Kapitel 1 – In der Klemme
„Du hast wohl letzte Nacht mit einem Tarzan-Heft unter dem Kopfkissen geschlafen!“
„Dich hierher zu trauen, war mutig. Mutig aber dumm“
„Ist dein Testament aktuell?“
Drei finstere Gestalten hatten Lian in einer dunklen Gasse eingekreist. Er zog langsam die Krempe seines Sombreros nach unten – nicht aus Angst, sondern damit die Laterne ihm nicht in die Augen schien. Er ließ den Blick einmal im Halbkreis wandern. Links: Messer. Rechts: Baseballschläger. Mitte: leere Hände, aber der gefährlichste Gesichtsausdruck von allen dreien.
„Mein Testament?“ Er schnalzte mit der Zunge. „Das bin ich noch am Ergänzen. Ihr seid nämlich nicht drin.“
Der Mann mit dem Messer trat einen Schritt vor.
„Letzte Chance, Sombrero. Verrate uns den Aufenthaltsort des alten Sam!“
„Oh, ihr kennt den alten Sam auch?“ Lian ließ die Hände locker an den Seiten hängen. „Ich soll euch einen schönen Gruß von ihm ausrichten. Beim nächsten Mal wird er euch zu Fischfutter machen!“
Stille.
Schläger verlagerte das Gewicht mit einem kleinen Zucken. Der dritte, die Kapuze tief im Gesicht, zeigte eine knappe Geste. Die anderen beiden erstarrten. Der ist der Chef, registrierte Lian und machte einen entspannten Schritt seitwärts, genau zwischen Messermann und Kapuzenmann.
„Sag mal,“ wandte er sich an Kapuze und zeigte mit dem Kinn auf Schläger, „weiß dein Kumpel eigentlich, dass der Doktor ihm nur die Hälfte zahlen wird?“ Es war ein Schuss ins Blaue, denn in dieser Stadt konnte man nie sicher sein, zu welcher Bande die Gangster gehörten. Kapuze zuckte unwillkürlich mit dem Kopf in Richtung des Schlägertypes und zeigte Lian, dass er getroffen hatte.
„Was redest du da?“ knurrte Schläger.
„Nichts, nichts“, sagte Sombrero beschwichtigend, und trat dabei einen weiteren kleinen Schritt nach links, sodass Kapuze und Messer jetzt auf einer Linie hinter ihm standen. „Nur falls ihr euch fragt, warum der Doktor drei starke Kerle für einen Jammerlappen wie mich beauftragt hat: Er bezahlt nur den Ersten, der zurückkommt!“
Einige Sekunden verstrichen. Die gespannte Stille wurde greifbar.
„Das stimmt nicht“, sagte Kapuze zu den anderen beiden.
Lian war längst einen weiteren Schritt zur Seite getreten, fast beiläufig, wie jemand der Platz macht. Messer und Kapuze standen sich jetzt direkt gegenüber, Schläger schräg dahinter, die Anspannung zwischen ihnen knisternd.
„Er lügt“, sagte Kapuze scharf.
„Deswegen warst du dir vorhin so sicher!“, schrie Messer und sprang vor. Kapuze drehte sich elegant zur Seite und griff dabei nach Lians Arm. Messers Klinge verfehlte ihr Ziel und bohrte sich tief in den Oberschenkel des Schlägertypen. Der schwang seinen Baseballschläger instinktiv und traf Kapuze am Kopf. Ein hässliches Knirschen ertönte. Kapuze fiel und riss Lian mit. Der kalte Asphalt der Straße unter Lians Rücken stand im Kontrast zu etwas Warmen, Klebrigen, das von oben herabtropfte. Er erwartete den finalen Schlag, als sich über ihm ein Schatten bewegte. Flink wie ein Wiesel kam Messer hoch, zog seine Lieblingswaffe aus dem blutenden Bein und stach weiter oben erneut zu. Der Auftrag war vergessen. Hier ging es um Rache. Schläger krümmte sich vor Schmerzen und brüllte wie ein angeschossener Stier, aber er blieb Herr seiner Sinne. Der nächste Schwinger bescherte Messer einen kurzen Flug zur gegenüberliegenden Hauswand.
Lian kam keuchend unter Kapuze hervor. Das hatte er so nicht geplant. Sein geliebter Sombrero hatte einen weiteren Riss abbekommen. Während er sich von dem bewusstlosen Kapuze befreite und nebenbei die Lage sondierte, fiel ihm ein goldener Ring an der rechten Hand des Gangsters auf. Mit einer fließenden Bewegung ließ er das Schmuckstück in der Brusttasche seiner Lederweste verschwinden. Dieser Ring würde später nützlich sein. Er stand auf und zog ein Handy hervor. Damit wählte er nacheinander den Notruf des Rettungsdienstes und der Polizei: Zuckerbrot und Peitsche. In dieser Nacht sollte niemand sterben und keiner entkommen. Der alte Sam würde sich beim nächsten Treffen zu einem zynischen Kommentar hinreißen lassen.
Lian verließ die Gasse wie jemand, der einen Abendspaziergang hinter sich hatte. Keine Eile, keine gehetzten Blicke. Nur ein Unbeteiligter, der die Nachtluft genoss.
Die Hauptstraße empfing ihn mit der monotonen Tristesse einer unschuldigen Nacht im späten Oktober. Im Haus gegenüber flackerte das Fenster im dritten Stock unruhig im Licht eines Fernsehers. Fetzen von Musik und Gesang waberten herüber aus der abgeratzten Cocktail Bar fünf Gebäude weiter. Lian blieb im Schatten eines Hauseingangs stehen, die Schulter leicht an den Stein gelehnt. Eine grauhaarige Frau mit Dackel an der Leine huschte eilig vorbei.
Er drehte den Ring zwischen den Fingern. Ein verschnörkeltes Emblem zierte den Ring und Lian wusste Bescheid: Das war kein triviales Schmuckstück, sondern der Ausweis eines Syndikates.
Er dachte: „Ich habe nicht mit ihnen gerechnet. Das macht den Fall interessanter.“
Die Minuten zogen träge vorbei. Ein Taxi hielt kurz an und entließ drei Menschen in die Dunkelheit. Über ihm im Haus wurde laut gestritten. Normales Leben in einer außerordentlichen Nacht.
Dann — weit weg noch, aber unverwechselbar — das erste Martinshorn. Lian löste sich aus dem Schatten und verwandelte sich durch leise, gleichmäßige Bewegungen in einen harmlosen Fußgänger, der unbeschadet sein Zuhause erreichen wollte. Er war längst um die nächste Ecke verschwunden, als das Blaulicht die Hausfassaden färbte.
Kapitel 2 – Geschichtsstunde
Das Bier leuchtete golden in seinem Glas. Wasserdampf aus der überhitzten Kneipe kondensierte an der Außenseite. Mit einem Zischen platzten einzelne Bläschen der perlweißen Schaumkrone.
Lian saß am Tresen in seiner Lieblingskneipe und ließ den Wortschwall über sich ergehen, den Bernd ungefragt über ihn ausschüttete.
„Ich war mal in Acapulco. Da gibt es diese eine Bar, direkt am Strand. Die Wände sind voller Fotos von Touristen, die dort ihren letzten Drink vor dem großen Abenteuer tranken. Ich lernte dort einen alten Fischer kennen, der mir Seemannsgarn erzählte: von Haien, die nachts an Land kommen und von Schätzen, die am Meeresboden liegen und nur darauf warten, gefunden zu werden…“
Lian seufzte innerlich und drehte das Glas langsam in den Händen. Das war seine Art, über die Geschehnisse vorhin in der Gasse nachzudenken. Seine Fingerabdrücke zogen Spuren im feinen Nebel aus Kondenswasser. Sie bildeten ein komplexes Muster mit der Form des Bierhumpens. Im Bier glitzerte das Licht untermalt vom dunklen Holz der Theke. Das Geschwätz von Bernd kannte er schon. Es perlte mühelos an ihm ab.
„In Oaxaca gab es diese Märkte, wo die Luft so schwer ist von Gewürzen und Rauch, dass man meinen könnte, die Sonne selbst hätte sich darin verfangen. Dort traf ich einen alten Zapoteken, der mir beibrachte wie man Tlayudas macht: aus Mais und Wasser, so groß wie ein Teller und knusprig wie ein Versprechen.“
Lian nahm einen Schluck. Das Bier war kalt und leicht bitter, genauso wie es sein sollte. Er lehnte sich ein wenig zurück und ließ den Blick durch den Raum schweifen — eine alte Gewohnheit, die er nicht abschalten konnte, auch wenn er gewollt hätte. Er bemerkte einmal mehr die Risse im Putz über der Eingangstür. Das schiefe Bild an der Wand war ein billiger Druck, der eine kitschige Hafenszene darstellte. Bunte Häuser, leuchtende Schiffe und graue Möwen. Hinter dem Bild war die Tapete vermutlich weiß, so lange hing es schon unverändert schief herum. Ein Relikt aus den besseren Tagen dieser heruntergekommenen Eck-Kneipe.
„… und in Cartagenas Altstadt war diese eine Gasse – so schmal, dass ich die Arme ausstrecken und beide Seiten berühren konnte. Der Besitzer des Hostels nannte mich El Aleman Loco – den verrückten Deutschen. Weil ich jeden Abend bis zum Morgengrauen mit den Einheimischen Domino gespielt habe. Die haben mich immer gewinnen lassen. Aus Mitleid.“ Seine Stimme wurde leiser. „Oder aus Respekt. Bei denen wusste man nie so genau.“
Bernd seufzte und atmete tief durch. Lian sah von seinem Bier hoch und wunderte sich, denn der Barkeeper redete für gewöhnlich ohne Punkt und Komma. Lediglich gezielt gesetzte Spannungspausen unterbrachen seinen Redefluss.
Zum ersten Mal an diesem Abend betrachtete er Bernd mit voller Aufmerksamkeit: Da waren der perfekt rasierte Schädel und der gepflegte Vollbart, glänzend und schimmernd wie immer. Doch die Augenringe schienen in dieser Nacht dunkler als sonst und seine Augen wirkten stumpf und ausdruckslos.
„Bernd, warum erzählst du mir ständig Geschichten aus Lateinamerika? Warst du wirklich überall, wo du behauptest, dass du warst?“
„Ich will meine Kunden unterhalten, das gehört zum Job als Barkeeper. Ich war fünfzehn Jahre lang Reiseleiter und habe ganz Lateinamerika gesehen. Dabei sammeln sich eine Menge Geschichten an. Du warst doch garantiert oft dort und ich möchte, dass du dich wie zu Hause fühlst.“
Lian sprach in sein fast leeres Bierglas: „Bernd, ich war noch nie in Lateinamerika, nicht mal in Spanien.“
„Echt nicht? Da hast du wirklich was verpasst!“
„Aber es ist die Wahrheit. Den Sombrero habe ich nur wegen einer albernen Wette am Tag nach dem mündlichen Abitur aufgesetzt.“
Bernd starrte ihn kurz verwirrt an, anschließend brach er in trockenes Gelächter aus. „Dann trägst du deine Lebenslüge auf dem Kopf, während meine vier Wände und einen Zapfhahn hat.“
„Was hat dich hierher gebracht. Offensichtlich hat es dir dort ja gut gefallen?“
Bernd wurde schlagartig ernst und seine Stimme sank zu einem Flüstern.
„Mir wurde klar, dass ich nicht für die Touristen arbeitete. Dahinter standen Leute mit anderen Interessen.“
Lian hob eine Augenbraue. „Was für Interessen?“
Bernds Blick wanderte zur Tür, dann zum Fenster, als würde er unsichtbare Schatten fürchten. „Die Art, bei der man plötzlich Aufträge bekommt. Die Art, bei der man aufpasst, wo man seinen Pass hinlegt. Die Art, bei der man merkt, dass man der Köder ist, nicht mehr der Guide. Frag mich nicht, wie ich es geschafft habe, hierherzukommen. Ich will es nicht noch mal durchleben.“ Seine Finger krallten sich um den schmierigen Lappen. „Aber eines sag ich dir: Die, für die ich gearbeitet habe, die vergessen nie.“
Er zuckte mit den Schultern. „Jetzt bin ich zu unbedeutend und zu weit weg. Sie wissen natürlich wo ich stecke, aber sie lassen mich in Ruhe.“
Lian zog den Ring aus der Brusttasche und hielt ihn Bernd hin. „Dann hast du so etwas gewiss ebenfalls gesehen.“
Bernd nahm den Ring und drehte ihn dicht vor den Augen im Licht der Lampe. Dann pfiff er durch die Zähne. „Diese Schmuckstücke sieht man selten in Europa! Lass die Finger davon. Das ist eine Nummer zu groß für dich!“
Kapitel 3 – Der Auftrag
Am nächsten Morgen saß Lian allein in seinem schäbigen Büro. Seine Stiefel ruhten auf der abgegriffenen Ecke des alten Holzschreibtisches. Mildes Herbstlicht fiel durch blind gewordene Scheiben. Es erzeugte in dem Zimmer eine diffuse Helligkeit und lange, tiefe Schatten. Er drehte den Ring in den Fingern. Auf seinem Schreibtisch hatte er seine bisherigen Indizien ausgebreitet:
Ein Pik Ass, in das jemand – vermutlich vor Wut – hineingebissen hatte. Daneben lag ein verwaschenes, grau-blaues Halstuch mit Paisley-Muster. Etwas entfernt stand der Zylinder eines Zauberers, der zu Lians Bedauern keinen doppelten Boden aufwies.
Ungeduldig warf er den Ring auf den Schreibtisch, wo er gegen das große Wasserglas klirrte. Das Geräusch durchschnitt scharf die Stille im Zimmer. Dann kehrten die Hintergrundgeräusche wieder zurück. Das Surren des Kühlschranks in der Ecke, das Klappern der Heizung untermalt vom gedämpften Rauschen der Stadt. Sie verliehen der Stille Substanz.
„Wo soll ich anfangen zu suchen?“, fragte er das verstaubte Bild seines Großvaters an der Wand gegenüber. „Wie passt ein ausländisches Syndikat in den Fall? Muss das überhaupt da rein passen?“
Seine Gedanken wanderten zurück zu einem Morgen vor zwei Wochen.
Damals hatte er zurückgelehnt auf seinem Stuhl gesessen und betont gelangweilt mit einem Kugelschreiber gespielt. Der Stift klackte gegen die Decke, fiel herunter und landete in seiner Hand. Der Vorgang wiederholte sich über Stunden, denn Lian war Meister darin, eine monotone Langeweile in aller Tiefe auszukosten. Kurz bevor das Gehirn völlig erweichte, fing es normalerweise an, nützliche Gedanken zu produzieren.
Doch an diesem Morgen hatte eine Frau seine Routine gestört. Fünf Minuten nach zehn stand sie in seinem Büro. Ihr dunkles Haar war eilig hochgesteckt, der rote Lippenstift betonte das schmale, blasse Gesicht unnatürlich deutlich, obwohl er unsauber aufgetragen war. Ihr Mantel wirkte zu elegant für diese Gegend, aber Lian fiel auf, dass er am Saum ausgefranst war. Sie stand zögernd in der offenen Tür und folgte dem Auf und Ab des Kugelschreibers. Ihre Hände öffneten und schlossen sich unstet und krampfartig. Eine vertraute Duftmischung aus bodenständiger Ehrlichkeit und Bohnerwachs zog mit ihr aus dem Treppenhaus ins Zimmer.
Er war nicht bereit, aus seiner Routine gerissen zu werden, aber ihre Präsenz verlangte nach Aufmerksamkeit. Er legte den Stift betont lässig zur Seite und tippte sich an die Hutkrempe. Sie musterte ihn mit unstetem Blick.
„Hallo, ich suche einen Mann, der vor fünf Jahren in dieser Stadt verschwunden ist. Offiziell gibt es keine Akte, keine Leiche, keine Spuren, nur Gerüchte.“
„Das ist eine Weile her. Warum kommen Sie erst jetzt und warum kommen Sie zu mir?“
„Man hat mir berichtet, Sie wären der Beste der noch übrig ist. Früher hätte ich einen Lakaien für solche Botengänge geschickt, doch heute muss ich das selbst erledigen.“
Sie legte einen Umschlag auf den abgewetzten Schreibtisch. Darin steckten zwei Fotos: Ein Mann, Mitte vierzig, im Anzug und ein verwüstetes Hotelzimmer. Dazu ein Zeitungsausschnitt mit einem Artikel über einen ‚Unfall‘ auf einer Baustelle. Drei Tote wurden erwähnt aber keine Namen genannt. Dahinter einige 100€ Scheine.
Sie sah sich gehetzt um und wandte sich dann wieder ihm zu.
„Nehmen Sie das Geld als Anzahlung. Bei Erfolg gibt es mehr. Der Mann auf dem Foto war mein Bruder. Oder zumindest behauptete er das.“
Lian hob eine Augenbraue. „Sie haben ihren eigenen Bruder nicht erkannt?“
„Ein Halbbruder! Habe ihn vor zwanzig Jahren, das letzte Mal gesehen. Menschen verändern sich. Bitte finden Sie ihn, oder wenigstens seine Leiche.“
„Ich werde sehen was ich herausfinden kann. Wo und wie kann ich sie erreichen?“
Sie fixierte ihn mit einem eiskalten Blick, doch ihr Rücken krümmte sich.
„Ich muss mich schützen. Vertrauen ist kostbar in diesen Tagen. Daher werden wir einen professionellen Kontakt pflegen. Zu gegebener Zeit werde ich mich bei Ihnen melden. Bitte seien Sie bis dahin ein braver Junge und erledigen die Aufgabe.“
Dann drehte sie sich um und stolperte eilig die Treppe hinunter.
Draußen fuhr ein Krankenwagen mit Sirene vorbei und riss Lian wieder zurück in die Gegenwart. Er griff in die Schreibtischschublade, suchte und fand den Briefumschlag und entnahm ihm das Foto. Er zog eine Lupe aus dem Sombrero und betrachte das Bild des fremden Mannes genau. Verschwommen war ein goldener Ring an der rechten Hand zu erkennen, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Exemplar auf seinem Schreibtisch aufwies.
Kapitel 4 – Der Hutmacher
Am Samstagmorgen gegen halb elf schritt Lian durch die Fußgängerzone auf dem Weg zum Hutladen von Adalbert Voss. Das war sein wöchentliches Ritual und er hasste den Weg von ganzem Herzen. An diesem Morgen hatten vier Rentner mit Einkaufstrolleys den Durchgang blockiert gefolgt von zwei Müttern mit Kinderwagen im Slalomkurs.
Kurz vor dem Laden stand ein Straßenmusiker und malträtierte seine Mundharmonika. Die schrägen Töne ließen eine Zahnfüllung in Lians Mund vibrieren.
Das Schaufenster des Hutladens war so alt und so selbstverständlich wie die Straße selbst. Kein Neonlicht wie die Boutique links daneben und keine Sonderangebote, mit denen die Drogerie rechts warb. Nur Hüte auf stummen Dienern, arrangiert mit einer Sorgfalt, die aus einem langen Berufsleben entsteht. Neben der Tür hing ein messingfarbenes Schild: A. Voss – Hutmacher seit 1888. Jemand hatte es vor Jahren poliert. Seitdem nicht mehr. Es glänzte trotzdem.
Lian drückte die Tür auf. Eine Glocke bimmelte. Drinnen roch es nach Leder, Schellack und dem süßlichen Dunst von Bügeldampf. Hüte füllten die Regale und Ständer. Viele halb fertige Exemplare rangen um den Platz auf der langen Werkbank, die den hinteren Teil des Ladens ausfüllte. Die Einrichtung hatte sich seit Jahrzehnten nicht verändert. Das war keine Nachlässigkeit, sondern Haltung.
Drei Kunden standen verteilt im Geschäft. Einer probierte vor dem ovalen Wandspiegel einen Panamahut, drehte den Kopf hin und her mit dem konzentrierten Ernst eines Mannes, der eine wichtige Entscheidung trifft. Die anderen beiden warteten. Adalbert stand daneben und führte ein Beratungsgespräch. Er war ein mittelgroßer, älterer Herr mit einem streng in Form gekämmten Seitenscheitel. Er trug eine randlose Brille weit unten auf der Nase, sodass er die Welt entweder über oder durch das Glas betrachten konnte, je nachdem, was er in der Situation für angemessen hielt. Er sah kurz auf, als die Glocke bimmelte und registrierte Lian mit einem kaum merklichen Nicken. Der Neuankömmling verschwand in einer dunklen Ecke und wartete. Er war gut im Warten und beobachten.
Den Panamakunden beriet Adalbert mit drei präzisen Sätzen:
„Zu ihrer Kopfform passt eine mittlere Krempenbreite. Sie haben mit ihrem ersten Griff ein glückliches Händchen bewiesen. Die meisten Kunden wissen intuitiv, welcher Hut zu ihnen passt.“
Der Kunde murmelte etwas, das Lian nicht verstand. Adalbert erwiderte laut: „Wir können gerne jederzeit über den Preis verhandeln, aber nur nach oben. Meine Hüte sind Qualitätsarbeit und ich weiß was sie wert sind.“
Der Mann kaufte. Die anderen beiden folgten in ihrem eigenen Tempo. Adalbert war kein Verkäufer. Er war jemand, der Bescheid wusste und das reichte.
Der letzte Kunde schloss die Tür hinter sich und die Glocke bimmelte wie ein höfliches Schlusswort. Adalbert sah in die Schatten. „Den Sombrero.“ Lian zog ihn vom Kopf und legte ihn auf die Werkbank.
Adalbert nahm den Hut in die Hände und drehte ihn langsam. Seine Finger bewegten sich mit der gelassenen Sicherheit eines Mannes, der sein Handwerk verstand. „Das Riemenband ist wieder eingerissen.“
„Auf der linken Seite.“
„Immer auf der linken Seite.“ Er legte den Hut beiseite und betrachtete Lian mit den hellen Augen hinter der randlosen Brille. „Du hast Ärger.“
„Hatte“, sagte Lian. „Drei Mann in einer Gasse. Ist erledigt.“
„Habe davon gehört. Du machst dir einen Namen in der Stadt.“
Lian zog den Ring aus der Brusttasche und legte ihn auf die Werkbank, zwischen Faden und Lederreste. Adalbert ließ die Hände sinken.
Eine lange Sekunde verging. Der Hutmacher nahm das Schmuckstück nicht in die Hand. Er beugte sich nur vor und betrachtete es wie jemand, der ein schlafendes Tier nicht wecken möchte. „Zeig mir das Emblem.“
Adalbert schwieg und knetete seine Unterlippe. Dann schob er die Brille hoch und richtete sich langsam auf. Er öffnete eine flache Schublade unter der Werkbank und entnahm ihr ein rissiges Stück Papier, ein Handgriff genügte. Er entfaltete es sorgfältig und legte es neben den Ring.
Eine Skizze aus präzisen Strichen zeigte dasselbe Emblem auf vergilbtem Papier.
„Das habe ich vor fünfundzwanzig Jahren gezeichnet“, sagte er. „Von einem Hut, den ich reparieren sollte. Der Mann hat ihn nie abgeholt.“ Er faltete das Papier wieder zusammen. „Drei Tage später stand er in der Zeitung. Keine Papiere. Kein Name. Unfall, hieß es.“
Lian wartete.
„Damals war der Doktor noch nicht in der Stadt. Die Organisation wurde von seinem Vorgänger geleitet. Grobschlächtiger Kerl, Hutgröße 62. Der Doktor ist feiner und eleganter.“
„Du hast den Doktor persönlich kennengelernt?“
„Ja! Er liebt elegante Mode und ausgezeichnetes Essen. Ein eher unscheinbarer Mann, aber seine Aura strahlt hell.“
„Was ist das für eine Organisation von der du sprichst?“
„Es gibt Organisationen, die keine Namen wollen. Keine Büros, keine Listen. Nur Zeichen.“ Er griff nach dem Sombrero und begann, das Riemenband zu vernähen, langsame, gleichmäßige Stiche. „Dieses Zeichen gehört Leuten, die Dinge verschwinden lassen. Menschen. Schulden. Erinnerungen. Hier nannte man sie früher Los Hombres.“
Lian lachte auf. „Die Männer? Das ist echt einfallslos. Ich dachte Gangster hätten Klasse.“
„Du legst dich besser nicht mit ihnen an.“ Er zog den Faden straff. „Sie entfernen lautlos, was stört.“
Lian sah durch das Schaufenster auf die Fußgängerzone. Ein Schulkind lutschte an einem Eis. Zwei Teenager fotografierten sich gegenseitig. Die Welt, die nichts wusste.
„Ich suche einen Kerl“, sagte er. „Verschwunden vor fünf Jahren für eine Klientin, die mir nicht alles erzählt.“
„Klienten erzählen nie alles.“ Adalbert nähte weiter. „Meistens wissen sie selbst nicht, was wichtig ist.“
„Und wenn doch?“
Der alte Mann sah kurz auf. „Dann wissen sie auch, dass sie es nicht sagen dürfen.“ Er knotete den Faden ab, schnitt ihn sauber ab und hob den Sombrero ins Licht. Zufrieden. „Pass auf dich auf. Los Hombres sind verschwiegen und gründlich.“ Er reichte Lian den Hut. Der setzte ihn auf und zog die Krempe in die gewohnte Schräge.
„Was schulde ich dir?“
„Nichts.“ Adalbert wandte sich wieder seiner Werkbank zu. „Aber komm zurück, wenn du mehr weißt. Ich bin neugierig, wie das endet.“
„Vorsicht“, sagte Lian von der Tür aus. „Neugier ist gefährlich.“
„Ich bin zweiundsiebzig und habe keine Familie.“ Der alte Mann griff zum nächsten Hut, ohne aufzusehen. „Was wollen die mir noch nehmen?“
Die Glocke bimmelte. Draußen spielte der Straßenmusiker unbeirrt und falsch. Die Fußgängerzone nahm Lian auf und verschluckte ihn.
Kapitel 5 – Das Angebot
Die Tür zu Pepes Bistro quietschte, als Lian sie aufdrückte. Der Geruch nach Knoblauch, Tomatensoße und frischem Brot schlug ihm entgegen, vermischt mit dem leisen Klang von Opernmusik aus einem alten Radio in der Ecke. Die Wände waren mit abblätterndem Stuck verziert, die Metalltische mit rot-weiß karierten Tischdecken bedeckt, die schon so oft gewaschen worden waren, dass die Farben verblasst waren. An der Theke stand Pepe, ein kleiner, rundlicher Mann mit schwarzen, wuscheligen Locken. Er wischte sich die Hände an seiner Schürze ab und rief Lian zu: „Eh, ciao! Esse komme gleich!“
Lian setzte sich an seinen Tisch direkt neben dem Fenster. Das Mittagslicht fiel in streifigen Bahnen auf das abgenutzte Holz des Bodens. Er strich mit den Fingerspitzen über die Kante des Metalltischs, wo jemand vor Jahren mit einem Messer ein kleines Herz eingeritzt hatte. Es waren unwichtige Details, die ihm ein Gefühl von Vertrautheit gaben in einer so dynamischen Stadt wie dieser.
Pepe brachte nach wenigen Minuten das Essen: ein Glas Wasser mit einer Zitronenscheibe und ein Caprese-Sandwich. Lians Standardbestellung an einem Samstag Mittag seit 5 Jahren.
Lian nahm einen Bissen, kaute langsam. Der Geschmack von frischem Basilikum und salzigem Mozzarella erfüllte seinen Mund.
Die Tür wurde erneut geöffnet von einer Frau, die sich bewegte, als gehöre ihr das Bistro. Ein unbedeutender Ort, nur eine Bühne für ihren großen Auftritt. Sie musterte den Raum mit einem Blick, der Lian an die Art erinnerte, wie er selbst eine Szene analysierte: schnell, präzise, ohne etwas zu übersehen.
Dann kam sie direkt auf seinen Tisch zu.
Lian hob den Kopf, das Sandwich verharrte in der Hand auf halbem Weg zum Mund.
„Ist hier frei?“, fragte sie. Ihre Stimme war warm und verführerisch, aber mit einem Unterton wie eine brennende Lunte.
„Wenn Sie darauf bestehen.“
Sie setzte sich, ohne den Mantel abzulegen, und sah ihm tief in die Augen. „Sie sind Lian. Ich habe schon viel von Ihnen gehört.“
„Und Sie sind nicht Pepe“, antwortete er und biss ab. „Also haben Sie einen Vorteil.“
Ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen. „Elena.“
„Elena“, wiederholte er. „Klingt nach einer Frau, die teure Weine trinkt.“
„Ich trinke lieber einen köstlichen Kaffee, schwarz und unverfälscht. So lässt sich das Leben genießen.“ Sie hob eine Hand und winkte Pepe heran. „Un caffè, per favore.“
Pepe nickte verschreckt und floh in die Küche.
Elena beugte sich leicht vor und säuselte: „Die drei von vorgestern Abend waren eine Warnung, die Sie leider nicht wahrgenommen haben.“
„Ah. Sie meinen die Herren mit dem Messer, dem Baseballschläger und dem mangelnden Sinn für Humor?“
„Ja genau. Sie sind ein kluger Mann.“
„Und was sind Sie dann? Die nächste Warnung?“
Sie schüttelte den Kopf und legte eine Spur mehr Erotik in ihre Stimme: „Ich bin das Angebot.“
Lian musterte sie. Ihr Blick war ernst, aber in ihren Augen lag etwas, das er nicht deuten konnte. War es Erwartung oder Belustigung? Er trank einen Schluck Wasser. „Das Angebot? Die meisten Frauen die ich kenne, sind subtiler beim Flirten.“
Sie lachte so laut auf, dass sich alle Gäste im Bistro herumdrehten und zu ihrem Tisch starrten. Lian ärgerte sich über seine leichtsinnige Bemerkung. Ungewünschte Aufmerksamkeit war das Letzte, was er jetzt brauchte.
Sie wischte sich eine Träne aus dem Auge und kehrte zurück zu einer geschäftsmäßigen Gelassenheit.
„Verzeihen Sie bitte, ich war unpräzise. Ich überbringe Ihnen ein Angebot bzw. eine Chance.“
„Wenn Sie mir eine Chance anbieten, dann wahrscheinlich für etwas, das ich nicht will. Sonst wären Sie nicht hier.“
„Sie sind misstrauisch. Das ist gut. Ich mag solche Männer, die leben länger.“
„Ich bin vorsichtig. Das ist besser.“
Sie strich mit einem Finger über den Rand ihrer Kaffeetasse, die Pepe gebracht hatte. Dann leckte sie langsam die Crema von ihrer Fingerspitze „Ich arbeite für Leute, die Antworten auf Ihre Fragen haben über den Mann, den Sie suchen.“
Lian nahm einen weiteren Bissen. „Und warum sollte ich Ihnen vertrauen?“
„Weil Sie clever sind. Wir wollen, dass die cleveren Jungs für uns arbeiten. Den Ring unserer Organisation haben sie schon. Tragen Sie ihn das nächste Mal und Türen werden sich für sie öffnen.“
„Das klingt nach einem schlechten Deal.“
„Es klingt nach einem Deal, der Ihnen das Leben rettet. Vielleicht können wir uns dann später besser kennenlernen.“
„Sie haben gesagt, die drei waren eine Warnung und Sie sind das Angebot. Also, was kommt als Nächstes? Die Rechnung?“
Elena trank ihren Kaffee auf einen Zug leer und erhob sich elegant von ihrem Stuhl. Dann beugte sie sich nach vorne und flüsterte: „Die Rechnung kommt immer, Lian. Die Frage ist nur, wer sie bezahlt. Sie werden sehr bald Gelegenheit haben, das herauszufinden.“
Sie richtete sich wieder auf, drehte sich auf dem Stilettoabsatz herum und verließ die Trattoria. Die Tür quietschte hinter ihr.
Pepe brachte wortlos die Rechnung und legte sie auf den Tisch.
„Alles in Ordnung, Amico?“, fragte Pepe, während er die leere Kaffeetasse wegräumte.
„Alles bestens“, antwortete Lian. „Aber ich glaube, ich habe gerade mein erstes Date vermasselt.“
Pepe starrte ihn an, dann zuckte er mit den Schultern. „Du hast kein Date vermasselt. Du hast dein Leben vermasselt.“
Kapitel 6 – Die Mahnung
Die Tage im späten Oktober flossen gemächlich in Richtung Zukunft. Lians Problem kam aus der Vergangenheit, denn der Umschlag mit der Stromrechnung lag seit elf Tagen auf seinem Schreibtisch und die Mahnung hatte einen gereizten Ton angenommen.
Er steckte den Brief in die Innentasche der Lederweste, zog sich einen Mantel über und trat auf die Straße. Es war kurz nach zehn. Das Viertel döste in morgendlicher Schläfrigkeit. Der Bäcker zwei Häuser weiter schob leere Bleche durch die Hintertür. Eine Frau im zweiten Stock hing Wäsche auf, methodisch und ohne Eile. Lian schüttelte unmerklich den Kopf. Diese weißen Laken würde das rußige Grau der Straße annehmen, während sie nicht trockneten, denn die trübe Spätherbstsonne blieb hinter dicken Wolken verborgen. Aus dem Kiosk an der Ecke drang das gedämpfte Gemurmel eines Radiosenders. Lian grüßte den Kioskbesitzer mit einem Nicken. Der nickte zurück, ohne aufzusehen. Ein perfektes Gespräch.
Er folgte seinem bevorzugten Weg durch eine kaum genutzte Parallelstraße. Hier waren weniger Menschen unterwegs, das gab ihm die nötige Ruhe zum Nachdenken. Die Straße roch nach feuchtem Asphalt und Herbstlaub. Jemand hatte vor einem Hauseingang einen Blumenkübel hingestellt, in dem nichts mehr wuchs, aber der trotzdem jeden Morgen frisches Wasser bekam, wie die Erde darin bewies. Lian grinste. Hier wohnte ein Optimist oder jemand mit schlechtem Gedächtnis.
Aus den Augenwinkeln sah er eine Veränderung in der Gasse. Die Art von Detail, über die man hinwegsieht, weil das Gehirn entschieden hat, dass es keine Rolle spielt. Ein Stück Wand neben dem dritten Hauseingang auf der linken Seite, auf Hüfthöhe, zwischen zwei verblassten Graffiti-Schichten. Flinke Hände hatten dort mit einem dünnen Gegenstand ein Muster in den Putz geritzt. Es war kaum handtellergroß, so flüchtig ausgeführt, wie eine Kritzelei während eines langweiligen Telefonats. Aber die Linien waren gleichmäßig und die Abstände präzise. Das war kein Zufall. Er blieb stehen und sah es sich genauer an: Vier Linien, die sich in einem Punkt trafen, mit einer fünften die schräg hindurchlief. Darunter zwei kleine Bögen, fast wie Augenbrauen.
Er kannte das Zeichen nicht. Das war selten. Er zog den Umschlag mit der Stromrechnung aus der Innentasche und skizzierte das Muster auf die Rückseite, schnell und genau. Dann steckte er ihn wieder ein und wanderte weiter in Richtung Bank.
In der nächsten Straße zählte er seine Schritte ab der Hausecke. Bei 43 verharrte er und lauschte, denn auf dem Platz vor der Volksbank stand ein großer Brunnen, dessen Plätschern exakt an diesem Ort zum ersten Mal zu hören war. Es gehörte zu seinen Ritualen hier innezuhalten und zu lauschen, seit er 5 Jahre alt war. Der wöchentliche Gang zur Bank war für seine Mutter ein feierlicher Akt und manchmal nahm sie ihn mit. Dann hörte der kleine Maximilian mit großen Ohren den Gesprächen der Erwachsenen zu. Der Gedanke an seinen vollen Namen schnitt brennender in seine Gefühlswelt, als die Mahnung in seiner Brusttasche. Die Kinder hatten ihn gehänselt und seine Mutter gab ihm hilflose Liebe. Die ganze Kindheit hindurch war er Max oder Maxi, niedlich und unauffällig sollte er sein und er hatte es gehasst. Der volle Name wurde nur benutzt, wenn er hart über die Stränge geschlagen hatte. Seit seiner Pubertät nutzte er ausschließlich den letzten Teil seines Vornamens. Das war Verbindung genug in eine lästige Vergangenheit und seine wahre Identität.
Doch heute stand er an der gewohnten Stelle und hörte nichts. Er bewegte sich einige Schritte weiter. Eine Laune der Akustik und der Geometrie der Häuser sorgte dafür, dass das Plätschern des Brunnens lauter und leiser wurde, während man die Gasse entlang lief. Das Geräusch war da, aber es erklang an den falschen Stellen. Lian wurde nervös. In seinen Ritualen waren Veränderungen ebenso wenig vorgesehen, wie Mahnungen in seinem Budget. Er bewegte sich langsam vorwärts, schloss dabei die Augen und vertraute vollständig auf die Ohren. Er rettete sich an Orte, wo das Plätschern lauter wurde und verzweifelte in den Passagen dazwischen.
Plötzlich stieß er mit dem Sombrero gegen ein unvorhergesehenes Hindernis. Vor dem Haus Maurergasse 12 stand ein Gerüst. Eine Scheußlichkeit aus dreckigem Metall und quietschenden Streben ragte vor ihm empor, eingehüllt in eine grüne Plane.
Er dachte: „Warum gibt es hier ein Gerüst? Die Maurergasse ist eine der stillsten Ecken des Viertels. Die Häuser sind in die Jahre gekommen aber gepflegt. Hier hat sich seit 20 Jahren nichts mehr verändert.“
Sein Blick glitt nach oben. Zwischen den Streben des Gerüsts bewegten sich Männer in Malerklamotten, doch die typischen Utensilien fehlten. Er zog den Sombrero etwas tiefer ins Gesicht und setzte seinen Weg fort. Dabei musterte er unauffällig das Gebilde. An einer Stelle wölbte sich die Plane nach außen. Ein Zementsack war als Ursache ebenso möglich wie ein leichtsinniger Beobachter. Die Arbeiter riefen sich etwas zu, das Lian nicht verstand. In seinen Ohren klang es, als hätten sie Arabisch gesprochen. Ein kalter Schauer kroch ihm den Nacken hinab. Adalberts Stimme hallte in seinem Kopf: „Sie entfernen lautlos, was stört.“ Doch diese Männer erinnerten ihn mehr an den Nachtklub, aus dem das angebissene Pik Ass stammte. Ihm wurde flau im Magen und seine Gedanken drehten sich immer schneller: Stand das Gerüst nur hier, um ihn aus der Fassung zu bringen? War ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt? Oder waren das tatsächlich nur Bauarbeiten und er wurde langsam paranoid?
Äußerlich gefasst aber innerlich aufgewühlt erreichte er den Brunnen. Hier hatte sich nichts verändert. Er hielt sich am Brunnenrand fest. Das kalte Wasser lief über seine Finger und kühlte seine Aufregung herunter. Er atmete tief durch und sah sich um. Der Platz und die umgebenden Häuser bereiteten sich auf den Winterschlaf vor. Die Feierlichkeiten des Sommers waren entschwebt und hatten düsteres Grau zurückgelassen. Lian sah hoch: Die Volksbank Filiale war das größte Gebäude. Rote Klinker bedeckten die Fassade. Schmucke Fensterrahmen aus Marmor zeugten von bürgerlichem Reichtum. Die anderen Häuser duckten sich in den Schatten dieses Bauwerks, so wie sich der kleine Maxi neben seiner Mutter geduckt hatte, vor diesen Stufen hinauf zum Tempel des Geldes. Der Gang zur Bank wurde mit mehr Ehrfurcht vollzogen, als das sonntägliche Gebet in der Kirche.
Er zögerte, die Hand fest am Brunnenrand. Dann gab er sich einen Ruck und stieg die Stufen empor. Die automatische Glastür öffnete sich vor Lian gehorsam und ein Schwall Wärme strömte ihm entgegen. Die depressive Stille auf dem Platz wich einer geschäftigen, vornehmen Stille des Geldes. Er passierte die Geldautomaten und Kontoauszugsdrucker und steuerte auf die Schalter in der großen Halle zu. Zu seiner freudigen Überraschung sah er, dass Marlene Willmer heute Dienst hatte. Verschämt trat er vor sie und zog stumm die Mahnung aus der Tasche. Sie betrachtete den Zettel und schüttelte den Kopf. Dann schenkte sie ihm ein Lächeln und sagte: „Hallo Herr Sandemann, das sieht nicht gut aus. Ich erledige das natürlich für Sie, aber ich sorge mich um Ihre Zahlungsmoral und den Schufa Score. Diese ganzen Mahnungen wirken sich negativ aus. Das hätte Ihre Mutter sicher nicht gewollt, oder?“
Lian nuschelte etwas Unverständliches.
„Kann ich sonst noch etwas für Sie erledigen?“
„Nein Danke, Frau Willmer. Für heute wäre es das.“
Erleichtert drehte Lian sich herum und verließ das große Gebäude. Er schritt die Treppen hinunter und wandte sich nach rechts in Richtung Marktplatz. Aus dem Schatten löste sich ein Mann und lief leichtfüßig neben ihm her. Er trug einen eleganten Anzug mit einem beigen Trenchcoat und einem Fedora in der gleichen Farbe.
Er wartete, bis er Lians Aufmerksamkeit hatte, dann flüsterte er: „Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Ich bin der den sie ‚den Doktor‘ nennen und ich glaube Sie haben etwas, das mir gehört.“