuden stillen Dahingleitens. Kein Dröhnen mehr, nichts vibriert. Sanft und ruhig zieht die Welt an mir vorbei. Das Auf und Ab der Benzinpreise ist bedeutungslos, ich schaue da nur aus alter Gewohnheit hin.
Auch eine Sache der Gewohnheit ist das Lesen der Artikel über neue Autos in der Zeitung. Ein spezieller Redakteur unserer Tageszeitung schreibt gerne Sätze wie:
„Das gemütliche Grummeln des 8 Zylinders zeigt sehr deutlich die gute Seele des Autos.“
„Der aggressive Sound beim Beschleunigen bringt die Seele des Autos richtig zur Geltung.“
„Das neue Elektro Modell ist hübsch anzusehen aber leider völlig seelenlos.“
Oh nein! Was habe ich getan, als ich leichthin meinen guten, alten Benziner gegen eine Elektroschleuder getauscht habe. Habe ich meine Seele verkauft? Komme ich in die Elektrohölle?
Oder bedient der Redakteur einfach nur Klischees von vorgestern? Die Dampflok musste der E-Lok weichen, statt Kohlekraftwerken haben wir Solarzellen und Windräder und unsere Häuser werden von Wärmepumpen geheizt, nicht mehr vom Ölkessel.
Die Welt wird leise, sauber und seelenlos.
Es gibt Widerstand dagegen, denn ein großes, lautes Auto symbolisiert Macht, Stärke und Reichtum. Das wollen sich die Bosse, Wichtigtuer und Blender nicht nehmen lassen. Sie kämpfen eine verlorene Schlacht gegen die Segnungen der Moderne.
Beispiel: Porsche baut in seine neusten vollelektrischen Modelle eine Gangschaltungssimulation ein und viele Lautsprecher um dem Fahrer den original Motorsound zu geben. Für das echte Porsche Gefühl.
Zum Glück ist die Welt so eingerichtet, dass jeder Unterdrückte und Geknechtete einmal im Jahr aufbegehren darf. Für die Massen heißt dieser legale Ausnahmezustand Karneval.
Für die Petrol Heads gibt es den Brazzeltag im Technik Museum Speyer. Dort finde ich die Träume meiner der Kindheit, live und in Farbe: Lamborghini Diablo, Ferrari Testarossa, Rennwagen aus Formel 3 und Formel 1. Als pickeliger Jugendlicher saß ich vor dem Computer und habe Testdrive oder Need for Speed gespielt und mir sehnsüchtig gewünscht mal so ein Auto zu besitzen.
Die Sehnsüchte der Jugend werden garniert mit echten Oldtimer aus den Kindertagen des Automobils. An diesem Tag verlassen sie die Museumshallen und privaten Garagen und blasen frisches Benzin durch die alten Triebwerke.
Es ist heiß und laut. Dicke Abgaswolken ziehen über das Gelände. Große Jungs holen die alten Träume hervor und schauen beseelt nach verchromten Stoßstangen, fetten Spoilern und rot glühenden Auspuffrohren.
Hierher kommen nur echte Männer! Oh ja, und solche die eine Ausrede brauchen, denn der Brazzeltag liegt immer auf dem Muttertagswochenende.
Der Star des Tages ist Brutus. Für alle die Brutus nicht kennen eine kurze Vorstellung: Das Museum in Speyer bekam einen riesigen 12 Zylinder Flugzeugmotor für seine Ausstellung. Der Direktor fand es aber zu schade diesen Motor nur still hinzustellen. Deswegen wurden 4 Räder drangeschraubt, ein Lenkrad und einen Sitz hinzugefügt und das ganze ein Auto genannt.
Brutus hat 47 Liter Hubraum. Die Auspuffrohre sind ungefähr 30cm lang. Feuer und Lärm des Motors schießen ungefiltert daraus hervor. Nach den Maßstäben des erwähnten Redakteurs hat dieses Auto die größte Seele von allen.
Am Abend huste ich mir die Lunge frei, vom Ruß des Tages. Dann steige ich in mein sehr knuffiges Elektroauto und fühle mich beseelt. Da fehlt mir nichts. Während ich leise in Richtung Heimat gleite, freue ich mich auf eine Zeit in der alle Benziner nur noch im Museum zu finden sind.