Nebel hat kein Gedächtnis

Kapitel 1 – In der Klemme

„Du hast wohl letzte Nacht mit einem Tarzan-Heft unter dem Kopfkissen geschlafen!“
„Dich hierher zu trauen, war mutig. Mutig aber dumm“
„Ist dein Testament aktuell?“

Drei finstere Gestalten hatten Lian in einer dunklen Gasse eingekreist. Er zog langsam die Krempe seines Sombreros nach unten – nicht aus Angst, sondern damit die Laterne ihm nicht in die Augen schien. Er ließ den Blick einmal im Halbkreis wandern. Links: Messer. Rechts: Baseballschläger. Mitte: leere Hände, aber der gefährlichste Gesichtsausdruck von allen dreien.

„Mein Testament?“ Er schnalzte mit der Zunge. „Das bin ich noch am Ergänzen. Ihr seid nämlich nicht drin.“

Der Mann mit dem Messer trat einen Schritt vor.

„Letzte Chance, Sombrero. Verrate uns den Aufenthaltsort des alten Sam!“

„Oh, ihr kennt den alten Sam auch?“ Lian ließ die Hände locker an den Seiten hängen. „Ich soll euch einen schönen Gruß von ihm ausrichten. Beim nächsten Mal wird er  euch zu  Fischfutter machen!“

Stille.

Schläger verlagerte das Gewicht mit einem kleinen Zucken. Der dritte, die Kapuze tief im Gesicht, zeigte eine knappe Geste. Die anderen beiden erstarrten. Der ist der Chef, registrierte Lian und machte einen entspannten Schritt seitwärts, genau zwischen Messermann und Kapuzenmann. 

„Sag mal,“ wandte er sich an Kapuze und zeigte mit dem Kinn auf Schläger, „weiß dein Kumpel eigentlich, dass der Doktor ihm nur die Hälfte zahlen wird?“ Es war ein Schuss ins Blaue, denn in dieser Stadt konnte man nie sicher sein, zu welcher Bande die Gangster gehörten. Kapuze zuckte unwillkürlich mit dem Kopf in Richtung des Schlägertypes und zeigte Lian, dass er getroffen hatte.

„Was redest du da?“ knurrte Schläger.

„Nichts, nichts“, sagte Sombrero beschwichtigend, und trat dabei einen weiteren kleinen Schritt nach links, sodass Kapuze und Messer jetzt auf einer Linie hinter ihm standen. „Nur falls ihr euch fragt, warum der Doktor drei starke Kerle für einen Jammerlappen wie mich beauftragt hat: Er bezahlt nur den Ersten, der zurückkommt!“

Einige Sekunden verstrichen. Die gespannte Stille wurde greifbar.

„Das stimmt nicht“, sagte Kapuze zu den anderen beiden.

Lian war längst einen weiteren Schritt zur Seite getreten, fast beiläufig, wie jemand der Platz macht. Messer und Kapuze standen sich jetzt direkt gegenüber, Schläger schräg dahinter, die Anspannung zwischen ihnen knisternd.

„Er lügt“, sagte Kapuze scharf.

„Deswegen warst du dir vorhin so sicher!“, schrie Messer und sprang vor. Kapuze drehte sich elegant zur Seite und griff dabei nach Lians Arm. Messers Klinge verfehlte ihr Ziel und bohrte sich tief in den Oberschenkel des Schlägertypen. Der schwang seinen Baseballschläger instinktiv und traf Kapuze am Kopf. Ein hässliches Knirschen ertönte. Kapuze fiel und riss Lian mit. Der kalte Asphalt der Straße unter Lians Rücken stand im Kontrast zu etwas Warmen, Klebrigen, das von oben herabtropfte. Er erwartete den finalen Schlag, als sich über ihm ein Schatten bewegte. Flink wie ein Wiesel kam Messer hoch, zog seine Lieblingswaffe aus dem blutenden Bein und stach weiter oben erneut zu. Der Auftrag war vergessen. Hier ging es um Rache. Schläger krümmte sich vor Schmerzen und brüllte wie ein angeschossener Stier, aber er blieb Herr seiner Sinne. Der nächste Schwinger bescherte Messer einen kurzen Flug zur gegenüberliegenden Hauswand. 

Lian kam keuchend unter Kapuze hervor. Das hatte er so nicht geplant. Sein geliebter Sombrero hatte einen weiteren Riss abbekommen. Während er sich von dem bewusstlosen Kapuze befreite und nebenbei die Lage sondierte, fiel ihm ein goldener Ring an der rechten Hand des Gangsters auf. Mit einer fließenden Bewegung ließ er das Schmuckstück in der Brusttasche seiner Lederweste verschwinden. Er belohnte sich für den gewonnenen Kampf mit einer wichtigen Trophäe.

Dann stand er auf und zog ein Handy hervor. Damit wählte er nacheinander den Notruf des Rettungsdienstes und der Polizei: Zuckerbrot und Peitsche. In dieser Nacht sollte niemand sterben und keiner entkommen. Der alte Sam würde sich beim nächsten Treffen zu einem zynischen Kommentar hinreißen lassen.

Lian verließ die Gasse wie jemand, der einen Abendspaziergang hinter sich hatte. Keine Eile, keine gehetzten Blicke. Nur ein Unbeteiligter, der die Nachtluft genoss.

Die Hauptstraße empfing ihn mit der monotonen Tristesse einer unschuldigen Nacht im späten Oktober. Im Haus gegenüber flackerte das Fenster im dritten Stock unruhig im Licht eines Fernsehers. Fetzen von Musik und Gesang waberten herüber aus der abgeratzten Cocktail Bar fünf Gebäude weiter. Lian blieb im Schatten eines Hauseingangs stehen, die Schulter leicht an den Stein gelehnt. Eine grauhaarige Frau mit Dackel an der Leine huschte eilig vorbei.

Er drehte den Ring zwischen den Fingern. Ein verschnörkeltes Emblem zierte den Ring und Lian wusste Bescheid: Das war kein triviales Schmuckstück, sondern der Ausweis eines Syndikates.

Er dachte: „Ich habe nicht mit ihnen gerechnet. Das macht den Fall interessanter.“

Die Minuten zogen träge vorbei. Ein Taxi hielt kurz an und entließ drei Menschen in die Dunkelheit. Über ihm im Haus wurde laut gestritten. Normales Leben in einer außerordentlichen Nacht.

Dann — weit weg noch, aber unverwechselbar — das erste Martinshorn. Lian löste sich aus dem Schatten und verwandelte sich durch leise, gleichmäßige Bewegungen in einen harmlosen Fußgänger, der unbeschadet sein Zuhause erreichen wollte. Er war längst um die nächste Ecke verschwunden, als das Blaulicht die Hausfassaden färbte.

Kapitel 2 – Geschichtsstunde

Das Bier leuchtete golden in seinem Glas. Wasserdampf aus der überhitzten Kneipe kondensierte an der Außenseite. Mit einem Zischen platzten einzelne Bläschen der perlweißen Schaumkrone.

Lian saß am Tresen in seiner Lieblingskneipe und ließ den Wortschwall über sich ergehen, den Bernd ungefragt über ihn ausschüttete.

„Ich war mal in Acapulco. Da gibt es diese eine Bar, direkt am Strand. Die Wände sind voller Fotos von Touristen, die dort ihren letzten Drink vor dem großen Abenteuer tranken. Ich lernte dort einen alten Fischer kennen, der mir Seemannsgarn erzählte: von Haien, die nachts an Land kommen und von Schätzen, die am Meeresboden liegen und nur darauf warten, gefunden zu werden…“

Lian seufzte innerlich und drehte das Glas langsam in den Händen. Das war seine Art, über die Geschehnisse vorhin in der Gasse nachzudenken. Seine Fingerabdrücke zogen Spuren im feinen Nebel aus Kondenswasser. Sie bildeten ein komplexes Muster mit der Form des Bierhumpens. Warum ein Angriff zu diesem Zeitpunkt? Er war im aktuellen Fall nur in Trippelschritten weiter gekommen. Doch offensichtlich hatte er jemand verärgert. Im Bier glitzerte das Licht untermalt vom dunklen Holz der Theke. Das Geschwätz von Bernd kannte er schon. Es perlte mühelos an ihm ab.

„In Oaxaca gab es diese Märkte, wo die Luft so schwer ist von Gewürzen und Rauch, dass man meinen könnte, die Sonne selbst hätte sich darin verfangen. Dort traf ich einen alten Zapoteken, der mir beibrachte wie man Tlayudas macht: aus Mais und Wasser, so groß wie ein Teller und knusprig wie ein Versprechen.“

Lian nahm einen Schluck. Das Bier war kalt und leicht bitter, genauso wie es sein sollte. Er lehnte sich ein wenig zurück und ließ den Blick durch den Raum schweifen — eine alte Gewohnheit, die er nicht abschalten konnte, auch wenn er gewollt hätte. Er bemerkte einmal mehr die Risse im Putz über der Eingangstür. Das schiefe Bild an der Wand war ein billiger Druck, der eine kitschige Hafenszene darstellte. Bunte Häuser, leuchtende Schiffe und graue Möwen. Hinter dem Bild war die Tapete vermutlich weiß, so lange hing es schon unverändert schief herum. Ein Relikt aus den besseren Tagen dieser heruntergekommenen Eck-Kneipe. 

„… und in Cartagenas Altstadt war diese eine Gasse – so schmal, dass ich die Arme ausstrecken und beide Seiten berühren konnte. Der Besitzer des Hostels nannte mich El Aleman Loco – den verrückten Deutschen. Weil ich jeden Abend bis zum Morgengrauen mit den Einheimischen Domino gespielt habe. Die haben mich immer gewinnen lassen. Aus Mitleid.“ Seine Stimme wurde leiser. „Oder aus Respekt. Bei denen wusste man nie so genau.“

Bernd seufzte und atmete tief durch. Lian sah von seinem Bier hoch und wunderte sich, denn der Barkeeper redete für gewöhnlich ohne Punkt und Komma. Lediglich gezielt gesetzte Spannungspausen unterbrachen seinen Redefluss.

Zum ersten Mal an diesem Abend betrachtete er Bernd mit voller Aufmerksamkeit: Da waren der perfekt rasierte Schädel und der gepflegte Vollbart, glänzend und schimmernd wie immer. Doch die Augenringe schienen in dieser Nacht dunkler als sonst und seine Augen wirkten stumpf und ausdruckslos. 

„Bernd, warum erzählst du mir ständig Geschichten aus Lateinamerika? Warst du wirklich überall, wo du behauptest, dass du warst?“

„Ich will meine Kunden unterhalten, das gehört zum Job als Barkeeper. Ich war fünfzehn Jahre lang Reiseleiter und habe ganz Lateinamerika gesehen. Dabei sammeln sich eine Menge Geschichten an. Du warst doch garantiert oft dort und ich möchte, dass du dich wie zu Hause fühlst.“

Lian sprach in sein fast leeres Bierglas: „Bernd, ich war noch nie in Lateinamerika, nicht mal in Spanien.“

„Echt nicht? Da hast du wirklich was verpasst!“

„Aber es ist die Wahrheit. Den Sombrero habe ich nur wegen einer albernen Wette am Tag nach dem mündlichen Abitur aufgesetzt.“ 

Bernd starrte ihn kurz verwirrt an, anschließend brach er in trockenes Gelächter aus. „Dann trägst du deine Lebenslüge auf dem Kopf, während meine vier Wände und einen Zapfhahn hat.“

„Was hat dich hierher gebracht. Offensichtlich hat es dir dort ja gut gefallen?“

Bernd wurde schlagartig ernst und seine Stimme sank zu einem Flüstern.

„Mir wurde klar, dass ich nicht für die Touristen arbeitete. Dahinter standen Leute mit anderen Interessen.“

Lian hob eine Augenbraue. „Was für Interessen?“

Bernds Blick wanderte zur Tür, dann zum Fenster, als würde er unsichtbare Schatten fürchten. „Die Art, bei der man plötzlich Aufträge bekommt. Die Art, bei der man aufpasst, wo man seinen Pass hinlegt. Die Art, bei der man merkt, dass man der Köder ist, nicht mehr der Guide. Frag mich nicht, wie ich es geschafft habe, hierherzukommen. Ich will es nicht noch mal durchleben.“ Seine Finger krallten sich um den schmierigen Lappen. „Aber eines sag ich dir: Die, für die ich gearbeitet habe, die vergessen nie.“

Er zuckte mit den Schultern. „Jetzt bin ich zu unbedeutend und zu weit weg. Sie wissen natürlich wo ich stecke, aber sie lassen mich in Ruhe.“

Lian zog den Ring aus der Brusttasche und hielt ihn Bernd hin. „Dann hast du so etwas gewiss ebenfalls gesehen.“

Bernd nahm den Ring und drehte ihn dicht vor den Augen im Licht der Lampe. Dann pfiff er durch die Zähne. „Diese Schmuckstücke sieht man selten in Europa! Lass die Finger davon. Das ist eine Nummer zu groß für dich!“

Kapitel 3 – Der Auftrag

er nächste Tag war ein Freitag und Lian saß allein in seinem schäbigen Büro. Seine Stiefel ruhten auf der abgegriffenen Ecke des alten Holzschreibtisches. Mildes Herbstlicht fiel durch blind gewordene Scheiben. Es erzeugte in dem Zimmer eine diffuse Helligkeit und lange, tiefe Schatten. Er drehte den Ring in den Fingern. Auf seinem Schreibtisch hatte er seine bisherigen Indizien ausgebreitet: 

Ein Pik Ass, in das jemand – vermutlich vor Wut – hineingebissen hatte. Daneben lag ein verwaschenes, grau-blaues Halstuch mit Paisley-Muster. Etwas entfernt stand der Zylinder eines Zauberers, der zu Lians Bedauern keinen doppelten Boden aufwies. 

Ungeduldig warf er den Ring auf den Schreibtisch, wo er gegen das große Wasserglas klirrte. Das Geräusch durchschnitt scharf die Stille im Zimmer. Dann kehrten die Hintergrundgeräusche wieder zurück. Das Surren des Kühlschranks in der Ecke, das Klappern der Heizung untermalt vom gedämpften Rauschen der Stadt. Sie verliehen der Stille Substanz. 

„Wo soll ich anfangen zu suchen?“, fragte er das verstaubte Bild seines Großvaters an der Wand gegenüber. „Wie passt ein ausländisches Syndikat in den Fall? Muss das überhaupt da rein passen?“

Seine Gedanken wanderten zurück in die vorletzte Woche:


Damals hatte er zurückgelehnt auf seinem Stuhl gesessen und betont gelangweilt mit einem Kugelschreiber gespielt. Der Stift klackte gegen die Decke, fiel herunter und landete in seiner Hand. Der Vorgang wiederholte sich über Stunden, denn Lian war Meister darin, eine monotone Langeweile in aller Tiefe auszukosten. Kurz bevor das Gehirn völlig erweichte, fing es normalerweise an, nützliche Gedanken zu produzieren.

Doch an diesem Morgen hatte eine Frau seine Routine gestört. Fünf Minuten nach zehn stand sie in seinem Büro. Ihr dunkles Haar war eilig hochgesteckt, der rote Lippenstift betonte das schmale, blasse Gesicht unnatürlich deutlich, obwohl er unsauber aufgetragen war. Ihr Mantel wirkte zu elegant für diese Gegend, aber Lian fiel auf, dass er am Saum ausgefranst war. Sie stand zögernd in der offenen Tür und folgte dem Auf und Ab des Kugelschreibers. Ihre Hände öffneten und schlossen sich unstet und krampfartig. Eine vertraute Duftmischung aus bodenständiger Ehrlichkeit und Bohnerwachs zog mit ihr aus dem Treppenhaus ins Zimmer.

Er war nicht bereit, aus seiner Monotonie gerissen zu werden, aber ihre Präsenz verlangte nach Aufmerksamkeit. Er legte den Stift betont lässig zur Seite und tippte sich an die Hutkrempe. Sie musterte ihn mit unstetem Blick.
„Hallo, ich suche einen Mann, der vor fünf Jahren in dieser Stadt verschwunden ist. Offiziell gibt es keine Akte, keine Leiche, keine Spuren, nur Gerüchte.“
„Das ist eine Weile her. Warum kommen Sie erst jetzt und warum kommen Sie zu mir?“
„Man hat mir berichtet, Sie wären der Beste der noch übrig ist. Früher hätte ich einen Lakaien für solche Botengänge geschickt, doch heute muss ich das selbst erledigen.“
Sie legte einen Umschlag auf den abgewetzten Schreibtisch. Darin steckten zwei Fotos. Das eine zeigte einen Mann im Anzug, geschätzt Mitte zwanzig. Das andere ein verwüstetes Hotelzimmer. Dazu ein Zeitungsausschnitt mit einem Artikel über einen ‚Unfall‘ auf einer Baustelle. Drei Tote wurden erwähnt aber keine Namen genannt. Dahinter einige 100€ Scheine.

Sie sah sich gehetzt um und wandte sich dann wieder ihm zu.
„Nehmen Sie das Geld als Anzahlung. Bei Erfolg gibt es mehr. Der Mann auf dem Foto ist mein Bruder. Oder zumindest behauptete er das.“
Lian hob eine Augenbraue. „Sie haben ihren eigenen Bruder nicht erkannt?“
„Ein Halbbruder! Habe ihn vor zehn Jahren, das letzte Mal gesehen. Menschen verändern sich. Bitte finden Sie ihn, oder wenigstens seine Leiche.“
„Der Mann sieht viel jünger aus als Sie.“
Ihre Hände öffneten und schlossen sich mehrmals. Sie atmete tief durch.
„Es ist ein altes Foto. Wollen Sie den Auftrag, oder nicht?“
„Das Zimmer sieht aus wie ein Hotelzimmer. Wo ist das Foto entstanden?“
„Das ‚Vier Jahreszeiten‘ an der Hafenstraße. Gutes Hotel. Dort haben sie ihn erwischt.“
„Was hat es mit der Baustelle auf sich?“
„Sie sind doch der Detektiv. Wofür bezahle ich sie?“
„Sie haben den Artikel in die Unterlagen gelegt, also hat er für Sie eine Bedeutung.“
„Es könnte eine Spur sein. Offiziell war er Bauleiter für genau diese Baustelle.“
„Ich werde sehen was ich herausfinden kann. Wo und wie kann ich sie erreichen?“

Sie fixierte ihn mit einem eiskalten Blick, doch ihr Rücken krümmte sich.
„Ich muss mich schützen. Vertrauen ist kostbar in diesen Tagen. Daher werden wir einen professionellen Kontakt pflegen. Zu gegebener Zeit werde ich mich bei Ihnen melden. Bitte seien Sie bis dahin ein braver Junge und erledigen die Aufgabe.“
Dann drehte sie sich um und stolperte eilig die Treppe hinunter.


 Draußen fuhr ein Krankenwagen mit Sirene vorbei und riss Lian wieder zurück in die Gegenwart. Er griff in die Schreibtischschublade, suchte und fand den Briefumschlag und entnahm ihm das Foto. Er zog eine Lupe aus dem Sombrero und betrachte das Bild des fremden Mannes genau. Verschwommen war ein goldener Ring an der rechten Hand zu erkennen, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Exemplar auf seinem Schreibtisch aufwies. 

Kapitel 4 – Der Hutmacher

Am Samstagmorgen gegen halb elf schritt Lian durch die Fußgängerzone auf dem Weg zum Hutladen von Adalbert Voss. Das war sein wöchentliches Ritual und er hasste den Weg von ganzem Herzen. An diesem Morgen hatten vier Rentner mit Einkaufstrolleys den Durchgang blockiert gefolgt von zwei Müttern mit Kinderwagen im Slalomkurs.
Kurz vor dem Laden stand ein Straßenmusiker und malträtierte seine Mundharmonika. Die schrägen Töne ließen eine Zahnfüllung in Lians Mund vibrieren.

Das Schaufenster des Hutladens war so alt und so selbstverständlich wie die Straße selbst. Kein Neonlicht wie die Boutique links daneben und keine Sonderangebote, mit denen die Drogerie rechts warb. Nur Hüte auf stummen Dienern, arrangiert mit einer Sorgfalt, die aus einem langen Berufsleben entsteht. Neben der Tür hing ein messingfarbenes Schild: A. Voss – Hutmacher seit 1888. Jemand hatte es vor Jahren poliert. Seitdem nicht mehr. Es glänzte trotzdem.
Lian drückte die Tür auf. Eine Glocke bimmelte. Drinnen roch es nach Leder, Schellack und dem süßlichen Dunst von Bügeldampf. Hüte füllten die Regale und Ständer. Viele halb fertige Exemplare rangen um den Platz auf der langen Werkbank, die den hinteren Teil des Ladens ausfüllte. Die Einrichtung hatte sich seit Jahrzehnten nicht verändert. Das war keine Nachlässigkeit, sondern Haltung.
Drei Kunden standen verteilt im Geschäft. Einer probierte vor dem ovalen Wandspiegel einen Panamahut, drehte den Kopf hin und her mit dem konzentrierten Ernst eines Mannes, der eine wichtige Entscheidung trifft. Die anderen beiden warteten. Adalbert stand daneben und führte ein Beratungsgespräch. Er war ein mittelgroßer, älterer Herr mit einem streng in Form gekämmten Seitenscheitel. Er trug eine randlose Brille weit unten auf der Nase, sodass er die Welt entweder über oder durch das Glas betrachten konnte, je nachdem, was er in der Situation für angemessen hielt. Er sah kurz auf, als die Glocke bimmelte und registrierte Lian mit einem kaum merklichen Nicken. Der Neuankömmling verschwand in einer dunklen Ecke und wartete. Er war gut im Warten und beobachten.
Den Panamakunden beriet Adalbert mit drei präzisen Sätzen:
„Zu ihrer Kopfform passt eine mittlere Krempenbreite. Sie haben mit ihrem ersten Griff ein glückliches Händchen bewiesen. Die meisten Kunden wissen intuitiv, welcher Hut zu ihnen passt.“
Der Kunde murmelte etwas, das Lian nicht verstand. Adalbert erwiderte laut: „Wir können gerne jederzeit über den Preis verhandeln, aber nur nach oben. Meine Hüte sind Qualitätsarbeit und ich weiß was sie wert sind.“
Der Mann kaufte. Die anderen beiden folgten in ihrem eigenen Tempo. Adalbert war kein Verkäufer. Er war jemand, der Bescheid wusste und das reichte.
Der letzte Kunde schloss die Tür hinter sich und die Glocke bimmelte wie ein höfliches Schlusswort. Adalbert sah in die Schatten. „Den Sombrero.“ Lian zog ihn vom Kopf und legte ihn auf die Werkbank.
Adalbert nahm den Hut in die Hände und drehte ihn langsam. Seine Finger bewegten sich mit der gelassenen Sicherheit eines Mannes, der sein Handwerk verstand. „Das Riemenband ist wieder eingerissen.“
„Auf der linken Seite.“
„Immer auf der linken Seite.“ Er legte den Hut beiseite und betrachtete Lian mit den hellen Augen hinter der randlosen Brille. „Du hast Ärger.“
„Hatte“, sagte Lian. „Drei Mann in einer Gasse. Ist erledigt.“
„Habe davon gehört. Du machst dir einen Namen in der Stadt.“
Lian zog den Ring aus der Brusttasche und legte ihn auf die Werkbank, zwischen Faden und Lederreste. Adalbert ließ die Hände sinken.
Eine lange Sekunde verging. Der Hutmacher nahm das Schmuckstück nicht in die Hand. Er beugte sich nur vor und betrachtete es wie jemand, der ein schlafendes Tier nicht wecken möchte. „Zeig mir das Emblem.“
Adalbert schwieg und knetete seine Unterlippe. Dann schob er die Brille hoch und richtete sich langsam auf. Er öffnete eine flache Schublade unter der Werkbank und entnahm ihr ein rissiges Stück Papier, ein Handgriff genügte. Er entfaltete es sorgfältig und legte es neben den Ring.
Eine Skizze aus präzisen Strichen zeigte dasselbe Emblem auf vergilbtem Papier.
„Das habe ich vor fünfzehn Jahren gezeichnet“, sagte er. „Ein Kunde, mit genau so einem Ring am Finger, gab mir einen Hut zum reparieren. Der Mann hat ihn nie abgeholt.“ Er faltete den Zettel wieder zusammen. „Drei Tage später stand er in der Zeitung. Keine Papiere. Kein Name. Unfall, hieß es.“
Lian wartete.
„Damals war der Doktor noch nicht in der Stadt. Die Organisation wurde von seinem Vorgänger geleitet. Grobschlächtiger Kerl, Hutgröße 62. Der Doktor ist feiner und eleganter.“
„Du hast den Doktor persönlich kennengelernt?“
„Ja! Er liebt elegante Mode und ausgezeichnetes Essen. Ein eher unscheinbarer Mann, aber seine Aura strahlt hell.“
„Was ist das für eine Organisation von der du sprichst?“
„Es gibt Organisationen, die keine Namen wollen. Keine Büros, keine Listen. Nur Zeichen.“ Er griff nach dem Sombrero und begann, das Riemenband zu vernähen, langsame, gleichmäßige Stiche. „Dieses Zeichen gehört Leuten, die Dinge verschwinden lassen. Menschen. Schulden. Erinnerungen. Hier nannte man sie früher Los Hombres.“
Lian lachte auf. „Die Männer? Das ist echt einfallslos. Ich dachte Gangster hätten Klasse.“
„Du legst dich besser nicht mit ihnen an.“ Er zog den Faden straff. „Sie entfernen lautlos, was stört.“
Lian sah durch das Schaufenster auf die Fußgängerzone. Ein Schulkind lutschte an einem Eis. Zwei Teenager fotografierten sich gegenseitig. Die Welt, die nichts wusste.
„Ich suche einen Kerl“, sagte er. „Verschwunden vor fünf Jahren für eine Klientin, die mir nicht alles erzählt.“
„Klienten erzählen nie alles.“ Adalbert nähte weiter. „Meistens wissen sie selbst nicht, was wichtig ist.“
„Und wenn doch?“
Der alte Mann sah kurz auf. „Dann wissen sie auch, dass sie es nicht sagen dürfen.“ Er knotete den Faden ab, schnitt ihn sauber ab und hob den Sombrero ins Licht. Zufrieden. „Pass auf dich auf. Los Hombres sind verschwiegen und gründlich.“ Er reichte Lian den Hut. Der setzte ihn auf und zog die Krempe in die gewohnte Schräge.
„Was schulde ich dir?“
„Nichts.“ Adalbert wandte sich wieder seiner Werkbank zu. „Aber komm zurück, wenn du mehr weißt. Ich bin neugierig, wie das endet.“
„Vorsicht“, sagte Lian von der Tür aus. „Neugier ist gefährlich.“
„Ich bin zweiundsiebzig und habe keine Familie.“ Der alte Mann griff zum nächsten Hut, ohne aufzusehen. „Was wollen die mir noch nehmen?“
Die Glocke bimmelte. Draußen spielte der Straßenmusiker unbeirrt und falsch. Die Fußgängerzone nahm Lian auf und verschluckte ihn.

Kapitel 5 – Das Angebot

Die Tür zu Pepes Bistro quietschte, als Lian sie aufdrückte. Der Geruch nach Knoblauch, Tomatensoße und frischem Brot schlug ihm entgegen, vermischt mit dem leisen Klang von Opernmusik aus einem alten Radio in der Ecke. Die Wände waren mit abblätterndem Stuck verziert, die Metalltische mit rot-weiß karierten Tischdecken bedeckt, die schon so oft gewaschen worden waren, dass die Farben verblasst waren. An der Theke stand Pepe, ein kleiner, rundlicher Mann mit schwarzen, wuscheligen Locken. Er wischte sich die Hände an seiner Schürze ab und rief Lian zu: „Eh, ciao! Esse komme gleich!“

Lian setzte sich an seinen Tisch direkt neben dem Fenster. Das Mittagslicht fiel in streifigen Bahnen auf das abgenutzte Holz des Bodens. Er strich mit den Fingerspitzen über die Kante des Metalltischs, wo jemand vor Jahren mit einem Messer ein kleines Herz eingeritzt hatte. Es waren unwichtige Details, die ihm ein Gefühl von Vertrautheit gaben in einer so dynamischen Stadt wie dieser. Ein Besuch bei Adalbert verlangte nach einem Mittagessen in diesem Bistro.

Pepe brachte nach wenigen Minuten das Essen: ein Glas Wasser mit einer Zitronenscheibe und ein Caprese-Sandwich. Lians Standardbestellung an einem Samstag Mittag seit 7 Jahren. 
Lian nahm einen Bissen, kaute langsam. Der Geschmack von frischem Basilikum und salzigem Mozzarella erfüllte seinen Mund. 

Die Tür wurde erneut geöffnet von einer Frau, die sich bewegte, als gehöre ihr das Bistro. Ein unbedeutender Ort, nur eine Bühne für ihren großen Auftritt. Sie musterte den Raum mit einem Blick, der Lian an die Art erinnerte, wie er selbst eine Szene analysierte: schnell, präzise, ohne etwas zu übersehen. Dann kam sie direkt auf seinen Tisch zu.

Lian hob den Kopf, das Sandwich verharrte in der Hand auf halbem Weg zum Mund.
„Ist hier frei?“, fragte sie. Ihre Stimme war warm und verführerisch, aber mit einem Unterton wie eine brennende Lunte.
„Wenn Sie darauf bestehen.“
Sie setzte sich, ohne den Mantel abzulegen. „Sie sind Lian. Ich habe schon viel von Ihnen gehört.“
„Und Sie sind nicht Pepe“, antwortete er und biss ab. „Also haben Sie einen Vorteil.“
Ein leichtes Lächeln spielte um ihre Lippen. „Elena.“
„Elena“, wiederholte er. „Klingt nach einer Frau, die teure Weine trinkt.“
„Ich trinke lieber einen köstlichen Kaffee, schwarz und unverfälscht. So lässt sich das Leben genießen.“ Sie hob eine Hand und winkte Pepe heran. „Un caffè, per favore.“
Pepe nickte verschreckt und floh in die Küche.

Elena beugte sich leicht vor und säuselte: „Die drei von vorgestern Abend waren eine Warnung, die Sie leider nicht wahrgenommen haben.“
„Ah. Sie meinen die Herren mit dem Messer, dem Baseballschläger und dem mangelnden Sinn für Humor?“
„Ja genau. Sie sind ein kluger Mann.“
„Und was sind Sie dann? Die nächste Warnung?“
Sie schüttelte den Kopf und legte eine Spur mehr Erotik in ihre Stimme: „Ich bin das Angebot.“

Lian musterte sie. Ihr Blick war ernst, aber in ihren Augen lag etwas, das er nicht deuten konnte. War es Erwartung oder Belustigung? Er trank einen Schluck Wasser. „Das Angebot? Die meisten Frauen die ich kenne, sind subtiler beim Flirten.“
Sie lachte so laut auf, dass sich alle Gäste im Bistro herumdrehten und zu ihrem Tisch starrten. Lian ärgerte sich über seine leichtsinnige Bemerkung. Ungewünschte Aufmerksamkeit war das Letzte, was er jetzt brauchte.
Sie wischte sich eine Träne aus dem Auge und kehrte zurück zu einer geschäftsmäßigen Gelassenheit. 
„Verzeihen Sie bitte, ich war unpräzise. Ich überbringe Ihnen ein Angebot bzw. eine Chance.“
„Wenn Sie mir eine Chance anbieten, dann wahrscheinlich für etwas, das ich nicht will. Sonst wären Sie nicht hier.“
„Sie sind misstrauisch. Das ist gut. Ich mag solche Männer, die leben länger.“
„Ich bin vorsichtig. Das ist besser.“

Sie strich mit einem Finger über den Rand ihrer Kaffeetasse, die Pepe gebracht hatte. Dann leckte sie langsam die Crema von ihrer Fingerspitze „Ich arbeite für Leute, die Antworten auf Ihre Fragen haben über den Mann, den Sie suchen.“
Lian nahm einen weiteren Bissen. „Und warum sollte ich Ihnen vertrauen?“
„Weil Sie clever sind. Wir wollen, dass die cleveren Jungs für uns arbeiten. Den Ring unserer Organisation haben sie schon. Tragen Sie ihn das nächste Mal und Türen werden sich für sie öffnen.“ 
„Das klingt nach einem schlechten Deal.“
„Es klingt nach einem Deal, der Ihnen das Leben rettet.“
„Sie haben gesagt, die drei waren eine Warnung und Sie sind das Angebot. Also, was kommt als Nächstes? Die Rechnung?“

Elena trank ihren Kaffee auf einen Zug leer und erhob sich elegant von ihrem Stuhl. Dann beugte sie sich vor und flüsterte: „Die Rechnung kommt immer, Lian. Die Frage ist nur, wer sie bezahlt. Sie werden sehr bald Gelegenheit haben, das herauszufinden.“
Sie richtete sich wieder auf, drehte sich auf dem Stilettoabsatz herum und verließ die Trattoria. Die Tür quietschte hinter ihr.

Pepe brachte wortlos die Rechnung und legte sie auf den Tisch.
„Alles in Ordnung, Amico?“, fragte Pepe, während er die leere Kaffeetasse wegräumte.
„Alles bestens“, antwortete Lian. „Aber ich glaube, ich habe gerade mein erstes Date vermasselt.“
Pepe starrte ihn an, dann zuckte er mit den Schultern. „Du hast kein Date vermasselt. Du hast dein Leben vermasselt.“

Kapitel 6 – Gentlemen

Lian schlich vorsichtig durch die Schatten im Gebäude 9B-IV. Hier lagerten Paletten mit verpackten Maschinenteilen für den Export. Es roch nach frischem Öl, salziger Gischt und altem Fisch. Er pirschte sich durch das Labyrinth und verfluchte die spärliche Beleuchtung. Nervös sah er sich um. An einem Sonntag morgen war hier nichts los, doch ihm durfte kein Fehler passieren. 
Tastend fand er die richtige Luke im Boden, glitt leise hinab und schloss sie wieder geräuschlos. Unten glühte rot die LED des Iris-Scanners. Lian setzte den Sombrero ab und hielt sein linkes Auge dicht vor die Wand. Eine mechanische Verriegelung löste sich schwerfällig und die dicke Panzerstahl-Tür glitt lautlos zur Seite. 
Dahinter war ein kurzer Flur. Die Wände waren aus Edelstahl, die Decke gespickt mit Kameras und Sensoren. Die Tür hinter ihm schloss sich und der scharfe Geruch von Desinfektionsmittel erfüllte den Raum.
„Sam hat mal wieder aufgerüstet“, dachte Lian sarkastisch. 

Endlich öffnete sich die nächste Tür. Der große Saal dahinter hätte jeder englischen Adelsvilla alle Ehre bereitet, denn der alte Sam liebte den Luxus seiner Heimat: dunkles Mahagoniholz, Kronleuchter und Möbel mit der erhabenen Patina von Jahrzehnten. An den Wänden hingen Jagdgewehre, Ölgemälde von Vorfahren mit steifen Kragen und eine Karte der Stadt von 1920 – mit handschriftlichen Notizen an den Rändern, als hätte jemand die Geheimnisse der Stadt direkt auf das Papier gebrannt.

„Lian, es ist mir immer eine Freude dich zu sehen.“
Sam stand aus dem Sessel auf und umarmte Lian herzlich. 
„Der Weg zu dir wird jedes Mal komplizierter.“
„Kompliziert bedeutet, dass ich noch lebe.“
Sam lachte trocken und trat an die Bar, und schenkte sich einen Whiskey ein. Dann hielt er das Glas gegen das Licht und prüfte den Inhalt.
„Schottischer Single Malt, 30 Jahre alt. Diese Qualität findest du heute nicht mehr.“
Er setzte sich steif und würdevoll in einen Ohrensessel und lud Lian mit einer weiten Handbewegung ein, Platz zu nehmen.
„Was führt dich zu mir? Oder ist das nur ein Höflichkeitsbesuch?“
Lian ließ sich in einen der ledernen Sessel fallen, die so weich waren, dass sie ihn fast verschluckten. 

„Ich habe eine neue Klientin. Sie sucht ihren Halbbruder. Vor fünf Jahren verschwunden. Es gibt keine Akte und keine Leiche aber viele Gerüchte.“
Sam nippte an seinem Whisky. Sein Blick wurde scharf, als er das Glas wieder absetzte. 
„Und was hat sie dir noch erzählt?“
„Ihre Kleidung hat mehr erzählt als ihr Mund. Von einer Frau, die Luxus und Bedienstete gewöhnt ist und jetzt beides vermisst. Sie hat gesagt, ich wäre der Beste der noch übrig ist.“
Etwas zog über Sams Gesicht, schnell wie ein Wolkenschatten über einer Wiese, kaum greifbar und doch unübersehbar. Er verfiel in tiefes Schweigen. 

Der Butler kam und brachte Lian einen frisch aufgebrühten Pfefferminztee. 
„Vielen Dank James. Sie kochen einen exzellenten Tee. Den besten in der ganzen Stadt.“
Der Butler verneigte sich und verschwand so leise, wie er gekommen war. Sam beendete sein Grübeln, trat zu einem schmalen Sideboard und öffnete eine Schublade. Er entnahm ihr ein vergilbtes Foto und legte es vor Lian auf den Tisch. Das Bild zeigte einen jungen Mann mit Sams Augen – aber mit einem arroganten Lächeln, das Lian an jemanden erinnerte, der zu viel wusste und zu wenig Angst hatte.

„Es ist nicht zufällig diese Person?“
„Er hat eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Mann auf dem Foto, das jetzt auf meinem Schreibtisch liegt.“
„Deine Klientin ist meine Cousine Victoria. Das Foto zeigt ihren Sohn John.“
Lian beugte sich vor und betrachtete das Foto genauer, als müsste er sich selbst überzeugen. 
„Du wusstest sofort, wer gemeint war. Ohne den Namen zu hören.“
„Victoria sucht seit fünf Jahren. Sie hat es nie aufgegeben, denn John war ihr einziges Kind. Leider hatte er die Arroganz seiner Mutter geerbt. Er hielt sich für schlauer als alle anderen und für unverwundbar.“ 
„Sie hat mir erzählt der Mann wäre ihr Halbbruder. Er kam mir gleich zu jung dafür vor, wäre aber möglich. Das Leben nimmt manchmal seltsame Wege. “
Sam starrte ins Leere. 
„Eine passable Lüge. Eine Mutter kämpft um ihr Kind. Sie hat Detektive bezahlt und Auskundschafter angeheuert. Sogar die kleinen Strassengauner waren ihr gut genug. Darüber hat sie ihre Geschäfte vergessen und ihre Partner verprellt. Es ist eine Manie. Manche haben sie betrogen und nur das Geld genommen, ohne zu suchen. Aber die Ehrlichen und Eifrigen kamen der Wahrheit zu nahe und verschwanden einer nach dem anderen.“

Lian spürte ein Kribbeln im Nacken, das nicht von der Klimaanlage kam. 
„Du meinst, sie sind tot.“
„Ich meine, dass niemand weiß, wo sie sind. In dieser Stadt ist das oft dasselbe.“ Sam stellte das Glas ab, mit einer Präzision, die mehr verriet als jedes Zittern.
„Du bist nicht der Erste, der dieses Foto sieht. Du bist nur der Erste, der noch am Leben ist, um mir davon zu erzählen.“
Lian dachte an Victorias Satz zurück, an den eiskalten Blick, mit dem sie ihn ausgesprochen hatte. Sie sind der Beste, der noch übrig ist. Kein Kompliment, sondern eine Bestandsaufnahme.
„Was weißt du über den Fall?“

Sam schwieg lange. Als er sprach, klang seine Stimme alt und müde.
„Weniger, als ich sollte. John und ich – wir waren nie auf derselben Seite der Straße, wenn du verstehst, was ich meine.“ 
Er deutete mit einer knappen Geste zur Wand, zu den Gewehren, den Ölgemälden, der Karte mit ihren Generationen von Handschriften. 
„Diese Familie hat einmal Wege durch diese Stadt vorgegeben, die heute andere gehen. John wollte immer zu den Gewinnern gehören. Die gleichen Wege gehen mit neuen Freunden. Das ist ihm nicht bekommen.“
„Das klingt nicht nach jemandem, der einfach verschwinden würde.“
„Nichts in dieser Stadt verschwindet einfach. Damals habe ich Fäden gezogen, doch sie sind zerrissen. Es gibt keinen Stil mehr, nur noch Gier.“
„Hast du jemals den Doktor getroffen?“
„Ein eleganter Mann. Neureich und unvorsichtig. Er hält sich für den König der Unterwelt, doch an seinem Thron wird bereits gesägt.“
„Von wem?“ 
„Hast du schon mal vom Arslan-Clan gehört? Sie machen dem Doktor und seinen Los Hombres das Leben schwer. Versuchen das Drogengeschäft in der Stadt zu übernehmen. So wie es der Doktor vor Jahren mit uns probierte. Aber wir sind noch da und wenn diese Gauner ohne Stil sich gegenseitig fertig machen, schlägt unsere große Stunde.“ 
„Was sollte ich, deiner Meinung nach, am besten unternehmen?“
„Am Leben bleiben. Ganz und in einem Stück. Es war deinen Vorgängern nicht vergönnt. Deine Methode hat zumindest bei den drei Schlägern in der Gasse gut funktioniert. Es muss schlecht um Los Hombres stehen, wenn sie auf solches Personal zurückgreifen.“ 
„Wie ist diese Neuigkeit so schnell zu dir durchgedrungen. Du verlässt doch diese Pracht selten, oder?“
„Adalbert ist mein Auge in der Stadt und mein Ohr auf der Straße. Es gibt nicht viel das ihm entgeht.“

Sam stand auf, ein Zeichen, dass das Gespräch sich seinem Ende näherte. Lian fiel auf, dass Sam ein Halstuch mit Paisley Muster trug. 
„Wenn du etwas findest, das mehr ist als ein Gerücht, kommst du zuerst zu mir. Nicht zu Victoria. Nicht zur Polizei. Zu mir.“
„Warum?“
„Weil ich derjenige bin, der dir die Wahrheit verzeihen wird, ganz egal, wie sie aussieht. Bei den anderen bin ich mir da weniger sicher.“

Sam trat an die Wand und berührte sie an einer scheinbar zufälligen Stelle. Die Holzverkleidung schob sich zur Seite und offenbarte drei Monitore.
„Du hattest Verfolger auf deinem Weg, doch sie haben die Falltür nicht gefunden. Jetzt stehen sie oben in der Lagerhalle herum und warten. Nimm besser den Hinterausgang. Bleib am Leben mein Freund und berichte mir jedes Detail. Viel Glück.“

Kapitel 7 – Auf dem Weg

Lian saß im Bus auf dem Weg in die Vorstadt. Er rief sich den frühen Donnerstagabend der letzten Woche zurück ins Gedächtnis:


Das Sonnenlicht war längst verblasst und die Shisha Bar in ihren natürlichen Zustand verfallen. Schwerer Rauch dämpfte die bescheidene Beleuchtung. Das Stimmengewirr konkurrierte mit arabischer Musik, die aus einem schmierigen Bluetooth-Lautsprecher plärrte. Lian saß an seinem gewohnten Platz in der Ecke neben dem Fenster, einen heißen, sirupartigen Pfefferminztee vor sich.

Jussuf ließ sich auf den Stuhl gegenüber fallen.
„Sombrero.“ Das war seine Begrüßung, immer.
„Jussuf, was geht?“
Der junge Mann trommelte einen kurzen Rhythmus auf den Tisch, sah sich um und schüttelte wild den Kopf. Er hatte die unstete Energie eines Menschen, der nirgendwo angekommen war und das inzwischen nicht mehr bemerkte. 
„Jo, hinten läuft was heute. Poker, verstehste? Die großen Jungs!“, sagte er mit einem Nicken in Richtung Hinterzimmer.
„Interessiert mich nicht.“
„Mich auch nicht.“ Er trommelte weiter. „Aber ich sag dir, Bro – da kracht’s gleich. Die sind alle dicke Freunde, bis das erste Ass auf’m Tisch liegt. Dann geht’s ab.“

Lian trank einen Schluck Tee und verbrannte sich den Gaumen, wie so oft.
„Was für Leute?“
Jussuf zuckte mit den Schultern, die universelle Geste für ich weiß es aber sage es nicht umsonst. Dann grinste er. „Die Chefs: Onkel Hassan, Cousin Farouk, der Fette – den Namen krieg ich nie raus, wallah und Tariq. Der Typ macht mich fertig.“
„Warum?“
„Weil der nie lacht! Nicht mal, wenn Onkel Hassan seine Witze reißt. Alle anderen labern und grinsen, aber Tariq? Nix, krass unnormal, oder?“

Um 20:39 Uhr flog die Tür des Hinterzimmers mit einem Krachen auf und die Shisha Bar verstummte. Die vier Spieler stürmten heraus und schrien sich gegenseitig an. Niemand wagte es, ihrem Zorn im Weg zu stehen. Das Ereignis würde den Anwesenden in der Bar genug Gesprächsstoff für Wochen liefern.

Lian nutzte die Aufregung und schlich sich unbemerkt in das Hinterzimmer. Er suchte sich einen Platz in den Schatten und nahm den Raum in sich auf. Vorne in der Bar dominierten moderne, bequeme Möbel, während hier teures, edles Mobiliar stand, bzw. gestanden hatte, denn das Zimmer glich einem Schlachtfeld. Der dunkle Eichenholztisch war umgeworfen. Spielkarten lagen verteilt auf dem Boden, garniert mit Glassplittern. Das Aroma von Brandy hing in der Luft. Er bückte sich, hob ein Pik Ass auf und hielt es unter die Lampe. Jemand hatte in die Karte hineingebissen.

„Tariq! Alter, ich habs dir gesagt. Kein Humor und sofort Granate.“

Jussuf stand hinter ihm und betrachtete die Zahnabdrücke. Lian beachtete ihn nicht weiter und steckte die Spielkarte ein, als Beweis für seine Anwesenheit hier. Neben der Tür klebte ein Stadtplan an der Wand mit verschiedenen farbigen Markierungen. Hatten hier die Mitglieder des Arslan-Clans ihre Reviere markiert? Es ähnelte der Karte beim alten Sam. Lian grinste. Jeder dieser Gauner wollte speziell sein und doch verhielten sie sich gleich. Er bemerkte an der gegenüberliegenden Wand ein Regal mit Aktenordnern. Die meisten waren unbeschriftet oder mit arabischen Buchstaben gekennzeichnet. Nur das Etikett des dritten Ordners in der obersten Reihe war mit spanischen Wörtern versehen. Lian griff danach und blätterte ihn hastig durch. Dann zog er sein Handy heraus und fotografierte einige Seiten, die ihm nützlich schienen. Er hatte gelernt, dass die Wahrheit selten in Akten stand, sondern in den Rissen zwischen den Zeilen – und in den Worten, die Leute nicht sagten.

Jussuf hatte ihn beobachtet. „So’n Typ hat den Ordner dagelassen vor einer Ewigkeit. ‚Geschenk von Los Hombres‘, hat er gesagt. Und dann? Zack – zwei Tage später: Todesanzeige.“


Während der Bus ihn seinem ungeliebten Ziel näherbrachte, sortierte er seine Gedanken. Jetzt ergaben die Geschehnisse aus der Shisa-Bar mehr Sinn. War es im Ernst denkbar, dass John den Ordner mit Informationen zum Clan getragen hatte. Das würde zu dem passen, was ihm über den Verschwundenen berichtet wurde. 

Wie waren Los Hombres darin verstrickt? Warum hatte ihm der Schlägertrupp in der Gasse auf seinem Heimweg aufgelauert?

Es konnte kein Zufall sein. Sie wollten etwas über den alten Sam wissen. Fühlte sich der Doktor in die Enge gedrängt zwischen englischem Adel und orientalischem Clan?

Kapitel 8 – Verpflichtung

Ein trüber Sonntagnachmittag lag über der Vorstadt. Der Bus hatte Lian zu seiner nächsten Aufgabe gebracht. 

Die Tür vor der Lian jetzt stand, sah genauso langweilig braun aus wie alle Türen in dieser Straße. Eine erbarmungslose Nachkriegszeit erzwang den Bau vieler Häuser in kürzester Zeit. Da blieb kein Platz für Individualität. 

Maximilian Sandemann war in der Tristesse dieser Reihenhaussiedlung aufgewachsen und daraus geflohen. Er hatte den lieben kleinen Maxi abgestreift wie eine Schlange, die sich häutet. Die alte Schlangenhaut klebte unsichtbar am Türrahmen, jederzeit bereit von ihm wieder Besitz zu ergreifen. Die Narben in der verblassten Haut erzählten von seiner unglücklichen Kindheit und Mobbing in der Jugend. Sein Sombrero beschützte ihn vor der Umarmung der Vergangenheit, wie sich herausstellte. Jedes Mal vor dieser Tür musste er an den denkwürdigen Tag zurückdenken, bevor er Kraft fand die Klingel mit dem Namen „Sandemann“ zu drücken. Es war zu einem seiner kleinen Rituale geworden:


Sie waren zu viert und hatten Langeweile. Das mündliche Abitur war vorbei und ihre Schulzeit beendet. Die Freiheit eines zeitlosen Moments zwischen Zwang der Vergangenheit und Möglichkeit der Zukunft beflügelte ihre Herzen und verleitete sie zu einer Mutprobe der besonderen Art: An einem Samstagmorgen verkleideten sie sich und fuhren in die Stadt. Gewinner wäre, der Letzte der das Kostüm auszog. Sie losten:

Kevin bekam das Sauna-Outfit: Badehose, Badeschlappen, Bademantel und Rückenschrubberbürste.
Peter erhielt das Clownskostüm mit roter Nase und riesigen Schuhen.
Philipp zog sich das rosa Seidenkleid mit BH und Stöckelschuhen an.
Lian hatte Glück und bekam den Sombrero, einen Poncho und Cowboy Stiefel. 

Der Bus brachte sie in die Stadt und eine erste Entscheidung. Philipp weigerte sich, in seinem Kostüm aus dem Bus auszusteigen, und war damit aus dem Rennen. Peter traf in der Fußgängerzone einige Straßenkünstler und blieb bei ihnen für den Tag. Kevin vollführte eine Badezeremonie in der Nähe des Hafens. Kurz darauf wurde er grün im Gesicht und übergab sich.
Lian kehrte alleine nach Hause zurück. Seine Mutter lächelte über den Sombrero. Am folgenden Morgen trug er den Hut immer noch und ihre Gesichtszüge wirkten eingefroren. Sie schimpfte nicht und schrie nicht, laute Wut war ihr aberzogen worden. Der Groll wurde ohne Worte übermittelt aber die gluckenhafte Umklammerung löste sich auf, denn die Schlange mochte den Sombrero nicht.


Er hatte einen Strauß gelbe Tulpen für seine Mutter zum Geburtstag gekauft. Was sollte man jemand schenken, der nichts braucht und zu allem sagt: „Das wäre aber nicht nötig gewesen.“ Diese spezielle Sorte Blumen hatte früher schon funktioniert und die Routine gab ihm Sicherheit.

Er klingelte um Viertel nach drei. Das war akzeptabel zu spät, aber es setzte ein Zeichen in einer Familie, die Pünktlichkeit für eine Tugend hielt. Seine Mutter öffnete die Tür und ihr Blick fiel sofort auf den Sombrero. Ihr Gesicht entgleiste für einen Moment des Abscheus, dann übernahmen die alten Instinkte.

„Maximilian“, gurrte sie freudig. Sein voller Name. Zwei Silben zu viel, die er vor langer Zeit abgestreift hatte, gemeinsam mit der Schlangenhaut und allen Erinnerungen an seine Kindheit.

„Hallo, Mama.“
Sie umarmte ihn trotzdem. Das war das Problem mit ihr: Sie ließ nichts gelten, was zwischen ihnen stand. 
Es roch nach Bratenfett und Vanillekuchen und dem Lavendelspray, das sie seit dreißig Jahren auf die Vorhänge sprühte. Stimmengewirr waberte ihm aus dem Wohnzimmer entgegen.
„Du hättest den Hut draußen lassen können“, sagte sie und nahm den Strauß.
„Dann hätte ich ihn draußen gelassen.“
„Ich sage ja nur.“
„Das weiß ich.“
Gespräche wie diese hatten sie zu oft geführt. Es lag kein Erkenntnisgewinn in ihnen, nur unverarbeitete Schuld.

Im Wohnzimmer saßen sieben Menschen und alle kannten ihn. Das war das Verhängnis von Familienfeiern: die unverhandelte Vertrautheit. Niemand hatte sie verdient, sie war einfach da.
Onkel Werner stand als Erster auf und streckte eine Hand aus. Er war ein großer, lauter Mann, der seinen Bauch vor sich hertrug wie einen Beweis, dass er es in ein besseres Leben geschafft hatte. Er war ebenfalls erfolgreich aus der Reihenhaussiedlung geflohen, nur in eine andere Richtung. Seit Lians Vater gestorben war, hielt er sich für den großen Mann der Familie.

„Na, der Maxi! Immer noch mit dem Cowboyhut, ha ha!“
„Immer noch, Werner.“
„Was machst du eigentlich so? Deine Mutter sagt, du bist selbstständig.“
„Stimmt.“
Lian wusste, dass sein Onkel jedes Jahr Millionen verdiente mit seiner Fabrik für Haushaltswaren. Er bemerkte ebenfalls den Flachmann im Jackett, denn Werners Alkoholproblem war ein offenes Geheimnis.
„Und? Läuft’s?“
Lian lächelte breit und wandte sich dem Nächsten zu. Er war gut darin, Fragen mit Schweigen zu beantworten. In seinem Beruf galt das als Tugend. Hier war es eine Notwendigkeit. Im Beisein der Verwandtschaft war Lächeln die beste Waffe. Negative Emotionen wurden nicht geduldet und keiner gab sich eine Blöße. 

Tante Brigitte drückte seine Wange mit kühlen, feuchten Fingern, als wäre er zwölf. Cousin Steffen nickte ihm knapp und formell zu. Nach Ansicht der Familie hatte er sein Leben korrekt gemeistert mit Eigenheim, Frau und Sohn, während Lian ein Taugenichts war. Steffens Frau Jana lächelte höflich und verschwand sofort wieder hinter ihrem Handy. Justin – Steffens Kind – musterte den Sombrero mit dem einzigen echten Interesse, das Lian an diesem Nachmittag begegnen würde.
„Ist das Stroh oder Leder?“
„Stroh, mit Lederflicken.“
„Cool.“
„Danke.“
Neun Sekunden. Das aufrichtigste Gespräch des Tages, und es war bereits vorbei.

Lian saß am unteren Ende des Tisches eingekeilt zwischen Werner und Steffen. Seine Mutter schenkte Kaffee ein und betrieb Konversation wie eine Kunstform. Sie fragte höflich, sie nickte stumm und sie lachte an den richtigen Stellen. Lian hatte das nie gelernt und deswegen empfand er Familienfeiern überaus anstrengend. Werner redete von der Firma und seinen Triumphen. Brigitte lästerte über die Nachbarin. Steffen monologisiert zum Thema Heizkosten. Jeder war versessen darauf sich selbst darzustellen und keiner hörte zu.
Lian ließ die Worte an sich vorbeiziehen und starrte aus dem Fenster. Die Büsche waren kahle Skelette. Einzelne Blätter hingen an den Ästen wie eine verdorrte Erinnerung an die Hitze des Sommers. Er sah genauer hin. War dort ein Schatten?

Wie die Jahreszeiten bewegte sich die Welt dieser Menschen in geschützten Kreisen und kehrte immer zurück zum gleichen Punkt. Warm und vorhersehbar wie die Heizung, über die sie redeten.

„Und du, Maxi?“ Werner lehnte sich vor, die Ellenbogen auf dem Tischtuch. „Keine Freundin? Kein fester Job? Du bist doch jetzt Mitte dreißig.“
Lian reagierte nicht sofort. Der Name war ungewohnt und seine Aufmerksamkeit bei den Büschen im Garten. Kein Zweifel. Dort schlich eine Person an der Hecke entlang.
„He Maxi, träumst du wieder? Wird das in diesem Leben noch etwas mit dir?“
Lian starrte konzentriert ins Dunkle.
„Dreiundvierzig.“
„Hää?“ Onkel Werner wirkte verwirrt, denn er war an unaufmerksame Zuhörer nicht gewöhnt.
„Ich bin dreiundvierzig Onkel Werner, nicht Mitte dreißig.“
„Na also. Langsam wird’s Zeit.“

Zeit! Als wäre das Leben ein Fahrplan, dem man zu folgen hatte, und Lian der Fahrgast, der seit zwanzig Jahren auf dem falschen Gleis stand. Er starrte wieder ins Dunkel, doch der Schatten war verschwunden.

Nach dem Kuchen schlief Werner. Brigitte und seine Mutter verschwanden in der Küche und redeten über Themen, die nicht für Männerohren gedacht waren. Steffens Sohn hatte sich mit dem Handy seiner Mutter auf die Treppe verzogen, in die stille Neutralität eines Kindes, das schon gelernt hat, wohin man flieht, wenn Erwachsene kompliziert werden.
Lian fühlte sich schuldig und schlecht. Diese Themen waren nichts für ihn und seine Anwesenheit brachte eine Gefahr über seine Familie. Das durfte er nicht zulassen.

Beim Abschied sah seine Mutter ihn lange genug an, um es unbehaglich zu machen.
„Du musst nicht jedes Mal so lange wegbleiben.“
„Ich bin heute hier.“
„Ja.“ Ihre Hand hob sich und strich einmal, kurz und beiläufig, über den Rand seines Hutes. Eine Geste, die alles enthielt, was sie nie ausgesprochen hatte und vermutlich nie aussprechen würde. „Das bist du.“

Maximilian küsste sie auf die Wange und Lian wandte sich ab von der braunen Tür und verschwand in dunklen Straßen. 


Kapitel 9- Ménage-à-trois

Leiser Nieselregen streichelte mit sanften Fingern den Sombrero, der Umarmung des Meeres gleich, die ein Schiffbrüchiger spürt, bevor er ertrinkt. Lian stand vor dem Haus, in dem er wohnte und zählte die Sekunden, in denen das Licht der Straßenlaterne verlosch und wieder aufflammte. Der Ablauf wurde durch ein elektrisches Knistern akustisch untermalt.

Er fröstelte nach dem langen Fußmarsch durch die nassen, dunklen Straßen. Natürlich hätte er den Bus aus der Reihenhaussiedlung zu seiner Wohnung nehmen können, aber der Weg gab ihm Gelegenheit, seine innere Ruhe wieder zu finden. Jetzt wartet im zweiten Stock sein ödes Ein-Zimmer Appartement auf ihn, doch er fühlte sich noch nicht müde genug, um direkt die knarzenden Holzstufen im Treppenhaus hochzusteigen. Stattdessen öffnete er die Blechtür mit dem Bullauge im Erdgeschoss und betrat Bernds Bar.

Bernd rief direkt: „Hey Lian, schön dich zu sehen. Scheiße Mann, siehst du fertig aus! Mit was kann ich dich glücklich  machen? Schnapps oder Kaffee?“
„Gib mir einen Kakao mit Sahne!“
„Kommt sofort“
Lian fiel auf seinen üblichen Barhocker und atmete einmal tief durch. Regenwasser sickerte durch den Sombrero und tropfte vor ihm auf die Bar. Bernd rumorte am Kaffeevollautomaten herum. Die Maschine zischte und dampfte. Der Geruch von heißer Milch mischte sich mit dem muffigen Aroma von feuchter Kleidung und dem eigenen Odeur dieser Kneipe. 

Seiner Gewohnheit folgend, ließ Lian einen Blick durch den Raum schweifen. Achim, Peter und Holger saßen in der Ecke und spielten Skat, wie jeden Samstagabend – ein gewohntes Bild. Am nächsten Tisch saß ein junger Mann, vertieft in seinen Gin-Tonic. Lian konnte ihn nicht einordnen, aber das Gefühl von Gefahr meldete sich aus seinem Unterbewusstsein.
Genau über dem Kerl hing das gewohnte Gemälde mit der Hafenszene. War dieses Bildnis bewegt worden? Kein Zweifel möglich! Hell-weiße Tapete blitzte verräterisch hervor. Das war nicht richtig. Alles in ihm drängte danach, aufzustehen und das Bild wieder zurück an die ursprüngliche Stelle und Ausrichtung zu bringen. Die Beine rutschten vom Barhocker, die Füße fanden festen Boden und eine zarte Hand griff nach seine Schulter.

„Hallo Lian, willst du schon wieder fort? Du bist doch gerade erst gekommen.“
„Puh, Maja! Hast du mir einen Schrecken eingejagt. Nein natürlich will ich nicht gehen.“
„Hier ist dein Kakao mit Sahne. Bernd hat für dich gezaubert.“
Lian nahm ihr die Tasse ab und sah sie liebevoll an. Maja arbeitete in der Kneipe als Bedienung, wenn sie es einrichten konnte. Sie war strohblond, pummelig und die netteste Person, die er kannte. 
„Wann hast du das letzte Mal etwas vernünftiges gegessen?“
„Vorhin gab es Schweinebraten mit Klößen. Mutter lässt sich zu ihrem Geburtstag nicht lumpen.“
„Ach herje, heute war das mit der Familienfeier? Kein Wunder, dass du so scheiße aussiehst.“
„Danke für die Blumen, das hat mir Bernd auch schon gesagt. Du weißt ja, dass ich die Familie aus gutem Grund vermeide. Hildegards Geburtstag ist die einzige Ausnahme. Ich kann und will sie nicht enttäuschen.“

Lian pustete über die Tasse und trank einen vorsichtigen Schluck. Der heiße Kakao wärmte seinen Magen und Majas Anblick wärmte seine Seele.
„Morgen Abend koche ich hier. Es gibt griechischen Bauernsalat mit Feta oder Kartoffelsuppe. Bier und Schweinebraten alleine reicht nicht.“
Lian wusste über Maja zweierlei: Sie war eine überzeugte Vegetarierin und eine ausgezeichnete Köchin. Er wusste aber nicht, wie er mit ihr flirten sollte, ohne von ihr eine Ablehnung zu kassieren, und ohne dass Bernd in einen Lachanfall bekam.
„Brauchst du eine Küchenhilfe, die alles für dich kleinschnippelt?“
„Hast du für so etwas Zeit? Der viel beschäftigte Detektiv will auf einmal Koch spielen? Erleben sie den großen Ermittler im  Fall der geplatzten Tomate.“
„Nun, ich könnte mir die Zeit nehmen.“
„Lass mal gut sein, Bernds Küche ist schon mit einer Person überfüllt.“
Sie verschwand lachend in der Küche und Lian wandte sich wieder seinem Kakao zu. Er legte beide Hände um die Tasse. Die Hitze des Getränks ließ seine Fingerspitzen prickeln. Seine Gedanken summten. 

Bernd füllte die vermeintliche Lücke mit einer Geschichte aus seiner wilden Zeit.
„Habe ich dir schon mal von der Roof-Top Bar in Singapur erzählt? Dort gibt es nur Gin-Tonic zu trinken. Sie haben 60 verschiedene Sorten Gin, die erlesensten aus allen Teilen der Erde. Dazu Tonic Water soweit das Auge reicht. Da trieben sich nur die feinen Pinkel und Gauner herum. Nicht leicht auseinanderzuhalten.“

Das Bild lies Lian keine Ruhe. Er stand auf, trat vorsichtig zu dem Tisch und streckte sich, um es wieder auf seine gewohnte Position zu rücken. Plötzlich spürte er ein Messer am Bauch. Die Spitze hatte seine Kleidung durchdrungen und die oberste Hautschicht angeritzt. Er verharrte bewegungslos. 
„Zu leicht Lian, zu leicht. Du bist doch sonst nicht so unaufmerksam. Schönen Gruß von Onkel Hassan.“
Das Messer zog sich zurück und Lian wagte, wieder zu atmen. Während er das Bild justierte, flüsterte der junge Mann: „Halt dich aus dem Fall heraus, sonst sticht dieses Messer das nächste Mal tiefer.“

Im Hintergrund schimpfte Achim lautstark über die verlorene Partie und Bernd putzte Gläser. Niemand hatte etwas bemerkt. Äußerlich gefasst, aber mit weichen Knien wandte sich Lian um und schlich zurück zu seinem üblichen Barhocker. Er sah Bernds Mundwinkel zucken und verstand die Botschaft. Ab jetzt war es kein Spiel mehr. Der Arslan-Clan hatten ihm eine eindeutige Nachricht gesandt: „Wir wissen genau wo du bist!“ Er dachte an das Gespräch mit dem Doktor. „Wie viele Menschenleben darf die Wahrheit kosten?“ 

Seine Klientin hatte ihm einige Hundert Euro als Bezahlung versprochen. Er war von einer Kleinigkeit ausgegangen. Doch die Unterwelt dieser Stadt zeigte dafür ihr Interesse zu deutlich. Schätzungsweise würden sie ihn nicht direkt ermorden. Die Syndikate hatten subtilere Mittel und keines davon war angenehm. 

Cousin Steffen und sein Onkel Werner sahen in ihm die gescheiterte Existenz. Das war Lians bewusste Entscheidung, die nur auf Familienfeiern schmerzte. Ohne Bindungen war die Gefahr gering, dass Menschen, die ihm etwas bedeuteten, unfreiwillige Teilnehmer in seinen Fällen wurden. Ein Detektiv muss frei und unabhängig agieren können. Sein Sombrero war ihm dabei eine große Hilfe, denn er stellte ihn an den Rand der Gesellschaft, in dem sich die Verrückten tummeln. Das verlieh ihm eine ganz eigene Art der Unsichtbarkeit.

Zum zweiten Mal an diesem Abend legte sich eine zarte Hand auf seine Schulter.
„Hallo Lian.“
Er zuckte zusammen und ärgerte sich darüber. Bei dieser Frau durfte er keine Schwäche zeigen, doch sie hatte ihn aus seinen Gedanken gerissen. Er drehte sich um.
„Hallo Elena.“
Sie zog den Mantel aus und hängte ihn über den Nachbarhocker. Darunter trug sie ein schlichtes schwarzes Kleid, das keine Aufmerksamkeit verlangte und trotzdem alle bekam. 
Bernd stellte ihr ungefragt eine hastig gebrühte Tasse mit Kaffee hin, der die gleiche Farbe hatte wie ihr Kleid.
Sie griff nach Lians Kinn und hob seinen Kopf sanft an. 
„Ich hätte dich nicht für einen Kakao-Mann gehalten.“
„Und ich hätte Sie nicht für jemanden gehalten, der in dieser Kneipe auftaucht.“
„Und doch.“ Sie trank einen kleinen Schluck und stellte die Tasse behutsam ab. 
„Weißt du was mich an Kakao stört? Er ist zu ehrlich. Kein Koffein, kein Alkohol. Nichts, das einen täuscht.“
„Manche Leute schätzen das.“
„Manche Leute lügen sich selbst an.“ Ihre Stimme hatte den gleichen Ton wie beim ersten Treffen im Bistro: fein modulierte Wärme mit einem Unterton aus scharfem Stahl.
„Du hast heute unliebsame Menschen getroffen.“
„Wer mag schon seine Familie.“
„Die meine ich nicht.“ Ihre Augen wanderten kurz zu dem inzwischen leeren Tisch unter dem Bild. Dann kehrte ihr Blick zurück zu Lians Gesicht. „Das war ungeschickt von Hassan. Er hat kein Fingerspitzengefühl.“
„Seine Freunde haben ein sehr gutes Gespür für Klingen.“
Elena beugte sich näher zu Lian herüber, ihr schwarzes Kleid spannte sich. Sie hauchte ihm ins Ohr: „Onkel Hassan und der Doktor sind Stümper. Jeder auf seine Weise. Ich kann dich groß machen, wenn du willst.“
Lian spürte die Hitze, die von ihr ausging, doch sein Blick wanderte an ihr vorbei direkt in die offene Küchentür. Dort stand Maja, eine Serviette in der Hand, ihre strohblonden Haare im Licht der Küchenlampe wie verwaschenes Gold. Ihre hellblauen Augen waren weit aufgerissen. In ihrem Gesicht sah Lian Angst und Eifersucht.

Sein Magen zog sich zusammen. Er spürte Elenas Atem an seinem Ohr, roch ihr Parfüm. So nahe war ihm schon lange keine Frau mehr gekommen, denn er hatte es nicht zugelassen, aus Angst vor den Feinden, die sein Beruf mit sich brachte. Elena war das Angebot, seine Einsamkeit zu lindern. Bei ihr gab ungezügelte Leidenschaft zu einem hohen Preis. Die Hitze verteilte sich in seinem ganzen Körper, doch sie wurde nicht von Verlangen angefacht, sondern von Schuld. Majas Blick hatte tiefer gereicht, als Elena je kommen würde. 

Behutsam nahm Lian Elena bei der Schulter und schob sie sanft aber deutlich von sich. 
„Ich bin nicht in der Stimmung für Spiele, Elena.“
„Alles ist ein Spiel, Lian. Du weißt das. Die Frage ist nur, ob du mitspielen willst.“ 

Elena musterte ihn einen Moment lang. Ihr Blick wurde schärfer, als sie versuchte, in seinen Augen zu lesen. Doch Lian blieb undurchdringlich. Sein Gesicht war eine Maske aus Gleichgültigkeit. Das hatte er jahrelang hart trainiert und schmerzhaft gelernt. Sie spürte, dass sie hier nichts ausrichten würde – nicht heute Abend. Mit einer unmerklichen Bewegung zog sie ihre Hand zurück und strich sich eine imaginäre Strähne aus dem Gesicht. Ein leichtes, fast melancholisches Lächeln spielte um ihre Lippen, als sie sich aufrichtete.

„Vielleicht ein anderes Mal, Lian.“ 

Ihre Stimme war wieder kühl, fast geschäftsmäßig. Sie griff nach ihrem Mantel und warf Bernd einen Blick zu, der ihn zusammenzucken ließ. 

„Danke für den Kaffee, Bernd.“

Bernd nickte nur, sein Gesicht eine Mischung aus Erleichterung und Furcht. Elena schlüpfte in ihren Mantel mit der gleichen Anmut, mit der sie ihn abgelegt hatte. Sie schaute angestrengt an Lian vorbei, doch er sah die Schwermut in ihrem Gesicht. Für den Hauch einer Sekunde war die perfekte Maske gefallen. Ohne Abschiedsworte drehte sie sich um und schritt zur Tür. Ihre Absätze klackten leise auf dem Holzboden. Die Bar schien für einen Moment den Atem anzuhalten, als sie verschwand.

Kapitel 10 – Die Mahnung

Die Tage im späten Oktober flossen gemächlich in Richtung Zukunft. Lians Problem kam aus der Vergangenheit, denn der Umschlag mit der Stromrechnung lag seit elf Tagen auf seinem Schreibtisch und die Mahnung hatte einen gereizten Ton angenommen.

 Er steckte den Brief in die Innentasche der Lederweste, zog sich einen Mantel über und trat auf die Straße. Es war Dienstag morgen, kurz nach zehn. Das Viertel döste in morgendlicher Schläfrigkeit. Eine Frau im zweiten Stock hing Wäsche auf, methodisch und ohne Eile. Lian schüttelte unmerklich den Kopf. Diese weißen Laken würde das rußige Grau der Straße annehmen, während sie nicht trockneten, denn die trübe Spätherbstsonne blieb hinter dicken Wolken verborgen.

Er folgte seinem bevorzugten Weg durch eine kaum genutzte Parallelstraße. Hier waren weniger Menschen unterwegs, das gab ihm die nötige Ruhe zum Nachdenken. Die Straße roch nach feuchtem Asphalt und Herbstlaub. Jemand hatte vor einem Hauseingang einen Blumenkübel hingestellt, in dem nichts mehr wuchs, aber der trotzdem jeden Morgen frisches Wasser bekam, wie die Erde darin bewies. Lian grinste. Hier wohnte ein Optimist oder jemand mit schlechtem Gedächtnis.

Aus den Augenwinkeln sah er eine Veränderung in der Gasse. Die Art von Detail, über die man hinwegsieht, weil das Gehirn entschieden hat, dass es keine Rolle spielt. Ein Stück Wand neben dem dritten Hauseingang auf der linken Seite, auf Hüfthöhe, zwischen zwei verblassten Graffiti-Schichten. Flinke Hände hatten dort mit einem dünnen Gegenstand ein Muster in den Putz geritzt. Es war kaum handtellergroß und so flüchtig gestaltet wie eine Kritzelei während eines langweiligen Telefonats. Aber die Linien waren gleichmäßig und die Abstände präzise. Das war kein Zufall. Er blieb stehen und sah es sich genauer an: Vier Linien, die sich in einem Punkt trafen, mit einer fünften die schräg hindurchlief. Darunter zwei kleine Bögen, fast wie Augenbrauen.

Er kannte das Zeichen nicht. Das war selten. Er zog den Umschlag mit der Stromrechnung aus der Innentasche und skizzierte das Muster auf die Rückseite, schnell und genau. Dann steckte er ihn wieder ein und wanderte weiter in Richtung Bank. 

In der nächsten Straße zählte er seine Schritte ab der Hausecke. Bei 43 verharrte er und lauschte, denn auf dem Platz vor der Volksbank stand ein großer Brunnen, dessen Plätschern exakt an diesem Ort zum ersten Mal zu hören war. Es gehörte zu seinen Ritualen hier innezuhalten und zu lauschen, seit er 5 Jahre alt war. Der wöchentliche Gang zur Bank am Dienstag war für seine Mutter ein feierlicher Akt und manchmal nahm sie ihn mit. Dann hörte der kleine Maximilian mit großen Ohren den Gesprächen der Erwachsenen zu. Der Gedanke an seinen vollen Namen schnitt brennender in seine Gefühlswelt, als die Mahnung in seiner Brusttasche. Die Kinder hatten ihn gehänselt und seine Mutter gab ihm hilflose Liebe. Die ganze Kindheit hindurch war er Max oder Maxi, niedlich und unauffällig sollte er sein und er hatte es gehasst. Der volle Name wurde nur benutzt, wenn er hart über die Stränge geschlagen hatte. Seit seiner Pubertät nutzte er ausschließlich den letzten Teil seines Vornamens. Das war genug Verbindung in eine lästige Vergangenheit und seine wahre Identität. 

Doch heute stand er an der gewohnten Stelle und hörte nichts. Er bewegte sich einige Schritte weiter. Eine Laune der Akustik und die Geometrie der Häuser sorgten dafür, dass das Plätschern des Brunnens lauter und leiser wurde, während man die Gasse entlang lief. Das Geräusch war da, aber es erklang an den falschen Stellen. Lian wurde nervös. In seinen Ritualen waren Veränderungen ebenso wenig vorgesehen, wie Mahnungen in seinem Budget. Er bewegte sich langsam vorwärts, schloss dabei die Augen und vertraute vollständig auf die Ohren. Er rettete sich an Orte, wo das Plätschern lauter wurde, und verzweifelte in den Passagen dazwischen. 

Plötzlich stieß er mit dem Sombrero gegen ein unvorhergesehenes Hindernis. Vor dem Haus Maurergasse 12 stand ein Gerüst. Eine Scheußlichkeit aus dreckigem Metall und quietschenden Streben ragte vor ihm empor, eingehüllt in eine grüne Plane. 

Er dachte: „Warum gibt es hier ein Gerüst? Die Maurergasse ist eine der stillsten Ecken des Viertels. Die Häuser sind in die Jahre gekommen aber gepflegt. Hier hat sich seit 20 Jahren nichts mehr verändert.“

Sein Blick glitt nach oben. Zwischen den Streben des Gerüsts bewegten sich Männer in Malerklamotten, doch die typischen Utensilien fehlten. Er zog den Sombrero etwas tiefer ins Gesicht und setzte seinen Weg fort. Dabei musterte er unauffällig das Gebilde. An einer Stelle wölbte sich die Plane nach außen. Ein Zementsack war als Ursache ebenso möglich wie ein leichtsinniger Beobachter. Die Arbeiter riefen sich etwas zu, das Lian nicht verstand. In seinen Ohren klang es, als hätten sie Arabisch gesprochen. Ein kalter Schauer kroch ihm den Nacken hinab. Adalberts Stimme hallte in seinem Kopf: „Sie entfernen lautlos, was stört.“ Doch diese Männer erinnerten ihn mehr an die Shisha Bar, aus der das angebissene Pik Ass stammte. Ihm wurde flau im Magen und seine Gedanken drehten sich immer schneller: Stand das Gerüst nur hier, um ihn aus der Fassung zu bringen? War ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt? Oder waren das tatsächlich nur Bauarbeiten und er wurde langsam paranoid? 

Äußerlich gefasst aber innerlich aufgewühlt erreichte er den Brunnen. Hier hatte sich nichts verändert. Er hielt sich am Brunnenrand fest. Das kalte Wasser lief über seine Finger und kühlte seine Aufregung herunter. Er atmete tief durch und sah sich um. Der Platz und die umgebenden Häuser bereiteten sich auf den Winterschlaf vor. Die Feierlichkeiten des Sommers waren entschwebt und hatten düsteres Grau zurückgelassen. Lian sah hoch: Die Volksbank Filiale war das größte Gebäude. Rote Klinker bedeckten die Fassade. Schmucke Fensterrahmen aus Marmor zeugten von bürgerlichem Reichtum. Die anderen Häuser duckten sich in den Schatten dieses Bauwerks, so wie sich der kleine Maxi neben seiner Mutter geduckt hatte, vor diesen Stufen hinauf zum Tempel des Geldes. Der Gang zur Bank wurde mit mehr Ehrfurcht vollzogen, als das sonntägliche Gebet in der Kirche. 

 Er zögerte, die Hand fest am Brunnenrand. Dann gab er sich einen Ruck und stieg die Stufen empor. Die automatische Glastür öffnete sich vor Lian gehorsam und ein Schwall Wärme strömte ihm entgegen. Die depressive Stille auf dem Platz wich einer geschäftigen, vornehmen Ruhe des Geldes. Er passierte die Geldautomaten und Kontoauszugsdrucker und steuerte auf die Schalter in der großen Halle zu. Zu seiner freudigen Überraschung sah er, dass Marlene Willmer heute Dienst hatte. Verschämt trat er vor sie und zog stumm die Mahnung aus der Tasche. Sie betrachtete den Zettel und schüttelte den Kopf. Dann schenkte sie ihm ein Lächeln und sagte: „Hallo Herr Sandemann, das sieht nicht gut aus. Ich erledige das natürlich für Sie, aber ich sorge mich um Ihre Zahlungsmoral und den Schufa Score. Diese ganzen Mahnungen wirken sich negativ aus. Das hätte Ihre Mutter sicher nicht gewollt, oder?“
Lian nuschelte etwas Unverständliches.
„Kann ich sonst noch etwas für Sie erledigen?“
„Nein Danke, Frau Willmer. Für heute wäre es das.“

Erleichtert drehte Lian sich herum und verließ das große Gebäude. Er schritt die Treppen hinunter und wandte sich nach rechts in Richtung Marktplatz. Aus dem Schatten löste sich ein Mann und lief leichtfüßig neben ihm her. Er trug einen eleganten Anzug mit einem beigen Trenchcoat und einem Fedora in der gleichen Farbe. 

Er wartete, bis er Lians Aufmerksamkeit hatte, dann flüsterte er: „Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Ich bin der den sie ‚den Doktor‘ nennen und ich glaube Sie haben etwas, das mir gehört.“

Kapitel 11 – Ein Spaziergang

Lian blieb stehen. Der Mann neben ihm war mittelgroß mit einem gepflegten grauen Schnauzbart, der an den Enden fein hochgezwirbelt war. Seine Augen hatten die Farbe von abgestandenem Kaffee. Seine Wangen waren vernarbt und eingefallen.
„Ein unscheinbarer, eleganter Mann“, Adalberts Beschreibung passte genau. Doch das war nur der erste Anschein, denn der Doktor bewegte sich geschmeidig und kraftvoll wie eine große Raubkatze vor dem tödlichen Sprung. 

„Lassen Sie uns einen kleinen Spaziergang machen. Ich bin gerne in Bewegung.“, sagte der Doktor. Sie wandten sich ab vom Platz und nahmen die nächste Seitenstraße in Richtung Hafen. Sie wanderten einige Minuten schweigend nebeneinander her und Lian hatte genug Zeit, sich über die ungewohnte Aufmerksamkeit zu wundern.
Schließlich brach der Doktor das Schweigen.
„Ich habe Sie unterschätzt. Sie haben sowohl der Gewalt als auch der Verführung widerstanden. Das ist selten. Wie stark ist ihr Interesse an diesem Fall wirklich?“
„Elena ist Ihnen sicher eine große Stütze.“
„Sie ist eine meiner besten Mitarbeiterinnen. Das beantwortet aber nicht meine Frage.“
„Ich bin gewohnt meine Fälle ordentlich abzuschließen.“
„Ich kenne Ihre Klientin. Sie hat schon früher einige Unruhe verursacht und wir möchten, dass Ihre Ermittlungen in die ‚richtige Richtung‘ verlaufen.“
„Ich suche nach der Wahrheit.“
„Sind Sie bereit die Wahrheit zu akzeptieren, egal wie hässlich sie ist? Wie viele Menschenleben ist Ihnen das wert? Was will ihre Klientin wirklich?“
„Ich ermittle nach allen Seiten.“
„Der Mann, den Ihre Klientin sucht, ist nicht verschwunden. Er lebt unter einem anderen Namen in einer anderen Stadt. Das war seine Entscheidung und meine Organisation hat ihm dabei geholfen.“
„Das klingt nach jemandem, der Angst hatte.“
„Das klingt nach jemandem, der klug war.“
„Und meine Klientin? War die auch Teil dieser klugen Entscheidung?“
„In diesem Fall wäre es ratsam, die Lücken nicht zu füllen. Es gibt Wahrheiten die niemanden glücklich machen. Nicht Ihre Klientin, nicht den Mann den sie sucht, nicht Sie.“
„Und Ihre Organisation?“

„Wir sind Pragmatiker. Wir räumen auf was stört. Manchmal ist das ein Mensch, manchmal ist es eine unbequeme Geschichte.“
„Und manchmal ist es ein Detektiv mit einem Sombrero.“
Der Doktor lachte. Es war ein echtes Lachen, kurz und überraschend warm. „Sie sind kein Störfaktor, Lian. Noch nicht. Das ist der Unterschied zwischen heute und morgen.“

Sie bogen in eine breitere Straße ein. Lian sah in der Ferne die Kräne des Hafens, die alles überragten. Der Doktor folgte seinem Blick und sagte:
„Sie haben den alten Sam besucht. Was hat er Ihnen erzählt? Leider will er nicht  mit mir reden.“
„Er hat – wie üblich – über den Verfall des Empire getrauert.“
„Sam ist hoffnungslos borniert. Er lebt in der Vergangenheit und versteckt sich vor der Wahrheit. Ich lebe im Sonnenlicht, das ist besser.“
„Ich habe noch eine Frage: Der Mann den meine Klientin sucht, trug er zufällig einen Ring?“
Der Doktor blieb stehen und sein Gesicht wurde ernst.
„Nicht jeder ist berechtigt unsere Ringe zu besitzen. Da sind wir penibel. Sie dürfen ihr Exemplar fürs Erste behalten. Wenn sie ihn am Finger tragen wird es Ihre Eintrittskarte zur Organisation sein, aber er könnte auch zu Ihrem Todesurteil werden.“
„Ich bin Detektiv.“
„Das“, sagte der Doktor leise, „ist leider kein Schutz.“ 

Er hob kaum merklich den rechten Arm. Zwanzig Meter weiter löste sich eine schwarze Limousine vom Bordstein, lautlos wie ein großes Tier, das aufwacht. Sie rollte heran und der Doktor legte die Hand auf den Türgriff. 

„Der Mann den Ihre Klientin sucht hat uns etwas gestohlen bevor wir ihm geholfen haben zu verschwinden. Finden Sie es, bevor andere es tun.“
Er stieg ein und die Limousine glitt davon in Richtung Innenstadt.

Kapitel 12 – Wahrheit und Lüge

Das Licht in Lians Büro hatte die Qualität von abgestandenem Nachmittag: Grau und gleichmäßig. Er saß zurückgelehnt auf seinem Stuhl, die Stiefel auf der gewohnten Ecke des Schreibtisches. Die altmodische Schreibtischlampe produzierte einen Fleck warmer Beleuchtung. Seine Hände spielten mit einem Fidget-Spinner. Diese kleinen Dinger waren die neueste Mode und er mochte Spielzeug, das die Finger beschäftigte, denn das brachte den Kopf zum Schweigen. Im richtigen Winkel unter die Lampe gehalten, reflektierte der rotierende Gegenstand das Licht und bildete komplexe Muster an den Wänden, während das Kugellager gemeinsam mit dem Kühlschrank eine Symphonie des Belanglosen summte. 

Das Telefon läutete. Er ließ es aus alter Gewohnheit zweimal klingeln, dann hob er den schwarzen Hörer von der Gabel.
„Detektei Sandemann.“
„Haben Sie Resultate für mich?“ Lian erkannte die Stimme seiner Klientin direkt. Sie passte perfekt zur Unhöflichkeit der Anruferin.
„Ich war heute morgen mit dem Doktor spazieren.“
„Das weiß ich schon und es beantwortet nicht meine Frage!“
„Sie haben mir nicht erzählt, dass es bei dem Fall um Ihren Sohn geht. Wieso haben sie mich angelogen?“
„Sam!“
Ein undefinierbarer Fluch kam aus dem Telefonhörer.
„Er kann nie den Mund halten! Bruder, Halbbruder oder Sohn? Was macht das für einen Unterschied? Arbeiten Sie überhaupt an dem Fall?“
„Ich war letzten Donnerstag in der Shisha Bar in der grünen Straße.“

„Wenn Sie mir noch mehr belanglosen Quatsch erzählen, lege ich auf und will mein Geld zurück. Es ist mir egal wie Sie Ihre Freizeit verbringen.“
„In dieser Nacht pokerten die Anführer des Arslan-Clans im Hinterzimmer. Das Spiel endete im Streit und ich hatte eine Chance, mich umzusehen. Dort fand ich einen Aktenordner, der Informationen über interne Vorgänge bei Los Hombres enthielt. Ein Geschenk, dass seinem Geber kein Glück brachte.“ 
Die Stille am anderen Ende der Leitung dauerte genau eine Sekunde zu lang.
„Das ist Unsinn! Mein Bruder hatte keine Verbindungen in dieses Milieu. Das ist ausgeschlossen.“
„Sohn“, sagte Lian.
„Was?“
„Bleiben wir bei den Tatsachen. Hier geht es um ihren Sohn.“
Eine weitere Pause. Kürzer diesmal, aber Lian hörte das Schweigen wie ein Geräusch.
„Sie sollen ihn finden, nicht Theorien entwickeln über Verbindungen die nicht existieren.“
„Wenn ihr Sohn von Los Hombres zum Arslan-Clan überlaufen wollte, wäre das ein guter Anhaltspunkt für die Ereignisse. Auch wenn Sie das jetzt abstreiten.“ 

Die Schärfe in ihrer Stimme glich der geschliffenen Schneide eines Henkerbeils.
„Mein Sohn entstammt einer alten, englischen Adelsfamilie. Der lässt sich nicht mit gewöhnlichen Kleinkriminellen ein.“
Lian seufzte. „Es wäre hilfreich wenn Sie mir sagen was Sie schon wissen. Sonst kann ich den Fall nicht weiterbearbeiten.“

Er hörte, wie sie Atem holte für eine weitere scharfzüngige Erwiderung. Dann grollte im Hintergrund eine Männerstimme und das Gespräch endete abrupt.

Lian ließ den Telefonhörer aufgebracht auf die Gabel krachen. Woher kam die tiefe Stimme? Hatten die Gangster sie erwischt? War sie nur so seltsam, weil sie unter Beobachtung stand? Hier war ein Einsatz vor Ort gefragt. Er würde es sich nicht verzeihen, wenn seiner Klientin etwas passierte. Zumal sie eine Cousine vom alten Sam war. Leider hatte sie Lian nicht ihre Adresse verraten. 

Er rief den alten Sam an, der nach endlosen 5 Klingeltönen abnahm.
„Ich glaube, Victoria wird bedroht. Wir haben eben telefoniert und das Gespräch endete abrupt. Kannst du mir ihre Adresse geben?“
„Diese Leitung ist nicht sicher!“
„Aber ich muss etwas unternehmen und sie selbst wird mir die Adresse kaum verraten.“
„OK…“ Weißes Rauschen tönte aus dem Hörer während Sam überlegte. 
Dann sprach er weiter: „Geh zu Treffpunkt ‚Starlight‘. Denk dran, heute ist Dienstag vor Vollmond.“
„Notiert!“
„Dort trinkst du drei Zinnbecher auf Queen Mary und rollst zwei mal dein Jojo.“
„Bin auf dem Weg! Danke!“

Lian zog sich hastig den Mantel über, rannte keuchend das Treppenhaus hinunter und zum Taxistand. Ein einziges Fahrzeug stand bereit: ein altes, rostiges Dieselmodell, dessen Lack an den Kotflügeln abblätterte wie eine schlechte Erinnerung. Ein Mann Mitte fünfzig mit einem dichten Schnauzbart und einer Schiebermütze lehnte an der Motorhaube und rauchte eine Zigarette. Als er Lian sah, wirbelte er die Kippe weg und öffnete die Tür.
„Wo soll´s hingehen, Chef?“
„Bringen Sie mich bitte zur Kurt-Schuhmacher Straße 37.“
„Geht klar, Chef.“

Lian stieg vorne ein, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Er zog die Tür zu und das Auto rollte ächzend los. Er holte sein Handy aus der Tasche und schaltete es aus. Dann hielt er es dem Fahrer hin.
„Das hier bleibt aus. Und Ihr Handy auch.“
Der reagierte unwirsch. 
„Wie soll ich denn den Weg finden und die Fahrt abrechnen ohne Handy? Die Zentrale kann mich auch nicht erreichen. Das geht so nicht.“
Lian griff in die Manteltasche und reichte dem Fahrer zwei abgegriffene 50 € Scheine.
„Reicht das? Ich kenne den Weg!“
Der Mann hinter dem Lenkrad musterte das Geld und dann Lian. Sein Blick wanderte zwischen den Scheinen und dem Sombrero hin und her. 
„Aller guten Dinge sind drei!“
Lian schob ihm einen weiteren Schein rüber und der andere zuckte mit den Schultern. 
„Also gut. Aber wenn wir uns verfahren, ist das Ihre Schuld.“ 
Er griff nach dem Handy, schaltete es aus und steckte es in die Mittelkonsole.

Lian lotste seinen Chauffeur durch die Stadt. Die Straßen waren feucht vom letzten Regen, das Licht der Ampeln spiegelte sich in den Pfützen. Der Fahrer fuhr langsam und zögernd, ohne die vermeintliche Sicherheit seiner technischen Helferlein. Lian starrte geradeaus nach vorne. Die Stadt zog vorbei – graue Backsteinfassaden, flackernde Werbetafeln, Passanten mit gesenkten Köpfen. Jeder Schatten konnte ein Verfolger sein. Jedes Fenster ein Auge, das sie beobachtete.

„Können Sie bitte schneller fahren. Ich hab es eilig!“
„Sie sind aber verdammt eigensinning. Was machen Sie eigentlich beruflich? Geheimagent?“
Lian hob eine Augenbraue. „Detektiv.“
Der Fahrer pfiff durch die Zähne. „Ah, deswegen.“ Er klopfte mit den Fingern gegen das Lenkrad. „Ich hab’ mal ’nen Typen gefahren, der auch Detektiv war. Der hat mir erzählt, er würde Ehebrüche aufdecken. Am Ende hat er selbst seine Frau betrogen. Ironie des Schicksals?“

Lian antwortete nicht. Stattdessen beobachtete er die Fassaden. Das Starlight kam in Sicht: ein kleiner Park mitten in der Stadt. Sam nannte ihn so, weil man früher hier einen perfekten Blick auf die Sterne hatte. Dann verschlang ein Baugebiet den flachen Hügel und das Licht wurde künstlich. Im Vorbeifahren sondierte Lian die Lage auf dem Platz. Die Laternen waren zerbrochen oder erloschen. Die Bäume warfen lange, verzerrte Schatten auf den Boden und drei Jugendliche verpassten den Parkbänken eine neue Schicht Graffiti.

Am Ende des nächsten Blocks rief er plötzlich: „Hier rechts abbiegen.“ Es hatte keinen Sinn, dem Fahrer sein wahres Ziel zu nennen. In der Seitenstraße ließ er ihn anhalten.
Lian stieg aus und warf dem Fahrer einen letzten Blick zu.
„Bitte warten sie hier fünf Minuten auf mich. Nicht länger.“
Der Fahrer nickte, aber seine Augen waren nervös.
„Und wenn Sie nicht zurückkommen?“
Lian zögerte. Dann klopfte er an die Tür.
„Haben Sie mich nie gesehen.“

Lian folgte der Straße bis zur nächsten Kreuzung und bog dort ab in Richtung Park. Er ließ den Lichtkegel der Taxi Scheinwerfer hinter sich. Hoffentlich war der Taxifahrer kein Held. Das konnte er jetzt überhaupt nicht gebrauchen.
Er rief sich Sams codierte Aussagen ins Gedächtnis und schmunzelte. Es hatte in der Historie eine Queen Mary in England gegeben, aber Sam meinte typischerweise Queen Mary von Schottland, für die er eine seltsame Bewunderung hegte. Die Erwähnung der Königin verriet Lian, dass er sich in Richtung Norden halten sollte. Drei Zinnbecher gaben die Zahl der Kreuzungen an, die es zu überqueren galt. Alles andere war eingestreut, um mögliche Zuhörer zu verwirren. 

Lian hielt sich im Schatten der Häuser und erreichte den Park an seiner Nordwest-Ecke. Er hörte, wie sich die Jugendlichen gegenseitig anfeuerten, während sie die Bänke ansprühten. Sie bemerkten ihn offenbar nicht.

Er kam ohne Zwischenfälle zur dritten Kreuzung und sah sich um. Sam hatte gesagt „das Jojo zwei Mal rollen.“ Das meinte vermutlich das zweite Haus in einer der angrenzenden Straßen. Aber welches? Das hatte Sam nicht erwähnt und ihm entging sonst kein Detail. Das hieß, er vertraute darauf, dass Lian diesen letzten Teil des Rätsels alleine löste.

 Lian stand ratlos an der Straßenecke. Wo würde eine Frau wie Victoria wohnen? Sie war reich, oder zumindest reich gewesen. Die Häuser neben ihm waren vierstöckige Zweckbauten aus den Siebzigern. Die schloss er aus, ebenso ähnliche Gebäude auf der anderen Seite der Straße, aus der er gekommen war. Seine Stimmung hellte sich auf, denn gegenüber lag ein Villenviertel: große Grundstücke, gepflegte Gärten und alte, knorrige Bäume. Das sah vielversprechend aus.

Sein Blick glitt prüfend über Tore, Zäune und Hecken und blieb an einer gusseisernen Laterne im englischen Stil hängen, wie sie in Londoner Vororten stand. Das Haus dahinter stach nicht durch Prunk hervor, sondern durch Understatement und es war tatsächlich das zweite nach der Kreuzung. Er überquerte die Straße und glitt durch eine Öffnung in der Hecke in den angrenzenden Garten. Eine Annäherung von vorne schloss er aus. Zu viele neugierige Kameras und zu gefährlich. 

Kapitel 13 – Geordnete Verhältnisse

Lian schlich über das fremde Grundstück, als gehöre er selbst zum Schatten. Die mondlose Nacht war sein Verbündeter. Er blieb stehen und lauschte. Ein Bellen aus der Ferne und das leise Rascheln der letzten dürren Blätter,

Seine tastenden Hände stießen gegen eine Backsteinmauer. Zwei Meter hoch, kalt und unnachgiebig, Sie färbte die Schatten dunkler, wenn das überhaupt möglich war. Er strich mit den Fingerspitzen über die raue Oberfläche. Schritt für Schritt folgte er der Mauer, bis er einige Lücken im Mauerwerk fand. Er setzte seinen Fuß in den Spalt und zog sich hoch. Mit einem letzten Ruck kletterte er über die Wand, landete mit einem dumpfen Plumps auf der anderen Seite und blieb einen Moment regungslos liegen.
„Wozu mache ich das eigentlich?“ Der Gedanke kam ihm nicht zum ersten Mal. 
„Wieso riskiere ich mein Leben für eine Frau, die mich belogen hat? Bei einem Fall, der mich in etwas hineinzieht, das ich nicht durchschaue?“
Er seufzte unhörbar.
„Vielleicht, weil ich nichts anderes habe. Keine Familie, die auf mich wartet. Niemanden, der sich Sorgen macht. Da war Maja, die ihn manchmal ansah, als gäbe es mehr Möglichkeiten. Bernd, der ihm Bier und Geschichten schenkte, als wären es die letzten Dinge auf der Welt.“
Er richtete sich auf, klopfte den Dreck von seiner Kleidung und setzte den Gedanken fort. 
„Oder vielleicht, lasse ich mir einfach ungern etwas vorschreiben.“

 Victoria hatte ihn ausgewählt. Nicht weil er der Beste war, sondern der letzte Übriggebliebene. Das macht ihn wütend: zornig auf sie, erbost auf Sam und rasend auf diese verdammte Stadt, die alle verschluckte, die zu viel wussten.

Er schlich weiter durch die Büsche an der Backsteinmauer entlang. Links von ihm lag das Haus und im zweiten Stock war ein Zimmer hell erleuchtet. Wie zum Teufel sollte er da hinaufkommen? Die Fassade war glatt, weder Regenrinne, noch Balkon oder Fenster boten eine Gelegenheit. Victorias Villa hütete bestens die Geheimnisse der Familie. Aber er hatte keine Wahl. Er überlegte, wie er die Tür aufbrechen konnte, als er leises Knirschen von Stiefeln auf Kies hörte. Sein Körper erstarrte, doch es war zu spät.
Drei Gestalten lösten sich aus der Dunkelheit – Kapuze und zwei andere, die er nicht kannte, bewaffnet mit Pistole und Brecheisen. Seine Stimme war ein flüsterndes Knurren:
„Hallo, Sombrero, lange nicht gesehen.“
„Ich dachte, du hättest aus unserer letzten Begegnung gelernt. Hat dir der Doktor einen neuen Ring gegeben?“
Kapuze zögerte für einen Moment. Die Pistole in der Hand des zweiten Gangsters zuckte leicht.
„Du hast Glück, dass dich unser Auftraggeber lebend will. Sonst hättest du jetzt schon ein Loch im Kopf. Unsere Falle hat besser funktioniert als geplant. Wie leicht wir dich schnappen konnten.“
„Ein neuer Auftraggeber? Bist du bei Los Hombres rausgeflogen?“

Der Gangster mit dem Brecheisen trat vor und verpasste Lian einen harten Schlag. Doch Lian wich nicht zurück und krümmte sich nicht. Stattdessen fixierte er den Mann mit einem spöttischen Blick.
„Wenn ihr mich töten wollt, warum nicht gleich? Feigheit ist kein guter Look für Gangster.“
„Halt’s Maul, Sombrero!“
„Oder was? Schießt ihr mir in den Rücken? So wie den anderen vor mir auch?“
Ein kurzes Schweigen. Die Gangster tauschten Blicke aus. Lian nutzte den Moment und hakte nach.
 „Arbeitet ihr heute Nacht für den Doktor, oder seid ihr Amateure auf eigene Faust losgezogen?“
Der Gangster mit dem Brecheisen ballte die Faust.
„Du hast keine Ahnung, wovon du redest!“
„Doch. Ich weiß, dass ihr – schon wieder – drei gegen einen braucht. Kapuze kämpft nicht gerne alleine.“

Kapuze verlor die Geduld. Mit einem harten Stoß drängte er Lian zur Tür. Sie stießen ihn die Treppe hinauf, in den erleuchteten Raum. Und dort saß Victoria geknebelt und an einen Stuhl gefesselt. Ihr Blick war wild, verzweifelt, doch als sie den Sombrero sah, blitzte Hoffnung in ihren Augen auf.
Kapuze stieß seinen Gefangenen auf einen zweiten Stuhl und fesselte ihn mit einem Hanfseil. Das raue Seil schnitt in seine Handgelenke, doch Lian ließ sich nichts anmerken. 
Kapuze wandte sich zu Victoria und zischte: „Du hast deine Rolle gut gespielt. Dein brillianter Freund ist brav hergekommen, um sich hier übertölpeln zu lassen.“
Er beugte sich zu Lian und flüsterte: „Weißt du, was das Schlimmste an dir ist, Sombrero? Dass du denkst, du wärst schlauer als alle anderen.“

Lian zerrte an den Seilen, doch sie hielten. Dann lächelte er.
„Wisst ihr, was das Schlimmste an euch ist? Dass ihr denkt, ihr hättet gewonnen. Aber in Wahrheit seid ihr nur die Vorhut – die ersten Opfer in einem Spiel, das ihr nicht versteht.“
Kapuze starrte ihn an. Die Unsicherheit in seinen Augen war unübersehbar.
„Was redest du da?“
Bevor Lian antworten konnte, mischte sich Victoria ein: „Ihr habt den Detektiv. Bindet mich los. Sofort!“
„Oh! Die feine Dame möchte Befehle erteilen! Leider sind wir nicht deine Diener. Du bleibst gefesselt, bis unser Auftraggeber weitere Anweisungen erteilt.“
„Was wollt ihr von mir, ihr Schweine? Welcher verdammte Auftraggeber?“
Lian antwortet mit fester Stimme: „Kapuze weiß nichts von den Baustellenmorden. Damals war er noch nicht in der Stadt!“

Kapuze blickte verwirrt von Lian zu Victoria und zurück. Dann wandte er sich an Brecheisen: „Du darfst!“
Der Schlag traf Lians Schulter und ein stechender Schmerz schoss durch seinen Arm. Die Fesseln verhinderten, dass er vom Stuhl fiel. Kurz wurde ihm schwarz vor Augen.
Er hörte Victorias Schrei, als sie die gleiche Behandlung bekam.
Kapuze schlug ihm ins Gesicht. „Aufwachen Meisterdetektiv. Wir fangen gerade erst mit dem gemütlichen Teil an.“
Lian hob den Kopf und fühlte, wie ihm das Blut aus der Nase tropfte.
„Deine Hände sind sehr sanft. Welche Handcreme verwendest du?“
Das brachte ihm einen zweiten Schlag ins Gesicht ein. 
Victoria zischte: „Diese Befreiungsaktion hatte ich mir anders vorgestellt. Ich dachte Sie wären der Beste!“
Lian sah sie mit blutverschmiertem Mund an. „Der Beste der noch übrig ist.“
Das war das Stichwort für Kapuze. 
„Wenn wir mit dir fertig sind, wird nichts mehr übrig sein.“

Lian spuckte etwas Blut vor Kapuzes Füße. Ein kleiner Sieg, den er sich gönnte. 
„Natürlich überlässt du die Drecksarbeit deinen Kollegen. Habt ihr eigentlich alle Überwachungskameras gefunden?“
„Billiger Trick. Als ob es hier drin Überwachungskameras gäbe“
„Mir sind im Flur vorhin schon zwei aufgefallen. Obwohl es dunkel war. Schätze mal du hast kein Auge für Details.“
Kapuze wandte sich an Pistole: „Überprüf den Flur und leg alles still was nervt!“
Der Angesprochene drehte sich um und verschwand im dunklen Flur, wie eine kleine zappelnde Beute im reglos aufgesperrten Maul eines Krokodils. Kapuze sah ihm hinterher und lauschte.

Lian nutze diesen Moment der Ablenkung und bewegte unauffällig seine gefesselten Hände. Das Hanfseil war stramm, aber nicht professionell gebunden. Er hatte es mit aller Kraft gelockert, während die Gangster auf sein blutendes Gesicht starrten. Victorias Blick huschte kurz zu seinen Händen und wieder zurück. Sie verstand und leistete ihren Teil, um die Aufmerksamkeit zu binden.

„Wisst ihr überhaupt, wer ich bin?“, fauchte sie Kapuze an. „Wisst ihr, wessen Tochter ich bin? Wenn mir etwas zustößt, wird diese Stadt zu klein für euch alle.“
„Deine Familie ist tot, Süße“, knurrte Brecheisen. „Oder hast du das vergessen?“
Victorias Gesichtsausdruck zerbrach für einen Wimpernschlag, bevor sie die Maske wieder aufsetzte. Lian registrierte es und archivierte das Puzzlestück für später.
„Du lügst“, zischte sie, doch ihre Stimme zitterte. „Mein Sohn ist am Leben und ich werde ihn finden. Und wenn es das letzte ist was ich tue!“
Aus dem Flur hörten sie einen dumpfen Schlag, gefolgt von dem schnellen Gepolter.
Kapuze knurrte: „Dein dämlicher Freund ist die Treppe hinuntergefallen. Geh und hilf ihm.“
Brecheisen hastete hinaus ins Dunkle und trampelte eilig die Stufen hinunter.

Lian wandte sich an Kapuze: „Wann kommt eigentlich dein großer Coup? Davon träumt doch jeder Gangster mit Klasse. Oder taugst du nichts und hälst dich deswegen mit Gelegenheitsjobs über Wasser.“
Kapuze schlug ihm erneut ins Gesicht. Lian spürte die Striemen heiß auf seiner Wange. 
„Wenn du mich ein weiteres Mal schlägst, verlässt du dieses Haus mit gebrochener Hand!“
Kapuze holte aus, hielt aber mitten in der Bewegung inne, denn in der Tür stand ein unerwarteter Gast.
„Komme ich zu spät zur Party?“
„Wer bist du und wie kommt du hier herein. Wo sind Pistole und Brecheisen?“
„Oh, die beiden Gentlemen habe ich bewusstlos am Fuße der Treppe liegenlassen. Sie sind entwaffnet und gefesselt.“
Mit einem Blick auf den blutenden Lian ergänzte er: „Ich bewundere deine Methode der gewaltfreien Auseinandersetzung, aber in diesem Fall wollte ich sicher gehen, dass ihr nichts passiert. Danke für deinen Anruf und die Vorarbeit.“ 

„Sam!“ rief Victoria. Sie hatte ihren Cousin sofort erkannt. Er sah sie missbilligend an.
„Du warst schon immer gut darin, im falschen Augenblick den Mund aufzumachen.“
Lian sah dieses winzige Flackern der Erkenntnis in Kapuzes Augen. Für einen Herzschlag verschwand die Härte aus seinem Gesicht, und was zurückblieb, war nackte Fassungslosigkeit. Seine Hand erstarrte in der Luft. 
„Das… das ist unmöglich“, stammelte er. „Du existierst nicht. Du bist ein Märchen, das sich alte Männer in Kneipen erzählen.“
„Und trotzdem stehe ich hier“, sagte Sam mit einem Lächeln, das keine Wärme enthielt.
„Du hast mich gesehen“, flüsterte Kapuze und sackte in sich zusammen. Jeder in der Stadt wusste, was das bedeutete. Männer, die Sam sahen und am Leben blieben, um davon zu erzählen gab es nicht.

Etwas in Kapuze zerbrach in diesem Moment – die letzte Fassade aus kalter Professionalität. Was zurückblieb, war das nackte Tier, das um sein Überleben kämpfte. Er warf sich mit einem Schrei auf Sam, beide Fäuste voraus, das ganze Gewicht seines Körpers hinter dem Ansturm. Kein kalkulierter Schlag, nur die rohe, verzweifelte Wucht eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hatte. 
Sam drehte sich seitlich weg, so mühelos, dass Kapuzes Fäuste durch leere Luft schnitten, und in derselben Bewegung schoss sein Ellbogen nach oben und traf Kapuze unter dem Kinn. Der Kopf des Gangsters flog zurück. Bevor er das Gleichgewicht wiederfand, packte Sam sein Handgelenk, drehte es mit chirurgischer Härte und drückte ihn mit dem Gesicht an die nächste Wand.
„Weißt du, was das Beste an einem alten Mann ist?“, sagte Sam, seine Stimme kaum lauter als ein Atmen, während Kapuze wimmernd gegen den Griff ankämpfte. „Niemand rechnet damit, dass er noch beißen kann.“
Kapuze versuchte, sich loszureißen, warf einen wilden Ellbogen nach hinten. Sam wich aus, als hätte er ihn Sekunden im Voraus kommen sehen, packte den Arm im Vorbeischwingen und riss ihn nach oben, bis ein hässliches Knacken durch den Raum hallte. Kapuze schrie.
„Das war deine Schulter“, sagte Sam sachlich, fast beiläufig, wie ein Arzt, der eine Diagnose stellt. „Wenn du weitermachst, nehme ich mir den nächsten Knochen vor.“
Kapuze sackte zu Boden, hielt seinen Arm, sein Gesicht verzerrt vor Schmerz und blankem Entsetzen.

Lian löste seine zweite Hand aus den Fesseln und warf die Seile Sam zu.
„Du hättest mir sagen können, dass du das kannst.“
„Du hast nie gefragt“, sagte Sam, ohne sich umzudrehen, während er Kapuze mit dem Fuß auf dem Boden fixierte. 
„Ich dachte, du bist ein pensionierter Buchhalter mit Hang zu schottischer Geschichte!“
„Man kann beides sein, Junge. Das Leben ist selten so einfach, wie man es sich wünscht. Wenn man auf der Straße überleben will, reicht Buchhaltung alleine nicht aus.“
Kapuze wimmerte am Boden, halb ohnmächtig vor Schmerz. Seine Überzeugungen, wie die Welt funktioniert waren genauso ruiniert wie seine Schulter. 
„Bitte“, brachte er hervor, „bitte töte mich nicht.“
Sam kniete sich neben ihn, und für einen Moment war seine Stimme fast sanft. „Ich habe nicht vor, dich zu töten, Kapuze. Aber du wirst eine Nachricht überbringen. Sag deinem Auftraggeber, dass der alte Sam jetzt Bescheid weiß. Sein Plan wird nicht funktionieren.“

Victoria, die sich inzwischen selbst von den letzten Seilresten befreit hatte, trat neben Lian und musterte die zusammengesackte Gestalt am Boden mit kalter Genugtuung. „Ich hätte nie gedacht, dass ich froh sein würde, meinen Cousin zu sehen.“
„Das sagen alle“, meinte Sam, richtete sich auf und wischte sich unauffällig eine Blutspur von den Fingerknöcheln. „Bis sie mich brauchen. Dann bin ich plötzlich der liebste Mensch der Welt.“
Unten im Flur regte sich etwas – ein Stöhnen, das lauter wurde. Pistole oder Brecheisen kamen wieder zu sich.
„Zeit zu gehen“, sagte Sam und warf Lian einen Blick zu, der keinen Widerspruch duldete. „Wir reden über alles, sobald wir in Sicherheit sind.“

Kapitel 14 – Mittwoch

Lian saß in seinem Büro und hatte Kopfschmerzen. Er hatte Mittwoche bis zum heutigen Tag nicht gemocht und dieser war keine Ausnahme. Vor ihm stand ein leeres Glas, das bis eben zwei Aspirin und etwas Wasser enthalten hatte. Die eine oder andere Schlägerei war ein Berufsrisiko, aber die Geschehnisse gestern Abend hatten eine neue Qualität. Kapuze war eindeutig auf Rache aus. Lian hatte einen weiteren Feind erlangt.

Wenigstens war Victoria in Sicherheit, denn Sam hatte sie widerstrebend mit in sein Versteck genommen. Wer mochte der neue Auftraggeber sein, von dem Kapuze die ganze Zeit gefaselt hatte? Drängte eine weitere Organisation in die Stadt? Oder ein privater Rachefeldzug? 
Egal! Diese Gedanken konnte er sich später machen. Sein Problem hieß jetzt John. 

Lian dachte an die Fotos aus dem Ordner in der Shisha Bar? Hatte ausgerechnet Victorias Sohn die gesammelten Geheimnisse von Los Hombres überbracht? Ein Überläufer Geschenk an den Arslan-Clan? Aber warum war er dann nicht tot? Der Doktor neigte nicht zu Sentimentalitäten.
Lian kopierte die Bilder aus dem Handy auf seinen Computer. Ein langsamer Prozess der ihm genug Zeit ließ, sich ausgiebig über sich selbst zu ärgern. Seit Tagen ruhten die Fotografien im Speicher seines Mobiltelefons und er war dieser Spur bisher nicht nachgegangen.

Die meisten Bilder zeigten Listen von Datumsangaben, Telefonnummern und Geldbeträgen: Bäckerei Fuchs – 200 – i.O.
Ein paar Zeilen weiter: Kiosk Ecke Bahnhofstraße – 150 – verspätet, Nachdruck nötig. Darunter: Änderungsschneiderei M. – 100 – Inhaber gewarnt.

Lian lehnte sich zurück und atmete tief durch. Hier handelte es sich vermutlich um Schutzgeld und keine große Verschwörung. Das älteste Geschäftsmodell der Unterwelt, sauber dokumentiert wie eine Vereinsmitgliederliste. Kleine Läden, die monatlich zahlten, damit ihre Schaufenster heil blieben. Er hatte so etwas schon einmal gesehen, vor Jahren bei einem Fall der ihm nur Ärger und kein Geld eingebracht hatte.

Auf der vorletzten Seite änderte sich das Muster. Hier standen nur Initialen und daneben Telefonnummern. Dahinter waren drei Vermerke mit „aktiv“ und neun Zeilen mit „ruhend“.
Er zoomte hinein. Die Handschrift war nicht die der Ladenliste. Hier hatte ein anderer Autor energischer und mit stärkerem Druck geschrieben. Ein Eintrag fiel Lian direkt auf: W.S. – aktiv. Er starrte auf die zwei Buchstaben, bis sie vor seinen Augen verschwammen. Dann tippte er die Nummer daneben in sein Handy, ohne anzurufen, nur um sie mit seinen Kontakten abzugleichen.
Ein Name blinkte auf: Onkel Werner (Firma). Was auch immer ‚Aktiv‘ bedeutete, es lief weiterhin.
Er ließ das Telefon auf den Schreibtisch fallen, als wäre es glühend heiß. Für einen langen Moment saß er wie versteinert da. Nur der Kühlschrank füllte die Stille, indem er sein monotones Brummen wie eine Erinnerung ans normale Leben in den Raum warf.

Das Saubermann-Image von Onkel Werner zerplatzte an der Realität wie seine gefeierte Glas-Schüssel auf hartem Beton. Hatte er sich mit Los Hombres eingelassen? Oder war ihm nicht klar, mit wem er Geschäfte machte? Lian wusste, dass es um Werners Fabrik nicht zum Besten stand, aber das hatte er dem Onkel nicht zugetraut. 
„Habe ich einen blinden Fleck wenn es um die Familie geht?“ fragte er das Bild seines Großvaters an der Wand. Der alte Herr schaute streng aus dem Portrait hinab und antwortete nicht.
Zur Sicherheit glich er die anderen beiden aktiven Einträge ab. Maria Schüssler sagte ihm nichts, aber Walter Kreiling brachte eine Erinnerung hervor. Lian kannte einen Dennis Kreiling, der sich für einen Privatdetektiv hielt. Ein überheblicher Kerl ohne messbare Ermittlungserfolge.
Laut überlegte er: „Waren Los Hombres so vorausschauend, dass sie sich jeweils einen Verwandten der möglichen Ermittler gefügig gemacht hatten um so emotionalen Druck auszuüben, falls die Ermittlungen Victorias Sohn betreffen würden?“

Lian griff zum Telefon und rief Sam an. 
„Hallo Sam, wie geht´s dir?“
„Vermutlich besser als dir! Was gibt es?“
„Wen hat Victoria angeheuert, vor mir? Wer waren meine Vorgänger die jetzt tot oder verschwunden sind?“
Sam wurde sofort misstrauisch. „Warum interessiert dich das?“
„Sollen wir das am Telefon besprechen oder persönlich?“
 „Wir treffen uns morgen am Denkmal zum dritten Eichhörnchen zur besagten Stunde.“
Lian schüttelte unwillig den Kopf. Sams Paranoia verschlimmerte sich mit jedem Tag. Überall witterte er Spione und feindliche Agenten. Nicht mal ein gewöhnliches Telefongespräch ließ er zu, dabei war die Gefahr für ihn bei einem persönlichen Treffen ungleich höher. 

„Die Einsamkeit des Büros bringt mir heute nichts, ich brauche Gesellschaft!“, beschloss er und machte sich auf den Weg zu Bernds Kneipe, die nur zwei Querstraßen entfernt lag.

Die Tür zur Kneipe öffnete sich mit dem gewohnten Knarzen. Lian trat ein und das Gemurmel verstummte. Erhobene Gläser wurden hart abgestellt, Köpfe drehten sich. Das Ticken der Wanduhr dröhnte durch die Stille. An den Tischen saßen ein Dutzend Menschen aus den umliegenden Büros und Wohnungen, die sich bei Bernd ein Mittagessen gönnten und sich bis eben über den alltäglichen Zank unterhalten hatten, doch das hier sah aufregender aus. Lians Herzschlag pochte in seinen Ohren. Er hasste es, gesehen zu werden, wenn er wie ein geschlagener Hund aussah.

„Lian! Was ist denn mit dir passiert?“, rief Maja erschrocken. Ohne weitere Worte zog sie ihn herein, durch den Schankraum und geradewegs in die Küche. Die Blicke aller Gäste folgten ihnen, die Neugier ließ den Raum vibrieren. Sie schloss sorgfältig die Küchentür, was draußen ein enttäuschtes Gebrummel auslöste. 
Sie griff zum Erste-Hilfe-Kasten, zog einige Salben heraus und verarztete die Blutergüsse und Striemen in seinem Gesicht so gut wie möglich. 
Lian wurde heiß. Nach der Kühle der Straße war das hier eine Sauna. Auf dem Herd köchelte ein Linseneintopf und füllte die Küche mit Dampf und den Aromen von Kartoffeln und Petersilie. Zur Hitze des Raumes mischte sich Majas Wärme. Lian fühlte sich schwummerig. Ihre Hände rieben eine Salbe auf seine Wange. Er roch den strengen Duft der Medizin und eine blumige Note von Seife.
„Wer war das?“, fragte Maja leise, während sie sanft mit den Fingern die Reste der Salbe auf seiner Wange verteilte. 
„Eine Meinungsverschiedenheit“, murmelte Lian mit belegter Stimme und sah zur Seite.
„Blödsinn!“, ereiferte sie sich. „Du bist die Beherrschtheit in Person, selbst wenn du ein spitzes Messer vor dem Bauch hast. Ich will wissen was wirklich passiert ist!“
„Woher weißt du von dem Messer?“
„Bernd hat es mir erzählt. Du legst dich mit den falschen Leuten an, meinte er.“
„Das alte Klatschmaul!“ Lian zog die Luft scharf durch die Nase. Sein Gesicht schmerzte. „Und was hat er dir noch erzählt?“
„Leider nicht viel mehr. Etwas über eine Mafia in der Stadt. Lian, er bewundert deinen Mut und deine Dummheit!“
„So, so, er bewundert meine Dummheit.“ Lian schüttelte energisch den Kopf und seine Gesichtszüge entspannten sich merklich. Der alte Zynismus gewann die Oberhand und zog die Mundwinkel mit nach oben.

„Das ist nicht witzig! Lian! Ich meine das ernst!“
Ihre hellblauen Augen waren wie der Himmel an einem Sommertag, über den plötzlich ein Gewitter zieht. Blitze zuckten in seine Richtung.
„Ich weiß, dass du das ernst meinst. Aber es gibt Dinge, die ich dir nicht erzählen kann. Nicht weil ich dir nicht vertraue. Sondern weil Vertrauen in meinem Beruf manchmal tödlich ist.“
„Für dich oder für die Person, der du vertraust?“
Die Frage traf ihn tiefer, als sie ahnen konnte. Er dachte an seine Mutter, an Onkel Werner, an die Initialen auf dem Foto, an all die Namen, die plötzlich Gewicht bekommen hatten. 
„Für beide“, sagte er leise.

Der Gewitterhimmel in den Augen trübte sich und Regen zog heran. Ihr Blick wurde feucht.
„Vertraust du mir?“
Drei einfache Worte kratzen über Lians Herz und erzeugten Striemen, die mehr schmerzten als die Verletzungen im Gesicht. Der alte Schorf löste sich und die Hoffnung schimmerte blutrot dahinter. Durfte er es wagen? Alleine die mögliche Verbindung machte sie zur Zielperson. Wohin waren die anderen Detektive verschwunden? Würde Maja an seinem Grab weinen, oder er an ihrem? Wie viel Schuld kann ein Mensch aushalten und wie viel Einsamkeit? 

„Ja ich vertraue dir. Aber du solltest mir nicht vertrauen!“
Sie stieß sich brüsk von ihm weg.
„Bin ich dir nicht gut genug? Soll ich mich auch in so einen schwarzen Fummel werfen und dick Lippenstift auftragen? Ist es das, was du willst?“
„Maja bitte, so habe ich das nicht gemeint.“
„Sondern? Wie hast du es denn gemeint? Die dumme Maja ist nur für die Küche gut, man muss sie nicht ernst nehmen. Lieber rennt der einsame Wolf sehenden Auges in sein Verderben!“

Die Küchentür öffnete sich und Bernd streckte den Kopf herein.
„Ich meine, dass die Küche kein guter Platz für diese Diskussion ist, denn die Tür ist dünn und draußen hört man jedes Wort.“
Bernd drückte die Tür vollständig auf und verzog sich wieder hinter den Tresen. Ein Dutzend gefräßige Blicke knabberten an Lian und verfolgten seine Bewegungen auf dem Weg von der Küche zu seinem Stammplatz an der Bar. Er lief rot an im Gesicht, was zum Glück unter seinen Blutergüssen nicht weiter auffiel. 

Bernd stellte ihm ein Bier hin, garniert mit den Worten: „Das ist zur Stärkung!“ Lian legte gewohnheitsmäßig die Hände um das kalte Bierglas und starrte in den Schaum. Er hätte Maja nicht in die Küche folgen sollen. Jetzt würde er das Gesprächsthema Nummer eins für Wochen bleiben. Die Blutergüsse und Wunden heilten, aber die Erinnerung der Leute blieb. Schlimmer noch: Diese Leute würden es weiter erzählen und es gab genug neugierige Ohren in der Stadt, die jedes Gerücht begierig aufsaugten. Dabei war die Beziehung zwischen ihm und ihr die große Neuigkeit und der Zustand seines Gesichts eine Nebensache. Warum hatte Maja nur so abwehrend reagiert? Sie erwähnte das Messer als Gruß von Onkel Hassan. Gangster wie er fackelten nicht lange. Der Fall wurde gefährlich und sie wollte sich selbst in die Schusslinie bringen?

Lian schüttelte langsam den Kopf und starrte weiter verbissen in sein Bier. Leises Gemurmel setzte ein und verkündete die Rückkehr zur Normalität. Er hörte das Klacken der Küchentür und sah den Teller mit Linseneintopf, der vor ihn gestellt wurde.
„Das ist besser als Muttis Schweinebraten“, sagte sie mit einem Lächeln in der Stimme und verschwand so unauffällig, wie sie gekommen war.

Kapitel 15 – Spazierfahrt

Lian stöhnte. Sein Wecker zeigte 5:30 Uhr. Für seine Verhältnisse war das mitten in der Nacht, aber Sam ließ nicht mit sich verhandeln. Eine Stunde vor Sonnenaufgang, das war seine Zeit, wenn sich die Dunkelheit noch einmal zusammenballte gegen die heraufziehende Sonne.

Das Gesicht im Spiegel sah heute deutlich besser aus. Majas Behandlung wirkte belebend auf Haut und Seele. Wenn er sich selbst eine Freundin erlauben würde, wäre sie die Richtige.

Er rannte ohne Frühstück die Treppen hinunter, den Sombrero fest auf den Kopf gedrückt und den langen Mantel eng um sich geschlungen. Im Bus um 6:02 Uhr saßen bereits 20 weitere Fahrgäste. Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Einige sahen starr in ihr Handy, andere täuschten vor zu schlafen. Niemand redete und keiner davon würdigte ihn eines Blickes, als er einstieg und sich in die letzte Reihe setzte. Während der Bus seine Fahrt in Richtung Stadtwald fortsetzte, sah Lian mit müden Augen aus dem Fenster. Ein trockener Frost hatte alles mit Raureif überzogen. Die Welt glitzerte und funkelte in unschuldigem Weiß. Der Bus hielt einige Mal und nahm mehr Menschen auf, die in ihrer schlaftrunkenen Apathie eher wie Zombies wirkten.

Nach 20 Minuten kam ein großer Backsteinkomplex in Sicht. Auf der Fassade stand in riesigen Buchstaben: „Werner Westkamp, feinste Haushaltswaren.“ Lian seufzte innerlich. Sie waren an Onkel Werners Fabrik angekommen. Der halbe Weg zu seinem Ziel war geschafft. Viele Hände drückten die entsprechenden Knöpfe und der Bus hielt an. Alle stiegen aus und liefen in Richtung Fabriktor. Lian war jetzt der einzige Fahrgast im Bus. Er sah den Arbeitern hinterher und war froh, dass er damals die Anstellung bei Onkel Werner abgelehnt hatte. Jede zweite Woche Frühschicht passte nicht zu seinem Lebensentwurf.

Aus dem Augenwinkel bemerkte eine schwarze Limousine, die hinter dem Bus wartete. Sie war zu glänzend, zu teuer für diese Gegend und es fehlte das Nummernschild.
„Seltsam, warum überholt der Fahrer nicht? Um diese Uhrzeit ist kein Verkehr und Menschen auf dem Weg zur Arbeit haben es eilig“, dachte er.

Der Bus setzte sich wieder in Bewegung und das Auto blieb dahinter. Lian hatte angenommen, dass es auf den Parkplatz der Fabrik abbiegen würde. 

Der Bus fuhr weiter auf seiner Route und die Landschaft veränderte sich. Links und rechts zeigten sich jetzt abgeerntete Felder unter einer weißen Kruste. Flaches Land ohne Büsche oder Bäume, von einer industriellen Landwirtschaft auf Effizienz getrimmt. Die schwarze Limousine folgte dem Bus in einigem Abstand. 

Lian war mit seinen Gedanken schon beim bevorstehenden Treffen. Er lachte innerlich über das Denkmal zum dritten Eichhörnchen. Sam meinte damit den Waldspielplatz neben dem Streichelzoo. Im Sommer war es der Treffpunkt für Familien mit Kindern, aber um diese Uhrzeit würde es dort einsam sein. 

Ein Knall schreckte Lian auf und im nächsten Augenblick splitterte die Heckscheibe des Busses in tausend Scherben. Sein Herz stolperte – ein einziger, leerer Schlag. Dann pumpte es los, als wollte es aus seiner Brust fliehen. Er duckte sich instinktiv, ließ sich flach auf den Boden fallen und robbte in Richtung Tür. Jegliche Müdigkeit war von ihm abgefallen. Jetzt gab es nur Adrenalin, eiskalt und klar, das ihm die Kehle zuschnürte und seine Muskeln in starre Bereitschaft versetzte. Aus der Schusslinie bleiben und so schnell wie möglich raus aus diesem Bus.

Der Fahrer musste das Splittern ebenfalls gehört haben, denn er bremste abrupt. Mit einem Ruck kam der Bus zum Stehen. Lian rutschte auf dem Boden des Busses nach vorne. Handytöne drangen an sein Ohr.
„Hallo Polizei? Hier spricht Ernst Welter. Ich bin Busfahrer auf der Linie 9 und befinde mich aktuell auf der B738 in Richtung Stadtwald. Mein Fahrgast hat mutwillig die Heckscheibe eingeschlagen und ich brauche sie vor Ort um den Schaden aufzunehmen.“
Seine Stimme klang nüchtern. Sie trug die Monotonie eines Mannes, der seit 20 Jahren diese Route fährt und schon alles gesehen hat. Der Vorfall war ein Ärgernis, mehr nicht.
Ärger kochte in Lian hoch und überflügelte das Adrenalin. Welter beschuldigte ihn des Vandalismus. Entschlossen robbte er sich vorwärts in Richtung Busfahrer.
„Ja genau. Auf der B738. Wir sind gerade an der Fabrik vorbeigefahren.“
Lian hörte Reifen quietschen, erst links dann vorne. 
Der Fahrer rief empört: „So ein Idiot. Der blockiert die Straße.“

Ein zweiter Knall. Die Seitenscheibe neben dem Kopf des Busfahrers implodierte. Welter schrie, das Handy fiel ihm aus der Hand. Panisch fummelte er am Sicherheitsgurt. Der löste sich mit einem mechanischen Klick und er prallte schwer auf den Boden. Sein Blick traf Lians zu einer Sekunde des Verstehens: Sie saßen in der Falle. Die monotone Routine auf der Linie 9 lag in Splittern, wie die Fensterscheiben.

„Lian! Wir wissen, dass du da drin bist. Komm freiwillig raus, sonst muss der Fahrer dran glauben!“
Ein bärtiges Gesicht erschien am Seitenfenster und glotzte in den Bus. Es gab keine Deckung. Welter lag direkt in der Schusslinie. Lian hob vorsichtig den Kopf und traute seinen Augen nicht. Vor dem Fenster stand Big Mike. Dann konnte der rattengesichtige Little Joe nicht weit sein.
 „Auf dem Boden kriechen passt nicht zu dir Lian. Ich gebe dir zehn Sekunden!“
Lian atmete einmal tief durch und roch den eindeutigen Duft von Urin. Sein Blick fiel auf Welter, der unter der ersten Sitzreihe Deckung suchte, wo keine war. Das Gesicht kalkweiß, die Schnittwunde an der Schläfe blutete leise vor sich hin. Der Mann wurde für Routine bezahlt, nicht für Heldentaten.

„Ist gut, ist gut“, rief Lian, mit mehr Ruhe in der Stimme, als er besaß. Seine Knie wurden weich. Nur keine Schwäche zeigen, sonst ist es direkt aus.
„Ich komm raus. Lasst den Fahrer da raus, der weiß von nichts.“
Er richtete sich auf, die Hände sichtbar, und schob sich Richtung Vordertür. Als er an Welter vorbeikam, drückte er kurz dessen Schulter – eine stumme Anweisung: Bleib unten, halt dich raus. Dann trat er hinaus in die Kälte.
Der Raureif auf dem Asphalt glitzerte absurd unschuldig für diesen Ort. Big Mike stand breitbeinig vor der Limousine, die Pistole locker in der Hand, als wäre sie ein Handy, das er gleich wegstecken würde. Auf der anderen Seite des Wagens lehnte Little Joe, dünn und nervös wie immer, die unvermeidliche Zigarette im Mundwinkel.

„Sieh mal einer an“, sagte Lian und verschränkte die Arme, obwohl seine Hände zitterten. „Big Mike persönlich. Haben sie dich mal aus dem Keller gelassen, oder ist das dein freier Tag?“
„Immer noch der Klugscheißer“, knurrte Mike.
„Du darfst mit uns einen schönen Ausflug machen!“, ergänzte Joe: „Das ist besser als Bus fahren.“
„Ich bevorzuge den Bus. Da riecht es nicht nach Ratte.“
„Vorsicht! Wenn wir dich nicht lebend bräuchten, hätte ich vorhin tiefer gezielt und mir eine Menge Ärger erspart.“
„Soll ich mich jetzt geschmeichelt fühlen? Was wollt ihr?“
„Wir haben ein Geschenk für den alten Sam. Das dürfen wir nur persönlich überbringen.“

Nach außen behielt Lian seine neutrale Maske, doch innerlich wunderte er sich. Wenn das Ziel Sam hieß und sie wussten, dass er den Weg kannte, wäre eine unauffällige Beschattung sinnvoller gewesen. Andererseits war grobe Unbeherrschtheit genau der Stil der beiden. Das hatten sie in der letzten Woche bei der Zauberervorstellung ausführlich demonstriert.

Big Mike öffnete die Tür und hob die Pistole. An Lian gewandt sagte er: „Wenn der gnädige Herr bitte einsteigen möchte. Dann kann die Spazierfahrt beginnen.“
Er spukte vor Lian auf den Boden, drehte den Kopf und knurrte zu Little Joe: „Der Busfahrer hat uns gesehen!“
Joe warf die Kippe widerwillig von sich und trat darauf mit mehr Wucht, als es gebraucht hätte. 
„Scheiße Mann, immer muss ich aufräumen. Nur weil du keine Masken magst.“

Big Mike schob Lian auf die Rückbank. Drinnen roch es nach Leder, Zigaretten und einem Hauch von Damen-Parfüm. Der Innenraum war sauber, wie bei einem Neuwagen vor der Auslieferung.
Draußen hallte der dritte Schuss. Lian zuckte zusammen, als hätte die Kugel ihn selbst getroffen. Seine Kehle schnürte sich zu. Ein dumpfes Rauschen in seinen Ohren überlagerte die Geräusche des Motors und des Windes. Der letzte Moment mit dem Busfahrer brannte in seinem Kopf. Die blutende Schnittwunde an der Schläfe. Das kalkweiße Gesicht unter der Sitzreihe mit der vergeblichen Hoffnung, dass die Welt zur Routine zurückfände, sobald Lian den Bus verließ. 
Säure stieg ihm brennend die Speiseröhre hoch. Er schluckte sie hinunter, gemeinsam mit dem Impuls zu schreien, zu fluchen, aus dem Wagen zu springen und davonzulaufen, egal wohin. Stattdessen saß er reglos da, die Kiefer so fest zusammengebissen, dass es in seinen Schläfen pochte.
Welter! Ein weiterer Name auf der Liste derer, die zu nah an mich herangekommen sind. Wieder ein – wahrscheinlich ungeklärter – Mordfall der auf das Konto von Los Hombres ging. Die Gewissheit traf ihn mit der Wucht eines Faustschlags: Dieser Tod trug seine Handschrift, genauso sicher, als hätte er selbst abgedrückt. Sein Leben hing ab jetzt an einem seidenen Faden, denn das Syndikat mochte keine Mitwisser.

Little Joe kam völlig ungerührt zurück, setzte sich ans Steuer und fuhr los. 
„Mal schauen, ob Kommissar Kaiser damit klar kommt. Ein Glück hat diese Stadt einen komplett unfähigen Polizeichef.“
Big Mike wandte sich an Lian. „Wo solls denn hingehen?“
Lian wurde heiß. Die Waffe war auf ihn gerichtet und er hatte vor wenigen Momenten erlebt, wie belanglos Mord für die beiden war. Sie brauchten ihn, um Sam zu finden, danach war sein Leben nichts mehr wert. 

Er legte reichlich Unschuld in seine Stimme. 
„Wie wäre es mit Spanien?  Da ist es um diese Jahreszeit warm und sonnig. Etwas Sonne würde euch gut tun. Ihr könntet euch auch so einen schicken Sombrero kaufen.“
„Was meinst du Joe? Bezahlt uns der Doktor einen Ausflug in den Süden?“
„Wäre möglich Mike. Er hat auf Sams Kopf eine hohe Belohnung ausgesetzt.“
„Da hörst du es Lian. Wir würden so gerne mit dir in den Süden fahren, müssen aber erst bei Sam vorbei. Wo ist der Treffpunkt?“

Lians Gehirn arbeite fieberhaft. Durch das Fenster sah er die Abzweigung zum Waldspielplatz. Sam und Victoria tauchten vor seinem inneren Auge auf. Seine Gedanken kreisten immer enger um die beiden und sein Mund sagte: „Wie wäre es mit dem Hotel ‚Vier Jahreszeiten‘ an der Hafenstraße? Da habt ihr vor fünf Jahren schon mal ‚Urlaub gemacht‘ “
„Was redest du da? Ich habe nach deinem Treffpunkt mit Sam gefragt. Du hast zielsicher diesen Bus genommen und der fährt nicht zum Hafen.“
„Ihr habt echt eine Obsession mit Sam. Ich wollte lediglich ein wenig spazieren gehen.“
„Wir kennen deine Gewohnheiten, Lian. Freiwillig bist du um diese Uhrzeit noch nie aufgestanden.“
„Ihr wisst nicht alles von mir. Mein neustes Hobby ist die Fotografie von Raureif-Kristallen. Das geht hier draußen am besten.“
„So kommen wir nicht weiter. Joe bring uns zum ‚Palast‘. Lian möchte für einige Tage unser Gast sein.“
Lian hatte keine Zeit, sich über diesen Satz zu wundern, denn Big Mikes Faust zuckte durch die Luft und traf ihn an der Schläfe. 

Kapitel 16 – Elysium

Lian erwachte und fror. Er öffnete die Augen und schloss sie direkt wieder. Die Welt um ihn herum blieb tiefschwarz. Er setzte sich auf. Die Bewegung löste rasende Kopfschmerzen aus. Wo Big Mike hinschlug, wuchs kein Gras mehr.
Seine tastenden Hände berichteten von rauem Betonboden und bröckeligem Putz. Es roch nach Schimmel und Feuchtigkeit. Er hörte das regelmäßige Tropfen von Wasser und sein Herzschlag wollte sich dem paralysierenden Rhythmus anpassen. 
Da draußen saß Sam in seinem Versteck am Denkmal zum dritten Eichhörnchen und wartete auf ihn. Wie lange würde er sich gedulden? Wie lange war Lian ohnmächtig gewesen? 

Er durchsuchte seine Taschen ohne Erfolg. Big Mike und Little Joe hatten ihn gründlich gefilzt. In ihm stieg Übelkeit hoch, beim Gedanken daran, dass die beiden ihn überall angefasst und darüber gescherzt hatten.
Die saure Übelkeit im Bauch kämpfte mit dem rationalen Teil in seinem Kopf. Er wollte sich übergeben. Alles von sich werfen und nie wieder etwas essen. Er fühlte sich schmutzig und benutzt.
Der Kopf argumentierte: Wenn du dich jetzt übergibst, sitzt du in diesem Gestank ohne Aussicht auf Flucht. Mach es nicht!
Lians Beherrschung siegte, der Mund blieb zu. 

Das tropfende Wasser kehrte zurück in sein Bewusstsein und bestimmte den Takt seiner Gedanken: Maja, Bernd, Sam, Onkel Werner und alle anderen. 
Sie liefen weiter ahnungslos durch eine Stadt, die jetzt ihr Feind war, während er hier saß. Wie sollte er sie warnen? Konnten sie sich schützen? Gab es überhaupt einen Schutz? Hatten Los Hombres sie bereits erwischt? 

Er schloss die Augen. Das Tropfen wurde lauter in der Stille, ein Rhythmus, der sich in seinen Schädel bohrte, bis er nicht mehr zwischen dem Klang und dem Klopfen seines eigenen Pulses unterscheiden konnte. Und mit dem Rhythmus kam eine Erinnerung, ungerufen, wie es Erinnerungen an dunklen Orten oft tun.

Lian war unschlüssig gewesen, wo er im Fall von Victoria ansetzen sollte, schließlich waren die Spuren fünf Jahre alt. Er hatte den besten Hinweis genutzt und sich vorletzte Woche das Hotel in der Hafenstraße angesehen. Der Nachtportier gab sich ahnungslos. Er wäre erst seit zwei Jahren hier beschäftigt und könnte zu alten Vorfällen keine Aussage treffen. Er komplimentiere Lian aus dem Hotel heraus und gab ihm den Tipp, sich das „Pink Elysium“ einmal näher anzusehen. Der Nachtklub lag einige Häuser weiter und Hotelgäste waren dort gerne gesehen.

Drinnen roch nach dem süßlichen Verfall falscher Freundschaft und schneller Liebschaft mariniert in Alkohol. Kronleuchter warfen gebrochenes Licht auf Samtvorhänge, denen die Zeit ihre Farbe aus den Fasern gesogen hatte. Vom Klavier kamen lebhafte Jazz-Klänge, die an melancholischen Gästen abprallte.
Lian saß alleine in einer Nische, den Sombrero tief im Gesicht, ein Glas Cola vor sich, das er kaum berührte. Er wusste nicht genau, wonach er suchte. Das war oft so. Man saß im Dunkeln und wartete, bis das Dunkel selbst einem etwas zuflüsterte.
Ein Gong ertönte, sanft und respektvoll wie eine Kirchenglocke. Die Klaviermusik verstummte. Ein Scheinwerfer fiel auf die kleine Bühne, und in seinem Kegel erschien ein Mann in schwarzem Frack, mit einem Zylinder, der so dunkel war, als hätte man ihn aus der Nacht selbst geschnitten.

„Meine Damen und Herren“, sagte der Zauberer, seine Stimme samtig wie die Vorhänge. „Was verschwunden ist, kehrt zurück. Was verborgen ist, wird sichtbar. Nur eine Frage der Perspektive.“
Er zog Karten aus dem Nichts und bunte Tücher aus seinem Ärmel. Die Gäste applaudierten mit müder Höflichkeit. Lian beobachtete nicht den Zauberer. Seine Aufmerksamkeit galt dem Raum, wie es seine Gewohnheit war. Dabei fielen ihm zwei Gestalten an der Bar auf, die nicht zum Publikum gehörten: Big Mike und Little Joe.
Lian kannte einige Geschichten über sie und keine war schmeichelhaft. Ein Grund mehr, den Sombrero tief ins Gesicht zu ziehen.
Die beiden prosteten sich zu mit teurem Whiskey. Sie brauchten sich nicht zu verstecken. Diese Nacht war ihre Nacht und dieser Ort ihr Wohnzimmer.

Der Höhepunkt der Show näherte sich. Der Zauberer hob den Zylinder, zeigte dem Publikum das Innere, leer wie ein Versprechen, das niemand einlösen würde. „Ein einfacher Hut“, sagte er, seine Stimme trug mühelos durch das Raunen im Raum. „Nichts darin, nichts darunter. Ich brauche einen unabhängigen Zeugen, der das bestätigt. Sie, mein Herr, in der zweiten Reihe – hätten Sie die Freundlichkeit?“
Der Finger des Zauberers zeigte wie zufällig in die Menge, doch Lian erkannte diesen Blick, den kurzen, kalkulierten Moment, bevor er sein Ziel fand. Der Gast gab sich  überrascht und geschmeichelt. Er lächelte verlegen und schlängelte sich zur Bühne, begleitet vom höflichen Applaus eines Publikums.
„Willkommen auf der Bühne junger Freund, wie heißen Sie?“
„Meine Freunde nennen mich Tariq.“
Er griff in den Hut. Seine Finger tasteten demonstrativ den Rand ab, suchten unter dem Futter, während sein Gesicht dem Saal die Show eines misstrauischen Skeptikers bot. 

Lian Instinkte schlugen laut Alarm. Das war nicht nur ein freundlicher Klamauk. Er konzentrierte sich auf die Handbewegung des Gastes und bemerkte die winzige Verzögerung im Abtasten. Seine Finger hatten etwas gefunden. Doch Tariq zog seine Hand scheinbar ohne Beute aus dem Zylinder.
„Absolut leer!“ verkündete er und hielt den Hut triumphierend hoch, das perfekte Bild eines zufriedenen Zeugen. Der Saal lachte und klatschte. 
Lian fixierte den Kerl auf der Bühne. Etwas war heimlich übergeben worden, im Spotlight, vor allen Leuten.

Big Mike begriff es in der gleichen Sekunde. Sein Kopf ruckte vor, als hätte ihn jemand am Genick gepackt.
„Die zwei verarschen uns! “
Alle Anwesenden drehten sich zu ihm um. Big Mike stürmte auf die Bühne, um den Mitspieler des Zauberers zu fassen. Er kümmerte sich nicht um Feinheiten. Das Ziel auf direktem Weg erreichen, das war sein Motto. Little Joe folgte ihm auf den Fuß.
Das Klavier verstummte mitten im Takt. Gläser fielen um und Stühle kippten. Ein Aufschrei ging durch den Raum, der diesmal kein Teil der Show war. 

Mike packte Tariq beim Kragen. Der goldene Ring an seiner Hand fing das Scheinwerferlicht ein und warf es zurück wie ein kleines, verräterisches Signal.
„Los Hombres!“ stöhnte der Kerl in plötzlichem Verstehen.
Mike erstarrte. „Arslan?“, entfuhr es ihm. „Der Clan macht Geschäfte in unserem Wohnzimmer. Wie dreist kann man sein?“ 
„Los Hombres!“ wiederholte einer der Männer, die mit dem „zufällig“ ausgewählten Kerl, am gleichen Tisch gesessen hatten. Mike und Joe wurden von den Gangstern des Arslan-Clans umringt. Was eben noch eine Handgreiflichkeit war, wurde in Sekunden zu einem Flächenbrand. Stühle, Fäuste und Flaschen flogen. Der Nachtklub verwandelte sich in ein Schlachtfeld aus Samt und Scherben.
Der Zauberer nutzte das Chaos mit der Geschicklichkeit eines Mannes, der seit Jahren von der perfekten Ablenkung lebt. Er sprang von der Bühne und war innerhalb von Sekunden durch eine Seitentür verschwunden.

Mitten im Getümmel flog der Zylinder unbeachtet durch die Luft. Er drehte sich einmal im Scheinwerferlicht wie ein schwarzer Vogel und landete mit einem dumpfen Klatschen genau vor Lians Füßen. Der bückte sich, hob den Hut auf und drückte ihn unter seinen Mantel. Sein Herz schlug schneller, als das Chaos um ihn herum es verlangte. Er stand auf, hielt den Kopf gesenkt und schlich sich durch den Hinterausgang in die kühle Nachtluft. Hinter ihm splitterte Glas und Männer riefen sich gegenseitig Worte, die er lieber nicht verstanden hätte.

Zurück in seinem Büro hatte er den Hut untersucht. Leider war der Zylinder so leer, wie der Zauberer versprochen hatte. Er hätte eine DNA-Analyse in Auftrag geben können, aber das Ergebnis stand von vorneherein fest, denn er hatte die Beteiligten gesehen. Der Hut war nur ein wertloses Souvenir eines seltsamen Abends.

Das Tropfen im Keller spülte ihn zurück in die Gegenwart. Der Hut mochte nutzlos sein, aber das Geschehen im Nachtklub war es nicht. 

Lian war seinen Entführern jetzt zwei Mal bewusst begegnet und beide Treffen hatten eine Gemeinsamkeit: Die Unbeherrschtheit von Big Mike. Er konnte nicht abwarten und ruinierte damit alles. Im „Pink Elysium“ hätte er den Mann unauffällig bei einem Toilettengang in die Mangel nehmen können. Ohne den Schuss auf den Bus würde Welter noch leben und Lian hätte die beiden unwissentlich direkt zu Sam geführt.
„Was verschwunden ist, kehrt zurück“, murmelte er in die Dunkelheit. Diese Worte sagte der Zauberers zur Ankündigung seiner Show und ab jetzt würde es Lians Motto sein. Der Keller war nicht die Endstation, sondern eine Chance. 

Lian stand vorsichtig auf und tastete die Wände ab. Er fand nur bröckelnden Putz, aber keine Rohre oder Kabel die auf eine frühere Verwendung hingedeutet hätten. Er stieß gegen das Waschbecken und drehte den Wasserhahn ab. Das stetige Geräusch verklang und Stille breitete sich aus. Sein Zeitgefühl floss mit den letzten Tropfen den Ausguss hinunter.
Der raue Betonboden bot keine Hinweise. An der Decke fand Lian ein Stromkabel für die Deckenlampe, dessen Adern nutzlos in der Luft endeten. 
Er ließ die Hände sinken und sie streiften den Sombrero. Erst in diesem Augenblick wurde ihm bewusst, dass sie ihm alles genommen, außer seinem geliebten Hut.

Schnell setzte er ihn ab und kramte in der Spitze nach der Taschenlampe im Geheimversteck. 
„Jeder Hut sollte einen doppelten Boden haben.“, dachte er grinsend. Das galt besonders für Zaubererhüte. 
Im Licht der Taschenlampe erschien der Raum so trostlos, wie er sich im Dunkeln angefühlt hatte, doch es gab ihm Hoffnung, weil seine fünf Sinne wieder vollständig nutzbar waren. Er genoss den Moment. 

Von draußen hörte er Schritte. Schnell löschte er das Licht und kauerte sich auf den Boden. Die Tür wurde grob aufgerissen, doch der Unterschied war minimal, denn Big Mikes massige Gestalt füllte den Türrahmen direkt wieder. Trübes Flurlicht gab ihm die Silhouette eines Scherenschnittes. Er glotzte auf die Stelle, wo Lian bis eben gelegen hatte.

„Lian wo steckst du? Der Boss will dich sehen!“ 
Seine Stimme hallte von den kahlen Wänden wieder. Er trat einen Schritt in den Raum und stoppte dann. Seine Augen hatten sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt. Der Schweiß lief in Strömen in sein Unterhemd. Er drückte sich fester an die kalte Wand.
Big Mike stand schwer atmend in der Mitte des Raums. Ein riesiger Stier auf der Suche nach dem roten Tuch.
Lian rief: „Ich sehe was, was du nicht siehst und das ist blöd!“
Big Mike schwang herum und seine Faust krachte in die Wand. Putzbrocken rieselten auf den Sombrero herab. Perfekt! Der Gangster war wütend und unberechenbar. Genau das brauchte Lian.
Wie eine Naturgewalt beugte sich Big Mike vor, seine massige Gestalt suchend in der Dunkelheit. „Du hast keine Ahnung, wie sehr ich dich gleich—“

Lian schaltete die Taschenlampe ein und richtete den Strahl direkt in Big Mikes Augen. Der Gangster schrie auf, seine Hände flogen vor das Gesicht. „Verdammt! Scheiße!“ Er stolperte rückwärts, sein massiver Körper taumelte, wie ein Stier kurz bevor der Torero den finalen Stoß ausführt. 
Lian nutzte den Moment. Mit einer flinken Bewegung schlüpfte er unter dem  ausladenden Arm hindurch und zur Tür. Fast hätte ein Tritt ihn erwischt, während Big Mike war damit beschäftigt, seine geblendeten Augen zu reiben. Lian rammte die Tür hinter sich zu. Der Riegel fiel mit einem befriedigenden Klick ins Schloss.

Lian atmete einmal tief durch und genoss seinen kleinen Sieg. Er schlich die Treppe hoch und huschte durch den Flur wie ein Geist: Lautlose Schritte auf dem abgenutzten Linoleum. Das Licht einer Straßenlaterne fiel durch ein Fenster ohne Rollladen und bot ihm etwas Orientierung. Vorsichtig spähte er hinaus und atmete auf. Little Joe saß im Auto, das Handy in der Hand, und tippte gedankenverloren auf dem Bildschirm herum.

Laute Musik drang durch die geschlossene Fensterscheibe. Lian zog sich behutsam vom Fenster zurück. Nur keine schlafenden Hunde wecken. Er nahm die nächste Tür und fand sich in einer Küche wieder. Auf dem Tisch lagen seine Sachen: die Lederweste, das Handy, sogar sein Notizbuch. Sie hatten ihn durchsucht und alles dann hier abgelegt. Es hätten Geschenke für den Boss werden sollen, jetzt war es eine Erleichterung für ihn. Er zog die Weste an und steckte seine Habseligkeiten ein. Ein Blick auf das Handy zeigte ihm an, dass es immer noch Donnerstag war. 

Er verließ das Haus durch den Hintereingang. Die Nachtluft war kühl und roch nach Freiheit. Im Hinterhof stieg er auf eine Mülltonne und kletterte über die Mauer. Dann verschluckte ihn die Dunkelheit.

Kapitel 17 – Wandlung

Heißes Wasser prasselte auf Lian herab. Er hatte mit voller Absicht die Dusche so heiß gedreht, dass die Haut drohte Blasen zu werfen. Sie sollte sich abschälen wie nach einem Sonnenbrand. Er wollte die Erinnerung an die Berührungen von Big Mike und Little Joe wegbrennen.

Er drehte die Flasche mit dem Duschgel um. Leer! Er hatte sich jetzt drei Mal eingeseift und abgeduscht. Jedes einzelne Mal heißer und rücksichtsloser als vorher. Sein Körper schmerzte nach der rigorosen Behandlung, doch der Schmerz konnte den Ekel nicht unterdrücken.

Ein drängenderes Problem beanspruchte seinen Platz im Gedankenzirkus. Sowohl Los Hombres als auch der Arslan Clan wussten genau, wo er wohnte. Diese Wohnung war nicht sicher. Er war nicht sicher, denn er brachte Unglück über alle Menschen in seiner Nähe.
Er schlüpfte in frische Klamotten und ignorierte das Brennen auf der Haut. Solange er Schmerz fühlte, war er am Leben. Er zog die Lederweste eng um sich, warf einen Mantel darüber und setzte den Sombrero auf. Der Hut war in einem beklagenswerten Zustand durch die Ereignisse der letzten Tage. Adalbert würde seine ganze Kunst brauchen, um Lians Markenzeichen wieder in Ordnung zu bringen.

Die Straßen waren belebt mit Autos und Passanten. Ein grauer, nebeliger Freitag mit den Vorboten des Winters hing über der Stadt. Für Lian der Weg durch einen Alptraum. Er duckte sich in die spärliche Deckung der Häuser. Sie konnten überall lauern. Hinter jedem Fenster ein Spion oder ein Pistolenlauf, der auf ihn gerichtet war. 

Die frische Luft kühlte seine aufgeregten Gedanken. Warum kroch er hier durch die Schatten? Kriechen bedeutete aufgeben. Lian straffte die Gestalt und trat in die Mitte des Bürgersteigs. Er würde sich nicht länger krümmen. Wenn sie ihn holen wollten, wäre er bereit. Er würde mit hoch erhobenem Haupt sterben und nicht kriechend zugrunde gehen. Aber wohin sollte er sich wenden? Fieberhaft ging er alle Möglichkeiten im Kopf durch. Onkel Werner? Bernd? Zurück zu seiner Mutter? Er hat bei Welter gesehen, wie leicht ein Unbeteiligter zum Mordopfer werden konnte, nur durch seine Anwesenheit. 

Während der Kopf tief in Gedanken versunken war, folgten die Füße den vertrauten Wegen durch die Gassen der Stadt, bis er sich auf dem Marktplatz wieder fand, der  nach Norden hin von der Kathedrale begrenzt wurde. Ihre Turmuhr schlug elf Mal. Die Glockenschläge brachten Erinnerungen an unbeschwertere Zeit zurück. Er überquerte den Platz und drückte die schwere Seitentür auf. Drinnen setzte er sich in eine dunkle Eichenbank und seufzte tief. Er sah sich um. Früher hatte er mit seiner Mutter manchmal hier den Gottesdienst besucht. Seitdem hatte sich nichts verändert.

An diesem Morgen war die Kirche menschenleer und still. Lians geistiges Auge blickte weit in die Vergangenheit:
In der Grundschule hatten sie eine Kirchenführung bekommen, bei der die Klasse hinter die Kulissen schauen durfte. Sie stiegen gemeinsam mit dem Küster die ausgetretene Treppe im Glockenturm hoch. Lian hatte sich gewundert, dass hier alles aus groben, rau behauenen Sandsteinen bestand, während der Turm von außen glatt und zierlich aussah. Oben führte er sie einen schmalen Gang entlang. Darüber erhob sich das große Gewölbe. Nach unten öffnete sich das weite Kirchenschiff. Die Architekten hatten die Kirche so geschickt entworfen, dass Besucher diesen Weg beim Hochschauen nicht wahrnahmen. 

Lian, Kevin, Peter und Philipp trödelten bewusst, denn sie hatten keine Lust auf den Gottesdienst, der im Anschluss stattfand. Kurz vor der Treppe nach unten entdeckten sie eine kleine Tür und schlüpften unbemerkt hindurch. Sie pirschten sich vorsichtig weiter empor und gelangten in den geheimnisvollen Raum über den Gewölben und unter dem Dachstuhl. In der Mitte lief ein Betonsteg, der vollständig eingestaubt war. Wenige Fußspuren wiesen auf die Arbeit des Küsters hin, der manchmal hier her kam, um die schweren Leuchter der Kathedrale hinunter zu lassen, damit die Birnen ausgetauscht werden konnten. Im Gänsemarsch liefen die vier den schmalen Weg entlang, Philipp vorneweg und Lian am Schluss. Der Adrenalinpegel stieg, denn der Weg war ungesichert und keiner mochte sich vorstellen, die Gewölbe hinunterzurutschen und in einem Haufen Steine auf dem Kirchenboden zu enden.

An der Stirnseite entdeckten sie verstaubte Pappkartons. Darin lagen kleine Zettel mit den Bildern von Heiligen. Lian erkannte sie sofort. Die Kirche gab jedes Jahr zu Ostern ein neues Exemplar heraus und seine Mutter sammelte sie als Lesezeichen in ihrem Gesangbuch.
In einer Mischung aus Langeweile und Entdeckertrieb öffneten die Jungs alle Kisten und staunten über die Menge und das Alter der Bilder. Der Küster war ein gewissenhafter Mann und verstaute jedes Jahr die übrig gebliebenen Exemplare hier oben. Damit setzte er die Arbeit seiner Vorgänger fort. 

Kevin sagte: „Lasst uns die Bilder mitnehmen. Während des Gottesdienstes lassen wir sie auf die Besucher herabsegeln.“
Das stieß auf allgemeine Zustimmung. Jeder nahm so viele Bilder mit, wie er tragen konnte. Besonders die ganz Alten aus dem 19. Jahrhundert hatten es ihnen angetan. 
Unscheinbar wie Kirchenmäuse schlichen sie zurück in den Gang unter den Gewölben und verteilten sich gleichmäßig. Mitten in der langweiligen Predigt warfen sie ihre Schätze über die Brüstung. Die gedruckten Heiligenbildchen schwebten leise hinab, wie Friedenstauben aus einer längst vergessenen Zeit. In den Sitzbänken wurde es laut. Ärgerliche Rufe mischten sich mit Schreien des Entzückens und der Freude. 

Lian und seine Freunde hatten keine Zeit, ihren Erfolg zu genießen, denn der Küster kam schwer atmend die Treppe hochgeschnauft und zog ihnen die Ohren lang. 
Unten versuchte der Pfarrer, die aufgebrachte Menge zu beruhigen, doch die Menschen hörten nicht auf ihn. Sie zankten mit Inbrunst um die Bildchen. 
Schließlich stimmte er das Lied „Großer Gott wir loben dich“ an. Die Orgel setzte ein und die Besucher beruhigten sich wieder. 
Der Pfarrer hatte keine Ahnung, was passiert war, aber er musste etwas sagen. Daher erklärte er in hochtrabenden Tonfall die Ereignisse zu einem Wunder. Damit lag man in der katholischen Kirche nie falsch.

Der Küster hatte in der Zwischenzeit die Kinder in die Sakristei eskortiert und hielt ihnen eine Standpauke, die sich gewaschen hatte. Als er aus der Kirche die Worte des Pfarrers hörte und den Jubel der Gläubigen wurde sein Gesicht milder. 
Er sagte zu den Jungs: „Eigentlich hättet ihr eine Tracht Prügel verdient für eure Taten, aber  so wie es sich entwickelt muss ich euch dankbar sein. Eine Kathedrale in der ein Wunder geschehen ist, zieht viele zusätzliche Pilger aus aller Welt an. Die Besucher werden nur so in die Kirchen strömen und vielleicht bekomme ich endlich die lange versprochene Gehaltserhöhung.“
Lian und seine Freunde saßen den Rest des Gottesdienstes mucksmäuschenstill in der Sakristei. Der Küster ließ sich nach dem Ende der Messe unauffällig hinaus und sie mischten sich unter ihre Klassenkameraden. Keiner hatte ihr Verschwinden bemerkt, selbst der Lehrer nicht.
Die Kirche gab zum Gedenken an dieses Wunder ein extra prachtvolles Heiligenbildchen heraus, das seit jenem Tag bei seiner Mutter gerahmt an der Wand hing. Lian hatte es nie übers Herz gebracht, ihr zu erzählen, was sich wirklich ereignet hatte.

Die Schmerzen zogen Lian zurück in die Gegenwart, doch er hatte ein verschmitztes Grinsen im Gesicht in der Erinnerung an unbeschwerte Kindertage.

„Wie es wohl heute dort oben aussieht?“ fragte er sich im Stillen. Er erhob sich schwerfällig aus der Kirchenbank und bewegte sich verstohlen in Richtung Kirchturm. Die Tür war nicht abgeschlossen. In dieser Kirche änderte sich tatsächlich wenig. Das Treppenhaus erschien ihm deutlich schmaler, als er es in Erinnerung hatte. Er musste sich durch die Tür zum Dachgeschoss ducken. 
Der Raum über den Gewölben war genau so staubig, gruselig und einsam wie in seinen Kindertagen. Er schritt noch einmal den Betonsteg entlang zur Stirnwand der Kathedrale. 
Anstelle der Kartons stand dort heute ein würfelförmiges Server-Rack. Die Computer darin waren passiv gekühlt und so gegen Staub geschützt. Zwei Meter über ihm war eine Richtantenne in der Lüftungsluke montiert. Diese verband die Rechner mit dem Internet. 

Auf dem Metallkasten waren Maus, Tastatur und Monitor platziert. Lian drückte sie probeweise und der Bildschirm wurde hell. Die Schrift der Windows Anmeldung war auf Arabisch eingestellt.
Er traute seinen Augen nicht. War es möglich, dass der muslimisch geprägte Arslan-Clan ausgerechnet unter dem Dach einer Kathedrale geheime Server betrieb? 
Lian erinnerte sich an die Vorfreude des Küsters damals auf eine Gehaltserhöhung. Vielleicht hatte der heutige Amtsinhaber einen Nebenverdienst gesucht und gefunden.

Lian zögerte kurz, ob er einfach den Stecker ziehen sollte und abwarten wer kam, um sich darum zu kümmern. Er entschied sich dagegen. Besser keine schlafenden Hunde wecken. Stattdessen knipste er ein Foto von der Anordnung und verließ die Kathedrale auf dem gleichen Weg, auf dem er gekommen war. 

Draußen hing die trübe Oktobersonne wie ein pochiertes Ei am Himmel. Wenn der Arslan-Clan seine Finger im Spiel hatte, gab es nur eine Person, die Lian fragen konnte: Yussuf aus der Shisha-Bar. Er zögerte. Das hieße sich in die Höhle eines Löwen zu begeben, der bereits die Krallen ausgefahren hatte. Die Warnung mit der Messerspitze vor dem Bauch brannte in seiner Erinnerung.

Zögernd macht er sich auf den Weg. Am Ende des Marktplatzes kam er an einem Kiosk vorbei und die Schlagzeile auf der Tageszeitung schrie ihn an: Mysteriöser Bus-Mord! Kleiner darunter stand: Verhängnisvolle Spielschulden! Polizei tappt im Dunkeln!
Lian nahm sich ein Exemplar und überflog den Artikel. Der Redakteur stellte die üblichen Vermutungen in alle Richtungen an, ohne konkrete Beweise zu nennen. Der Ekel und die Schuldgefühle kamen wieder hoch. Sein Magen verkrampfte sich. Nur drei Menschen wussten, dass Welter einfach nur am falschen Ort zur falschen Zeit war und so zum Zufallsopfer wurde. Die anderen beiden Mitwisser scherte es nicht, aber er fragte sich wieder einmal, ob es hilfreich wäre, der Polizei einen Hinweis zu geben. 

Nach zehn Minuten sah er das Schild der Shisha-Bar grell durch den Nebel leuchten. Seine Schritte wurden langsamer. Theoretisch bestand die Möglichkeit umzudrehen. 
Er straffte abermals die Gestalt. Es gab kein zurück. Wenn er den Fall nicht löste, war ein normales Leben nicht denkbar. 
Die Tür der Bar war weit geöffnet. Von drinnen zog Rauch heraus, von draußen drängte der Nebel hinein. Sie umkreisten einander, bildeten Wirbel und vermischten sich am Ende. Lian hatte an diesem Morgen keinen Sinn für die feinen Schönheiten der Natur. Er trat eilig hindurch und das Graue bekam eine neue Richtung. 

„Sombrero!“ Ein lauter Ruf kam aus der gewohnten Ecke. Jussuf rekelte sich dort gelangweilt auf einem Sessel. Alle Gespräche verstummten und viele unangenehme Blicke verfolgten Lian, bis er neben ihm saß.
„Jussuf, was geht?“
„Seltsame Zeiten, Mann!“
Er sah starr an Lian vorbei aus dem Fenster und wiederholte seinen Satz kopfschüttelnd.
Damit war das Gespräch beendet. Eine Bedienung kam an den Tisch und Lian bestellte wie üblich einen Pfefferminztee. Wenn Jussuf jetzt nicht reden wollte, hatte das einen Grund. Lian drängte ihn nicht, sondern nutzte die Zeit und inspizierte den Raum und die Menschen darin.   
Hinten in der Bar saßen einige Männer um einen Tisch und starrten auf die Tageszeitung. 
„Hier steht Spielschulden. Was die sich immer aus den Fingern saugen! Wer soll das denn glauben!“
„Das ist nicht erfunden, Bruder! Habe das heute morgen im Chat gelesen“
„Alter, was redest du?“
„Der Welter war Spielbank Stammgast. Hatte 20 Riesen offen! Echter Loss  für die Arslans.“
„Bestimmt stecken die Arschlöcher von Los Hombres dahinter, ganz sicher. Die wollen uns fertigmachen! Dabei hatten wir die schon fast soweit gehabt.“
„Vergiss die Polente, wallah! Der Kommissar findet eh nix, Alter. Man munkelt, die haben seine neue Villa bezahlt!“
Lian hörte das Gespräch und staunte. War Welter nicht das Zufallsopfer, für das er ihn gehalten hatte? Steckte ein größerer Plan dahinter? Oder geschah hier eine Überinterpretation aus Unwissenheit und Ärger?

„Leute! Ich frag euch: Wer ist hier der echte Boss?“
„Check ich nicht mehr!“

In diesem Augenblick betrat Onkel Hassan die Bar wie ein König seinen Thronsaal. Seinem Eintreten folgte eine Stille aus Angst und Respekt. Selbst die Rauchwolken schienen sich vor ihm zu verneigen.

„Jussuf, mein Junge!“, rief er mit boomender Stimme, während er sich an die Theke setzte. Er klopfte dem Barkeeper auf die Schulter, wie einem alten Kumpel. 
„Ein Brandy für mich  und für meinen Freund mit dem großen Hut einen Tee, wenn ich mich nicht irre.“
Jussuf Rang sich ein verspanntes Lächeln ab 
„Onkel, du irrst dich nie.“
Hassan lachte dröhnend und drehte sich auf seinem Hocker um, bis er Lian direkt ansah. „Ah, der berühmte Sombrero! Ich habe schon viel von dir gehört.“
Er nahm seinen Brandy entgegen, hob das Glas und prostete dem Raum zu.
„Genießen wir das Leben, solange wir können!  Shereve!“
Er trank einen Schluck und seufzte zufrieden. Dann veränderte sich sein Blick, langsam wie ein Schatten, der über die Sonne zieht. Er stellte sein Glas ab. Kein Geräusch. Er drehte sich zu den Männern am Tisch um. Das Lächeln blieb, aber die Augen waren eiskalt. 

„Wie war die Frage nach dem Boss?“
Stummes Entsetzen breitete sich auf den Gesichtern aus. Einer der Kerle verschluckte sich am Tee, ein anderer rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Keiner antwortete. Hassan seufzte theatralisch und drehte sich wieder zu Lian um, als wäre er enttäuscht von der Dummheit seiner Gäste. 
„Jungs, ihr seid nicht die Cleversten – aber wir haben hier einen brillanten Detektiv unter uns.“ 
Er deutete mit einer weit ausholenden Geste auf Lian. 
„Der kann euch bestimmt erklären, was mit Welter passiert ist und wie man 20 Riesen auftreibt!“
Hassan lehnte sich zurück, als würde er eine Theatervorstellung genießen. 
„Also, Sombrero? Erklär’s ihnen.“

Die Atmosphäre in der Bar veränderte sich schlagartig. Die Männer am Tisch waren nicht wütend. Sie waren in Panik und Hassan nutzte das aus.
„Ich weiß nicht, was mit Welter passiert ist. Aber ich kann herausfinden, wer ihn umgebracht hat.“
Hassan lachte: ein kurzes, scharfes Geräusch. 
„Ah, Detektiv bis zum Ende! Aber pass auf, Sombrero! Manche Wahrheiten sind zu gefährlich für einen Mann ohne Freunde. Was machst du wenn es eng wird?“

Die Stille im Raum wurde greifbar. Lian bewegte sich nicht. Sein Blick war auf den Tisch gerichtet, als würde er über etwas anderes nachdenken. Mit der Beiläufigkeit einer nebensächlichen Bemerkung, sagte er:
„Wenn nichts mehr hilft, gehe ich in die große Kathedrale beten.“ 
Er hob den Kopf, die Blicke trafen sich. Dann setzte er hinzu:
„An der Stirnseite ist der beste Empfang für Zwiespräche mit dem Allmächtigen.“
Hassans Gesicht zuckte fast unmerklich, aber Lian sah es. Die Gäste am Tisch erstarrten. Einer von ihnen verschluckte sich an seinem Tee.
„Interessante Wahl der Worte, Sombrero. Manche Männer beten. Andere finden heraus, dass der Allmächtige dem Teufel seine Seele verkauft hat.“
Hassan stand auf. Die Bewegung war fließend, wie bei einem Raubtier, das sich zum Sprung bereit macht. 
„Pass auf, Detektiv. In dieser Stadt gibt es keine heiligen Orte mehr.“
Mit drei langen Schritten stand er hoch aufragend vor Lian, der sich in seinen Sessel geduckt hatte. 
„Aber ich bin sicher, du weißt das schon.“
Er beugte sich herab und klopfte Lian auf die Schulter.
„Genieß deinen Tee.“ 
Dann drehte er sich um und verließ die Bar. Bevor er verschwand, warf er einen letzten Blick zurück. „Bete nicht zu laut. Es kann sein, dass du eine Antwort bekommst die dir nicht gefällt!“

Jussuf starrte wieder aus dem Fenster. 
„Verdammt, Bruder! Du hast gerade den dicksten Löwen am Schwanz gezupft.“

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