Tag 1 – Dienstag 21.07.
Der große Tag ist endlich da und es geht los. Der Wecker war auf 3:30 Uhr gestellt, meine Nacht bereits um 3 Uhr zu Ende. Das Gepäck steht bereit und wird schnell auf die Maschine geschnürt und gesichert. Es ist ein schmaler Grat zwischen „Ich bin mißtrauisch und will sichergehen.“ und „Wenn du das so machst sieht das Gepäck extra wertvoll aus und wird bestimmt gestohlen.“
Um 3:21 läuft der Motor und ich bin unterwegs. Wie passend: 3, 2, 1 meins
Erst mal auf bekannten Wegen Richtung Bingen / Koblenz, dann bei Rheinböllen auf die B50. Es hätte mir ebenfalls bekannt sein müssen, wie kalt Sommernächte in Hunsrück und Eifel sein können, doch Erinnerung an eiskalte Nachtwachen im Zeltlager sind verblasst.
Nach einer Stunde bin ich froh, den Pulli am Leib zu tragen und nicht nur im Gepäck zu haben. Nach zwei Stunden hilft auch kein heißer Kakao mehr. Ich bin durchgefroren und alles zittert. Das fühlt sich wie Skiurlaub an und nicht wie Sommerurlaub.
Dann geht die Sonne auf und bringt Hoffnung und Wärme. Die Kilometer fliegen vorbei. Das Kopfradio spielt eine wilde Mischung aus SWR1 und Rockland Radio garniert mit Sprenkeln von Johnny Cash, Taize und Monty Python. Ohne musikalische Beschallung sucht der Gnom an der Liedauswahl verzweifelt nach Bruchstücken in der Erinnerung. Oft findet er nur einen Refrain und wiederholt den minutenlang.

Ich komme ohne Stau und mit 3 Tankstopps bis zur Fähre (600 km in 7h). Diese startet laut Fahrplan um 13:30 Uhr. Ich bin bereits um 11 Uhr am Hafen und aufgeregt bis in die Haarspitzen. Das ist meine erste Fährfahrt seit 32 Jahren. Damals waren wir mit dem Motorrad in Schottland und ich weiß nichts mehr über die Vorgänge bei einer RoRo Fähre.
Dafür war die Webseite sehr deutlich: Check in schließt eine Stunde vor Abfahrt. In den Ferien besser 2-3 Stunden früher da sein.
Der Check in verläuft schnell und unproblematisch, denn ich bin perfekt vorbereitet. Die französische Grenzkontrolle winkt mich durch. Sie filzen einzelne Autos, doch Motorradfahrer sind – so wie es aussieht – nicht in ihrem Suchraster. Dann kommt die englische Grenzkontrolle und es wird zäh. Natürlich erwische ich die Schlange mit einem Problemfall und die Sache zieht sich hin. Die Aufregung legt sich und macht der Müdigkeit Platz. Vier Stunden Schlaf kämpfen mit dem zweiten Red-Bull. Die Beamtin fragt routinemäßig, wie lange ich bleibe und die Antwort „Ein Tag“ irritiert sie, bis ich ergänze: „Fahre durch England nach Irland.“ Das ergibt für sie Sinn.
Obwohl mir nach der Kontrolle genug Zeit bleibt, bin ich so im Lauf, dass ich direkt zur angegebenen Wartespur fahre, vorbei an allen Restaurants. Dann sitze ich 90 Minuten auf dem Asphalt neben meiner Maschine, schiebe Hunger und warte, bis etwas passiert.
Tachostand 600km

Die Motorräder müssen für die Überfahrt festgezurrt werden, damit sie bei Seegang nicht umfallen. Ich habe ein bisschen Vertrauen in die Menschheit, deswegen bleibt das Gepäck drauf. Allerdings ist alles fest angeschlossen. Better save than sorry!
Die Überfahrt ist unspektakulär. Ich schnappe mir einen Tisch mit Steckdosen und ein Tablett mit Fish&Chips. Das gibt mir und meinen Geräten frische Energie.
Während der Fahrt tüftele ich an Kapitel 14 des Detektivromans. Da vergeht die Zeit wie im Flug.
Auf der englischen Seite angekommen stellt Google Maps auf Meilen um. Das hole ich beim ersten Stopp für das Motorrad nach. Dann brauche ich bei den Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht rechnen. Dafür bin ich mit dem Meilen-Tacho komplett lost was die Reichweite der Maschine angeht. Wenn die Reserve Lampe angeht, habe ich ca 40 km Zeit eine Tankstelle zu finden. Doch wie viel ist das in Meilen? Ich erwische mich dabei Meilen für Kilometer zu halten. Dann dauert es ungewöhnlich lange bis man die angezeigten Ziele erreicht.
Runter von der Fähre und auf den Autobahnzubringer. Vor mir fährt der perfekte Deutsche. Das Schild zeigt 40 an, also fährt er 40. Leider Km/h und nicht meilen/h. Wie es sich gehört, nutzt er dafür die Überholspur und ist auch durch vehementes Hupen nicht umzustimmen.
Leider habe ich versucht, clever zu sein. Von Dover nach Birmingham gibt es zwei Möglichkeiten:
- Östlich um London herum und die M1 hoch
- Westlich um London herum auf die M40
Aus der Vergangenheit habe ich leichte Abneigungen gegen die M1, also ignoriere ich den Rat von Tante Google und fahre westwärts. Direkt in den Feierabend-Stau rund um Heathrow. Es ist unglaublich wie viel Autoverkehr so ein Flughafen erzeugt.

Die Verspätung der Fähre addiert sich zur Verzögerung im Stau. Ich komme gegen 21 Uhr in Birmingham an. 10 Minuten vor der Ankunft im Hotel fällt die Navigation aus (Tablet Akku leer), dafür geht die Warnlampe für die Benzin-Reserve an. Völlig fertig erreiche ich das Hotel. Das erste, was der Manager dort zu mir sagt, ist: „Ich hoffe du hast ein paar echt gute Ketten und Schlösser für dein Motorrad, sonst ist das morgen früh weg. Aber wir haben hier ein Parkhaus, da kannst du es hinstellen!“
Das genügt mir und ich schleppe mein Gepäck über eine versiffte, enge Treppe in den zweiten Stock. Dann suche ich das Parkhaus, mit Linksverkehr aber ohne Konzentration. Alle Parkmöglichkeiten, die ich im GAY Viertel von Birmingham finde, sind unbewacht und offen. Das ist nicht meine Vorstellung von Sicherheit.
Kurz entschlossen suche ich nach anderen Möglichkeiten und finde ein Holiday Inn Hotel außerhalb der Stadt. Dann packe ich alles wieder aufs Motorrad und drücke einem überraschten Menschen den Zimmerschlüssel in die Hand.
Die Rezeptionistin im Holiday Inn ist überrascht, aber hilfsbereit. 10 Minuten später habe ich ein Zimmer, das sich in seinen Abmaßen vor einem Ballsaal nicht verstecken braucht.
Tachostand 960 km (ca 600 Meilen)
Mir ist inzwischen alles egal. Ich bin zu diesem Zeitpunkt 21 Stunden wach (nach 4h Schlaf), davon 12h auf dem Motorrad. Ich falle ins Bett und schlafe tief und fest bevor mein Körper die Matratze erreicht.
Tag 2 – Mittwoch
Die Nacht ist zu schnell vorbei, aber das Motorrad steht draußen vor der Tür und wartet. Nicht warten wird hingegen die Fähre und es sind einige Meilen bis Holyhead. Nach dem Autobahn-Geballer gestern lasse ich es heute ruhiger angehen und fahre über Land. Eine nette Idee, die durch langsame Traktoren und meine Navigationskünste schnell ad absurdum geführt wird.
Ein Wort zur Navigation: Mein Navi ist ein 10 Zoll Tablet oben im Tankrucksack. Das funktioniert ziemlich gut, aber ich muss immer runterschauen, um zu sehen, wie es weiter geht. Wenn das Navi eine Abzweigung anzeigt und ich nicht hinschaue, fahre ich halt an der Stelle vorbei.
Lieber die Schnellstraßen nehmen und den lädierten Kopf auf leichte Kost setzen. So bleibt mir genug Zeit, die Landschaft zu betrachten. Lange dominieren die typisch englischen Felder umgeben von Hecken und Büschen. Kurz vor Holyhead zieht sich die Vegetation zurück und ich fühle mich an eine hochalpine Gegend erinnert: Kahle Hänge bedeckt mit Gras und vereinzeltem Gebüsch.

Ich bin um 11:20 am Fährhafen. Der Check-in Zeit ist bis 12:15, doch absehbar rührt sich nichts. Neben mir stehen andere Biker aus England und Holland. Mit denen kann man prima philosophieren über das woher und wohin, Ziele, Fähren und Routen.
Die Stimmung hebt sich, als sich eine schier endlose Schlange an Fahrzeugen aller Art vorbei wälzt. Die Fähre ist da und wird entladen. Dann müsste es ja gleich losgehen.
Weit gefehlt! Der Kapitän entscheidet, dass dieses Schiff nicht seetüchtig ist und damit entfällt die Fahrt. Wir werden professionell auf die 19:30 Uhr Fähre vertröstet, mit der Beteuerung, dass dort genug Platz für alle Fahrgäste wäre.
Die ganze Warteschlange folgt den Fahrzeugen, die von der Fähre kommen über eine schmale Straße in den Ort und dann auf die Schnellstraße. Schon wieder Stau. Ich habe keinen Nerv mich anzustellen und bleibe direkt im Hafen-Inn. Dort gibt es Pizza und Guinness. Das reicht!
Die Lebensgeister kehren zurück und ich muss den Pub verlassen, sonst schlafe ich auf der Eck-Bank ein. Das wird hier bestimmt nicht gerne gesehen. Mein Ziel ist ein Elektronik-Markt, denn ich habe zwar eine GoPro dabei, aber die SD-Karte ist fast voll und die anderen liegen zu Hause. Das hätte man geschickter planen können.
Ein Argos funktioniert wie ein McDonalds. Vorne gibt es eine Reihe Terminals, auf denen man sich seine Ware aussucht. Nach dem Bezahlen wird ein Zettel ausgedruckt, damit geht man zur Ausgabe und erhält das Gewünschte. Fehlt nur der Monitor auf dem steht, welche Bestellung bearbeitet wird, oder bereit zur Abholung ist.
Ich teile diesen Gedanken mit der netten Angestellten, die mir am Terminal geholfen hat. Sie lacht laut auf und meint: „Ja so einen Monitor hatten wir tatsächlich, aber er hat die Kunden verwirrt. Also wurde er abgeschaltet.“
Draußen vor dem Laden treffe ich eine Einheimische und frage, wo es hier eine Eisdiele gibt. Das Konzept ist ihr unbekannt. Softeis vom KFC ist alles, was ihr einfällt. Das lehne ich strikt ab und schließlich erzählt sie mir von einem Badestrand im Nachbarort mit einer Strandbar. Das klingt gut genug und ich mache mich auf den Weg.
Ich finde das Seacroft (Trearddur Bay). Das liegt außer Sichtweite vom Strand und hat eine Terrasse mit Sonnenschirmen. Gut genug um die Zeit bis zur Fähre, bei einem Kaltgetränk zu vertrödeln.
Am Nachbartisch sitzen 6 Frauen um die 70 Jahre alt. Als sie mich sehen wird gekichert und der Lippenstift nachgezogen.
Die erste dreht sich zu mir um: „Auf dem Motorrad könnten Sie mich auch mal mitnehmen.“
Damit ist der Reigen eröffnet. Das Kaffeekränzchen ist nach zwei Aperol in Flirtlaune. Das passiert mir nicht zum ersten Mal und ich spiele gerne mit.
Die üblichen Fragen nach dem woher und wohin werden gestellt und ich erzähle von meiner geplanten Tour durch Irland. Das Gespräch wird immer angeregter, denn drei der Damen kommen ursprünglich von dort. Sie überbieten sich darin, mir ihren jeweiligen Heimatort schmackhaft zu machen. Die Namen von Counties und Städten fliegen mir um die Ohren, schneller als ich sie verarbeiten oder einsortieren kann.
Ich bin sichtlich überfordert, sehe total verplant aus und die Mädels haben ihren Spaß.
Die Überfahrt gestaltet sich unspektakulär. Die Reisenden der 13.15 Uhr Fähre werden zuerst aufs Schiff gelassen. Dabei sind Motorräder unter den ersten Fahrzeugen.
Ich sitze schon gemütlich beim Abendessen, während die Beladung noch in vollem Gange ist.

Anschließend suche ich mir eine gemütliche Sitzgelegenheit. Das „Sonnendeck“ ist es nicht, die Cafeteria ist es nicht und den Salon mit seinen weichen Bänken finde ich nicht, weil ich auf dem Riesen-Pott keine Orientierung habe.
Ich ende in der Abteilung für Haustiere, umgeben von Hunden jeder Größe und Rasse. Zum Glück habe ich meine Allergiemedikamente eingeworfen, sonst wäre das Selbstmord auf Raten.
Mit einigen Kanadiern entspinnt sich ein Gespräch über Trump und Zölle, die Schönheiten Irlands, was man in Großbritannien gesehen haben sollte und vieles mehr. Das hilft ganz gut gegen die einsetzende Müdigkeit, denn ich bin seit 5 Uhr wach. Letzte Nacht war auch nicht viel Schlaf, wieder aus Angst die Fähre zu verpassen.
Um 23.00 Uhr bin ich endlich runter von der Fähre und in Irland. Meine Unterkunft ist in Skerries, das liegt etwas nördlich von Dublin. Ich schaffe es mautfrei aus Dublin heraus in die Countryside. Dort wird es gruselig. Die Nacht ist klar, aber mondlos. Der Verkehr verebbt, je weiter ich dem Navi aufs Land folge. Die Straßenlaternen bleiben hinter mir zurück. Dann wird aus der breiten Landstraße ein besserer Feldweg, zwar noch asphaltiert, aber ohne Markierungen. Die Hecken und Bäume die typischerweise neben den Straßen wachsen werden höher und dichter. Sie lehnen sich über die Straße und bilden einen lebendigen Tunnel, doch das Navi zeigt unerbittlich in diese Richtung.

Um 24 Uhr erreiche ich mein Ziel. Im Dorf gibt es wieder Laternen, wenigstens ein bisschen Licht. Das Navi auf dem Tablet führt mich zum einzigen Haus in der Straße, in dem Licht brennt. Dahinter ein zweites Haus, beleuchtet mit einer blinkenden Lichterkette.
Ist das wirklich mein Air-BnB? Es hat etwas Kriminelles, in der Geisterstunde bei völlig fremden Häusern zu klingeln. Ich stehe davor und traue mich nicht. Besser noch mal die App auf dem Handy fragen.
Ja ich hätte auf dem Tablet die vollständige Adresse eingeben sollen, denn die App auf dem Handy zeigt mir einen Ort, der 8 Minuten entfernt ist. Das Tablet muss seinen Platz im Tankrucksack räumen und das Handy übernimmt es, mich weiterhin durch unbeleuchtete schmale Landstraßen zu schicken.
Das neue Ziel gibt sich schon von außen als Bed & Breakfast zu erkennen. Das könnte richtiger sein. Stelle das Motorrad ab und pirsche mich vorsichtig heran. Keine Klingel, aber eine offene Tür.
Von innen antwortet mir eine ältere Dame – Typ besorgte Oma – und endlich ist dieser Tag zu Ende. Ich bin richtig, bekomme ein Zimmer und Morpheus empfängt mich mit offenen Armen.
Tag 3 – Donnerstag
Der Tag beginnt mit einem full english Breakfast. Liebevoll zubereitet von Mary, der Inhaberin dieses B&B. Ich muss erst um 11 Uhr das Zimmer verlassen, also krieche ich nach dem Frühstück wieder in die Federn und gönne mir eine weitere Mütze voll Schlaf.
Tachostand 1270 km

Bis Belfast sind es genau 144 km. Eine kurze Fahrt von zwei Stunden über die Autobahn. Das kann man spielend verdoppeln, wenn man stattdessen die Küstenstraße nimmt. Das ist fahrerisch und landschaftlich reizvoller. Der Endgegner dabei heißt Google Maps, denn dieses Programm ist darauf optimiert die kürzeste (*hüstel*) Route zu finden. Ganz ohne komme ich leider nicht aus. Mir fehlt hier jegliche Orientierung und die interessanten Ortsnamen machen es nicht besser. Es kommt darauf an, im richtigen Augenblick den Vorschlag von Google zu ignorieren der zielsicher auf die Autobahn verweist, sondern den Verkehrsschildern vor Ort zu folgen.
Zum Glück macht es Irland mir hier sehr einfach: Ich folge der Mourne Costal Road. Die führt – wie der Name sagt – immer an der Küste entlang und ist ausgeschildert. Google wird reduziert auf die Anzeige der Ankunftszeit.
Auf dem Motorrad bin ich der Umwelt näher als im Auto und das merkt besonders die Nase. In den Städten riecht es Abgasen, das ist überall auf der Welt so. Außerhalb freue ich mich über die salzhaltige Luft am Meer. Hallo Reizklima, goodby Allergie.
Zum Duft nach Gischt mischt sich der Geruch nach Schafen oder Kühen. Das zieht sich über das ganze Land.
Leider setzt mein Körper meinem Entdeckungswillen physikalisch, medizinische Grenzen. Die rechte Hand schmerzt ebenso wie der Hintern. Ich darf mich hier nicht verausgaben, denn die nächsten Tage werden ebenfalls anstrengend.
Ich kürze ab über Land und bin – wieder einmal – überrascht wie niedrig hier die Baumgrenze liegt.
Die Vegetation ist karg und die Flächen haben keinen besseren Nutzen außer als Weide für die Schafe. Weiter oben am Berg verschwinden die Zäune und die Schafe können sich über Meilen hinweg frei bewegen. Meistens grasen sie irgendwo oder liegen am Straßenrand… Meistens.
In Belfast erwartet mich ein schmuckloses Zimmer mit quietschendem Doppelbett und gemeinsam genutztem Badezimmer auf dem Gang. Das ist nicht schön, aber preiswert und es ist nur für zwei Nächte.
Ich fahre in die Stadt auf der Suche nach einem Abendessen. Die Fußgängerzone zeigt plakativ die Folgen der Globalisierung, denn die Mischung der Geschäfte gibt es so auch in jeder anderen größeren Stadt in Europa. Ich verbiete mir selbst den leichten Weg. Die beiden dominierenden Ketten amerikanischer Spezialitätenrestaurants scheiden damit aus.

Es gibt in der Altstadt verschiedene Pubs und ich wähle den sympathischsten aus. Ein Guinness von der Bar ist schnell organisiert. Dann will ich bei der Kellnerin ein Abendessen bestellen und bekomme zur Antwort, dass die Last Orders gerade durch sind und die Küche schließt. Um sieben Uhr abends? Und warum durfte der Tisch neben mir vor zwei Minuten Essen bestellen?
Na gut, dann bleibt es eben bei Bier zum Abendessen. Seit dem intensiven Intervallfasten habe ich abends eh nicht mehr so viel Hunger.
In Belfast findet man an vielen Hauswänden riesige Grafities.
Tag 4- Freitag
Heute ist mein erster Ausruhtag. Ich besuche das Titanic Museum. Das liegt deshalb in Belfast, weil dieses Schiff hier gebaut wurde. Es ist eine spannende Austellung über die Industrialisierung und den schneller, höher, weiter Glauben der Jahrhundertwende aber auch das Elend und Leid der Industriearbeiter.
Die Docks in denen Titanic und Olympic nebeneinander gebaut wurden, sind heute noch in Originalgröße erhalten. Die Schiffe waren so groß, dass die Werft aus den vorhandenen drei Docks zwei machen musste. Auf der rechten Seite sind Grasflächen zu sehen. Die hat man bewußt angelegt: Holzstege für Überlebende, Gras für Verstorbene.

Das meiste, was gezeigt wird, kenne ich schon. Neu für mich sind die Versuche das Leben für Crew und Passagiere angenehmer zu machen.
Die dritte Klasse hat kleine Zweierkabinen anstelle der großen Räume, in denen die Auswanderer sonst transportiert wurden. Es gibt elektrische Ventilatoren um frische Luft in die Maschinenräume blasen, um die Temperaturen für die Kohlenschipper angenehmer zu gestalten. Die Crew hat eigene Treppenhäuser, getrennt von denen, der ersten Klasse Passagiere. So können sie jederzeit zur Stelle sein, fallen aber nicht weiter auf.
Den Nachmittag vergammele ich im Zimmer. Keine Lust auf zwanghafte Kontaktaufnahme und die immer gleichen Gespräche. Außerdem sitzen mir die Kilometer der letzten Tage in den Knochen. Dafür gibt es Instagram Doomscrolling bis zum Abwinken.
Tag 5 – Samstag
Ich bin ein Freund von Märkten und Markthallen. Deswegen lasse ich mir St. Georges Market in Belfast nicht entgehen. Hier gibt es eine schöne Mischung aus Essen, Kleidung und Stehrümchen (also Andenken die herumstehen und verstauben). Das Frühstück besteht aus einem ordentlich belegten Focaccia, das hoch genug ist, um Maulsperre zu verursachen.
Sofort erscheint vor meinem geistigen Auge meine Frau, die im Brustton der Überzeugung sagt: „Mein Mann frühstückt NIE herzhaft!“
Diesen Satz hat sie gebracht, als wir bei ihrer Mutter zu Besuch waren. Ich habe danach um so engagierter zu Wurst und Käse gegriffen und wir hatten einen Running Gag, der seit dem gerne genutzt wird.

Um 10 Uhr geht es los in Richtung Norden. Kaum aus Belfast heraus sehe ich Schilder zur „Causeway Coastal Route“. Diese Einladung nehme ich gerne an. Das Tablet geht aus, Google Maps versinkt in Schwarz und ich folge einfach den Hinweisen. Das Leben ist schön.
In St. Georges Market habe ich mit einigen Einheimischen noch darüber gescherzt, dass es ein Wunder wäre, durch Irland zu kommen ohne Regen. Jetzt habe ich „endlich“ irisches Wetter.
„.. where even rain shines.“ So heißt es in einem irisch Folk Lied. Tatsächlich leuchtet der Regen vor mir hell. Nass ist er trotzdem. Ich krame zum ersten Mal die Regenkleidung heraus und hoffe inständig, dass sich mein Gepäck als so regendicht erweist wie die Werbung versprochen hat.

So wie der Regen zwischen leichtem Sprühregen bis zu heftigen Landregen changiert, so unterschiedlich ist auch die Landschaft. Es gibt tiefe Wälder, von Hecken und Mauern umgebene Felder und völlig kahle Bergrücken.
Alles fliegt an mir vorbei, während ich in die Langstrecken-Trance verfalle. Die Gedanken sind ausgeschaltet, es gibt nur das Motorengeräusch, Wind und Regen von außen und eine heimelige Wärme von innen. Selbst das Kopfradio beißt sich auf einem Refrain fest und wiederholt ihn ewig. Ich merke es kaum.
„Swing low, Sweet chariot. Coming for to carry me home.“
Ich erreiche gegen 13 Uhr Giants Causeway. Es regnet immer noch. Daher beschließe ich, diese Attraktion auf später zu verschieben, denn um 14:30 Uhr habe ich Führung in Buschmills Destilliery und der Magen knurrt schon wieder.
Ich finde ein nettes Restaurant, in dem ich meine nasse Regenüberkleidung gut aufhängen kann und bestelle. Dann laufen 4 Männer vorbei – zwei ältere, zwei jüngere. Einer spricht mich an, wir kommen ins Gespräch und ich wechsele den Tisch. Ich bin immer dankbar für etwas Unterhaltung beim alleine reisen. Gleichwohl entgeht mir das Augenrollen der beiden jüngeren nicht. „Wen hat der alte Trottel den nun schon wieder angeschleppt?“ steht förmlich in ihren Gesichtern geschrieben.
Der Alte ist unterhaltsam, aber touchy. Ständig knufft er mich am Arm. Ich kann das ertragen, aber irgendwann nervt es. Sein Irisch-Englisch stellt mein Sprachverständnis auf eine harte Probe. Mit Nicken und lächeln überspiele ich alles, was ich nicht verstehe.
Unangenehm wird es erst, als der Alte auch die Kellnerin um die Hüfte fasst und sie Prinzessin nennt. Vermutlich nimmt er es selbst nicht mal bewusst war. Doch dann kommt der Manager des Restaurants und bittet uns leise aber eindringlich darum, nicht das Personal anzufassen. Die beiden jüngeren Männer (ich nehme an seine Söhne) gehen den Alten scharf an. Die Stimmung ist dahin. Ich will nur noch aufessen und weg von hier. Die Minuten bis die Rechnung kommt dehnen sich zur Ewigkeit.
Draußen treffe ich noch mal die Söhne, die sich unter dem Vorwand einer Zigarettenpause zurückgezogen haben. Während sie mich am Anfang skeptisch beäugt haben, ergibt sich nun ein nettes Gespräch über das Motorrad und das üblich woher und wohin.
Ich erreiche das Besucherzentrum bei Bushmills 10 Minuten vor Beginn der Führung, froh darüber es gerade noch rechtzeitig geschafft zu haben. Die Frau am Schalter begrüßt mich mit: „Sie sind aber früh.“ So unterschiedlich können Wahrnehmungen sein
Die Führung ist unterhaltsam, gut gemacht und spannend. Die letzte Führung dieser Art hatte ich in einer kleinen schottischen Destille, die echten Single Malt hergestellt hat.
Bushmills ist ein Großbetrieb und hart auf Expansionskurs, seit es vor einigen Jahren von einem amerikanischen Milliardär gekauft wurde. Wir bekommen die alte Produktionshalle mit 10 Destillen gezeigt. Das ist schon groß im Vergleich zu Schottland. Später erwähnt der Führer, dass sie die gleiche Kapazität ein weiteres Mal aufgebaut haben, um mit dem gestiegenen Bedarf umzugehen.
Es ist, wie wenn man nur den kleinen Bauern kennt, der zwei handgestreichelte Kühe hält und dann zum ersten Mal einen Hof mit 200 Milchkühen sieht. Alle Illusion geht schlagartig verloren. Bushmills ist auch kein Single Malt im strengen Sinne, bei dem aus einem Fass abgefüllt wird, sondern ein blended Whiskey. Der Inhalt vieler Fässer wird gemischt, um den gewünschten Geschmack hinzubekommen.

Nach der Besichtigung hat sich der Himmel aufgeklart. Jetzt macht der Spaziergang bei Giants Causeways mehr Spaß. Wobei das mit dem Spaß relativ ist. Ich habe die volle Motorradmontur plus Regenzeug an. Die ist steif, wiegt extra und hält warm. Alles positive Merkmale wenn man bei 15 Grad mit 100 km/h durch die Gegend cruised. Aber bei einem Marsch mit 5km/h bergauf bringt mich hart ins Schwitzen und es ist sooo langsam. Dazu schleppe ich den Tankrucksack mit mir herum. Der wiegt ungefähr 5 kg und enthält alle Wertsachen und Dokumente. Ich will es nicht der Launen meiner Mitmenschen überlassen, ob der nach dem Spaziergang da ist oder nicht.
Das Meer frisst seit Jahrtausenden hufeisenförmige Buchten in die Küste. Die Basaltsäulen haben besser standgehalten als das Gestein links und rechts davon. Sie bilden eine kleine Landzunge.

Das Ganze erinnert mich an den Yellowstone Park aus zwei Gründen.
Hier wie dort gibt es wiederkehrende Zeugnisse vulkanischer Aktivität und sechseckige Basaltsäulen. Die Strukturen sind verteilt und in der Gegend mehrfach zu finden. Die Säulen sind nicht nur in dem was wir heute als Giants Causeways kennen, sondern auch in den Steilküstenwänden wiederzufinden.

Das zweite ist die frappierende Dummheit der Menschen, die keinen Respekt vor der Natur zeigen. Auf der Suche nach dem besten Foto gehen die Leute so nah ans Meer, dass sie Gefahr laufen, mit der nächsten Welle mitgerissen zu werden. Es gibt es extra eine Wache, die lautstark alle zurückpfeift, die sich zu weit hinaus wagen.
In Yellowstone war es ähnlich mit den Bisonherden. Jeder Reiseführer und Guide warnen und empfehlen einen Abstand von mindestens 20 – 40 Metern zu den Tieren. Dennoch gibt es genug Touristen, die diese gerne Bisons streicheln möchten, oder ein Selfie machen direkt neben einem Bullen. Dann kann die lokale Zeitung wieder von einem bedauerlichen Zwischenfall berichten.
Um 18 Uhr schließt die Attraktion und ich mache mich auf den Weg nach Dungiven. Das Wetter hat kein Einsehen und es ist mehr schwimmen als Motorrad fahren.
Tachostand 1680 km

Das Farmhouse liegt so weit abseits, das hätte ich ohne Tante Google im Leben nicht gefunden. Nach der eher bescheidenen Unterkunft in Belfast ist das hier ein Paradies. Ein riesiges kuscheliges Bett und ein Badezimmer so groß, dass man darin tanzen kann.
John und seine Frau sind zwei alte Farmer im Ruhestand und herzensgute Menschen. Die Felder sind verpachtet, aber sie haben eine genaue Vorstellung davon wie sie bewirtschaftet werden sollen. Die Kinder sind aus dem Haus und sie haben beschlossen, den Platz zu nutzen, um Gäste zu beherbergen. Dazu haben sie extra einen Aufenthaltsraum angebaut.
Ich hatte bisher kein Abendessen, aber lieber hungere ich, als mich jetzt wieder aufs Motorrad zu schwingen. John bietet mir Stew an. Sie hätten eine Portion übrig, weil ihr Sohn an diesem Abend nicht nach Haus kommt. Es ist das beste und leckerste Abendessen seit langen. Ich schließe meine Gastgeber ins Nachtgebet mit ein.
Die anderen Gäste an diesem Abend sind ein Pärchen aus der Nähe. Sie brauchen mal eine ungestörte Nacht abseits der eigenen vier Wände, obwohl sie Rentner sind und beide ihre eigene Wohnung haben.
Es entspinnt sich ein Gespräch über Elektroautos, in dem ich alle Argumente an den Kopf geworfen bekommen die weithin gerne wiederholt werden: Windkraft ist unzuverlässig, es gibt nicht genug Ladepunkte, aber die Reichweite und das Lithium für die Batterien wird in Kinderarbeit hergestellt.
Spannend ist auch eine weitere Wahrnehmung. Das Gespräch kommt – natürlich – auf das woher und wohin. Das erzeugt einen peinlichen Moment. Ich habe die Hotels gebucht, die mir zum Zeitpunkt der Buchung als sinnvoll erschienen, aber mir die Ortsnamen nicht gemerkt. Dafür habe ich Reiseunterlagen und Google Maps. Auf Anhieb kann ich nur sagen, dass es grob Richtung Südwesten geht. Wie mir das Handy verrät, heißt das nächstes Ziel Newport. Das wiederum irritiert meine Gesprächspartner, weil sie mit dem Ort nichts anfangen können. Ich zeige ihnen die Route auf der Karte und sie wenden sich enttäuscht ab. „Ach das ist in Süd-Irland.“
Ich finde es erschreckend, wie klein die Welt für manche Menschen sein kann.
Tag 6 – Sonntag
Und schon wieder startet ein Tag mit Full English Breakfast und Regenwetter. Zwei Dinge, die aus meiner Sicht erstaunlich viel gemeinsam haben: Ich kann sie einige Tage ertragen, brauche sie aber nicht dauerhaft.
Heute trifft ein toller Plan auf eine ernüchternde Realität. Der Plan war die ganze Nordküste und dann die Westküste entlang zu fahren. Den Wild Atlantic Way in seiner vollen Länge und Schönheit auszukosten. In der harten Wirklichkeit schmerzt meine rechte Hand immer noch und es ist keine gute Idee, sie zu überlasten, denn sonst komme ich gar nicht mehr weiter.
Ich packe mich ein und das Gepäck aufs Motorrad. Dieser Prozess dauert jedes Mal eine gute halbe Stunde. Die Gastgeber haben sich gestern Abend und heute Morgen nur kurz blicken lassen. Wollen sie ihre Ruhe haben oder uns nicht stören?
Während ich packe, kommt die Hausherrin gut gelaunt aus ihrem privaten Bereich und hält mit mir ein Schwätzen. Sie hat seit einigen Jahren wieder ein Motorrad und wir plaudern über das Motorrad fahren, das Wetter und das Leben. Ich verabschiede mich aus dem Farmhouse und bin „on the Road.“
Heute bleibt Google Maps aus! Das ist eine bewusste Entscheidung und es fühlt sich so unglaublich gut an. Endlich Freiheit zu fahren, wohin ich will und nicht stumpf der Route zu folgen. Ich schwinge voller Genuss kurvige Straßen entlang. Dafür wurde Motorrad fahren erfunden. Auch ohne Maps halte ich ziemlich genau die kürzeste Route ein.

Gegen Mittag erreiche ich Donegal. Weniger Fahrzeit bedeutet mehr Zeit für Sightseeing. Ich nutze die Möglichkeit und besuche das örtliche Eisenbahnmuseum. Es ist in einem alten Bahnhof untergebracht und zeigt die traurige Geschichte der Schmalspureisenbahn im Norden von Irland. Ganz am Anfang wurde sie bekämpft, weil die Menschen keine Veränderung mögen. Doch die Bauern, Fischer und Händler erkannten sehr schnell die Möglichkeiten ihre Waren frisch zu den größeren Märkten zu bringen und die Reisenden schätzten den Komfort einer Fahrt auf Schienen. So wuchs die Eisenbahn und wurde groß. Dann kamen das Automobil und die Lastwagen. Der Zug verliert gegen die Straße.
Besonderer Treppenwitz bei dieser Eisenbahn. Sie wird in den 50er-Jahren geschlossen und durch Laster ersetzt. Diese brechen alle innerhalb der ersten 5 Jahre zusammen, weil die Straßenverhältnisse so schlecht sind.

Einige Häuser weiter wirbt ein Restaurant mir Hummer vom Grill, gefangen in den lokalen Gewässern. Es ist Sonntag und ich habe Urlaub und Zeit. Alles gute Gründe, die dafür sprechen, sich dieses außergewöhnliche Mittagessen zu gönnen. Dazu gibt es alkoholfreies Guinness. Das Leben ist schön.
Leider verfliegen diese Augenblicke schnell und die harte Realität zwingt mich zurück aufs Motorrad. Heute stehen noch 200 km auf dem Programm. Auf dem zentralen Platz in Donegal sehe ich eine Gruppe Biker aus UK. Sie haben ihre Maschinen nicht dezent am Rand geparkt, sondern parken mitten auf dem Platz, der eigentlich Fußgängern vorbehalten ist. Mein Stil wäre es nicht.
Kurz hinter Sligo verpasse ich den Abzweig auf den Wild Atlantic Way, weil ich immer noch nach Schildern fahre und Maps schweigen muss (Das wäre die gezeigte Alternative über die N59). Als ich es bemerke ist es ärgerlich, aber zu spät zum Umkehren. Dann eben übers Land, das ist schneller und schonender. Hinter Westport wird die Straße schmaler und das letzte Stück bis Newfield zieht sich. Die lange Baustelle mit einspuriger Verkehrsführung und Ampel macht es nicht besser. Innerlich nervt mich die sinnlose Fahrerei. Ich hatte das Hotel ausgewählt, weil es das nächste zur geplanten Bootstour war. Diese wurde jedoch wegen des unpassenden Wetters abgesagt. Jetzt fahre ich eine halbe Stunde in die falsche Richtung und morgen den gleichen Weg zurück.

Je näher ich dem Ziel komme, desto mehr Fahnen, Banner und Wimpel fallen mir auf. Das ganze County Mayo ist beflaggt. Selbst die Autos haben Fähnchen dran. Ein sportliches Großereignis steht kurz bevor. Obwohl ich bei diesem Thema ein totaler Ignorant bin, sind die Anzeichen unverkennbar.

Mein Hotel weiß das auch. Gefühlt liegt es mitten im Nirgendwo abseits der nächsten Dörfer, aber hier ist die Hölle los. Das Nevin Newfield Inn platzt aus allen Nähten, denn heute Nacht ist das Finale für den All Ireland Cup und Mayo steht im Endspiel. Wird es der Mannschaft gelingen, den 75 Jahre alten Fluch zu brechen und den Pokal nach Hause zu holen? Mir ist das egal, meine Leidenschaft für Fußball tendiert gegen null.
Gar nicht egal ist mir die heimische Küche. Jeder Führer, jede Webseite erzählt von den maritimen Köstlichkeiten auf dem Wild Atlantic Way.
In diesem Inn lerne ich das irische Rezept für Miesmuschel Sud kennen: Wein, Sahne und viel Knoblauch. Eine Schwelgerei im Topf.
Um 21 Uhr falle ich fertig ins Bett. Diese Reise ist deutlich anstrengender, als ich mir das ausgemalt hätte. Es wird eine eher unruhige Nacht, denn Mayo vollbringt das Wunder und die Party geht lange. Dazu hupt JEDES vorbeifahrende Auto seine Freude ins Inn und mein Fenster ist zur Straßenseite.
Tachostand 1987 km
Tag 7 – Montag
Ich wache auf von einem hupenden Auto und ein erster Blick aus dem Fenster zeigt mir: Es regnet. Wie erwartbar. Eigentlich sollte ich mich direkt auf das Motorrad schwingen und möglichst viel vom Wild Atlantic Way mitnehmen, aber nein. Ich werde den Morgen gemütlich verbummeln, denn ich muss das Zimmer nicht vor 12 Uhr verlassen und darf erst um 16 Uhr in Galway ankommen.
Ich nutze die Zeit und schreibe an meinem Reisebericht weiter. Um 11:30 startet die – mittlerweile – gewohnte Routine für Anziehen und Motorrad beladen. Diesmal ergänzt um Kette schmieren, denn die ist rostig vom vielen Regen.
Ein älterer Mann sieht das und verwickelt mich direkt in ein Gespräch. Während ich großzügig Öl auf der Kette verteile und mein Gepäck lade, geht es darum, wo ich herkomme und hinwill, die Reise und die Sehenswürdigkeiten, Details zum Motorrad und vieles mehr. Die üblichen Themen.
Dann verabschiedet sich der Typ höflich, zieht ein Handy heraus und beginnt einen Videocall, in dem er alles erzählt, was er von mir erfahren hat.
Mein Kopfkino spielt einen Horrorfilm: Was passiert hier? Wer ist der Gesprächspartner? Wollen sie mich direkt ausrauben oder auf halber Strecke abpassen? Warum bin ich so offen und gutgläubig?
Ich ärgere mich so dermaßen über mich selbst, aber jetzt ist es geschehen. Mein Misstrauen zwingt mich, das Mittagessen auf der Außenterrasse in Sichtweite des Motorrads zu verspeisen. Mir fällt ein Stein vom Herzen, als ich endlich wieder auf der Bahn bin.
Google Maps bleibt auch heute aus. Den Weg vom Hotel nach Westport finde ich spielend. Bald treffe ich auf Schilder für den Wild Atlantic Way in Richtung Süden. Ich folge ihnen bedingungslos. Die Straßen werden enger und kleiner. Es regnet dauerhaft. Ein feiner Sprühregen, von dem mein Opa gesagt hätte: „Das ist kein Regen, das ist Leute geärgert.“ Denn der Regen durchweicht alles, bringt aber – aus Sicht eines Landwirts, der mein Opa war – keine Feuchtigkeit in den Boden.
Wenn die Straße in höher gelegene Regionen führt, wird aus dem regen Nebel, denn die Wolken hängen tief: Gleicher Durchnässungsfaktor aber weniger Sicht.
Irgendwann endet die Straße an einem Strand. Meine Laune ist auf dem Tiefpunkt, aber ich habe etwas wichtiges gelernt: Folge den Schildern für den Wild Atlantic Way UND ignoriere die Hinweise auf Sehenswürdigkeiten entlang des Weges. Letztere führen mich konsequent an Felsenküsten oder Strand und stellen sich immer als Sackgasse heraus. Nach der dritten „landschaftlich schönen“ Bucht ist die vierte keine Überraschung mehr.
Weiter gehts durch Nebel oder Regen und mir fällt ein Ausschnitt aus „Asterix bei den Briten“ ein. Während der Überfahrt im Kanal entsteht folgender Dialog.
Asterix: „Habt ihr oft Nebel?“
Brite: „Gute Güte nein, nur wenn es nicht regnet.“
Auf der Fahrt lerne ich noch eine Besonderheit kennen. Etwa 100 – 150 m vor einer Kreuzung steht ein Schild, auf dem angegeben ist, wo es hin geht. Das übersehe ich typischerweise geflissentlich, weil ich immer davon ausgehe, dass die Kreuzung selbst auch noch einmal beschildert ist. Leider ein Irrtum.
Ich stehe auf einer Kreuzung in Feldwegbreite und habe 3 Möglichkeiten. Der Weg (ich möchte dafür nicht das Wort Straße verwenden) von dem ich kam, scheidet aus. Flüchtige Erinnerungen legen nahe, hier links abzubiegen. Dem folge ich und stehe nach 200m vor der nächsten Abzweigung. Diesmal gibt es weder an noch vor der Abzweigung ein Schild. Die Wege sind gleich breit, daraus lässt sich kein Hinweis auf die richtige Strecke ableiten.
Während ich noch überlege, kommt eine Gruppe von 4 Motorradfahrern an die erwähnte Kreuzung. Sie fahren zielsicher geradeaus und ich denke: „Die wissen Bescheid, ich schließe mich einfach an.“
Das Tempo ist etwas höher als meines, doch ich halte gut mit. Der Weg wird noch schmaler. Seine Mitte ist mit Schotter oder Gras bedeckt. Mit einem Auto hätte ich hier Angst um meinen Lack, aber auf dem Motorrad läuft das.
Hurra! Wir haben zielsicher die nächste Attraktion gefunden. Sie heißt „Lost Valley“, fühlt sich genau so an und ist natürlich wieder eine Sackgasse. Die Herren auf den Motorrädern haben ungefähr mein Alter und es entspinnt sich ein Gespräch unter Bikern. Dabei erfahre ich, dass es genau diese Gruppe war, die in Donegal auf dem Platz in der Mitte stand. Ich bin ihnen beim Vorbeifahren aufgefallen.

Nach einer Pinkelpause wirft einer der Gruppe sein Navi an und ich folge frohgemut. Zusammen mit anderen Motorradfahrern über gewundene Wege zu schwingen macht Laune. Ich habe endlich den Wild Atlantic Way gefunden von dem ich gelesen habe: So schmal, dass keine zwei Autos aneinander vorbei passen.
Der Anführer führt uns zielsicher auf etwas, das man guten Gewissens als Landstraße bezeichnen kann. Viele Kilometer später brauchen die alten Herren wieder eine Pinkelpause und ich verabschiede mich hupend und winkend.
Weiter gehts auf dem Wild Atlantic Way. Die Minuten rinnen dahin, so wie der ewige Regen an mir herunterläuft. Nach Ewigkeiten ist auch für mich Zeit für eine Pause. Am Parkplatz steht ein Schild, dass mir erklärt ich hätte „Renyle Castle (Caislean Rinn Mhaoile)“ erreicht (oben links). Die abgedruckte Karte zeigt mir, dass ich mich möglichst weit von Galway entfernt habe (unten rechts im Bild).

Der fortgeschrittene Tag und mein körperlicher Verfall zwingen mich, Google Maps erneut zu aktivieren. Schluss mit orientierungslosem Spazierfahren. Jetzt geht es um die kürzeste Strecke zum Ziel, die dennoch zwei Stunden in Anspruch nimmt. Darüber decke ich den Mantel des Schweigens.
Ich bin Galway angekommen und habe mein Hotel bezogen. Gepäck abladen und auspacken ist reine Routine. Heute sind die Taschen wirklich nass geworden und ich packe alles sorgfältig aus, dass sich nirgendwo Schimmel bilden kann.
Zufrieden schaue ich mir wegsortierten Klamotten an. Ich fühle mich angekommen. Das Wissen, dass sich an diesem Zustand für ungefähr eine Woche nichts ändern wird, hebt die Laune.
Die nahe Tankstelle bietet eine erträgliche Menge an Nahrungsmittel. Ich kaufe eine Kleinigkeit und nenne es ein Abendessen. Für längere Wege zu Tesco & Co habe ich keine Energie mehr.
Kilometerstand 2221,1
Tag 8 – Dienstag
Heute ist der große Tag. Ich besuche das allererste Pferderennen meines Lebens, bin aufgeregt bis in die Haarspitzen und völlig orientierungslos.
Es gibt drei Möglichkeiten, zur Rennbahn zu kommen: Motorrad, Taxi, Bus.
Selbst gefahren bin ich genug. Der Mann an der Hotel-Rezeption empfiehlt ganz klar das Taxi und weist darauf hin, dass auch Shuttlebusse 10€ kosten.
Darüber kann ich mir später Gedanken machen. Erst mal mit dem Bus in die Stadt fahren, bis zu einer Haltestelle namens „Eyre Square“. Dort sollen angeblich auch die Shuttlebusse abfahren. Die Fahrt dauert nur 4 Haltestellen. Ich begebe mich auf die Suche nach einer Touristeninformation, um herauszubekommen, wie die Dinge hier laufen.

Mein Weg führt mich durch die örtliche Mall und das kunterbunte, belebte Latin Quarter, die Partymeile der Stadt. Ich könnte das alles genießen, denn ich habe Zeit genug, aber im Hinterkopf tickt unerbittliche ein Wecker, an dem ein Schild befestigt ist: „Du wirst deinen Shuttlebus verpassen. Wenn du nicht rechtzeitig da bist, ist dort eine riesige, nervige Schlange.“
Ich umrunde das Stadtmuseum 2 Mal, bevor ich in dem Gebäude die Touristeninformation finde. Der Mann dort rät mir dringend, nicht dem Taxi zu fahren: „They will rip you off.“
Also wird es der Shuttle Bus, der – so wird mir bestätigt – am Eyre Square abfährt. Für das Busfahren gibt es hier eine Prepaidkarte, dann kostet die Fahrt nur 1,35€ und nicht 1,90€. Meine Frage nach einem Tages- oder Wochenticket wischt er einfach weg.
Zurückblickend hatte er recht. Das Wochenticket hätte 16,80€ gekostet, aber für 15,00€ aufladen hat gereicht.
Die Karte ist schnell gekauft und ich eile zurück zum zentralen Platz, um auf keinen Fall meinen Bus zu verpassen. Der Magen meldet sich und die innere Unruhe treibt zur Eile.
Ich lerne zwei Dinge:
1. Da wo außen Charcoal drauf steht, ist ein Döner Laden drin.
2. Döner sind hier zu teuer und völlig geschmacklos.
Einmal und nie wieder.

Ich setze mich in den Park an eine Stelle, von der ich alles im Blick habe. Im Internet stand, dass die Shuttlebusse vor dem Skeff(ington Arms Hotel) abfahren. Dort sind zwei Männer der Stadt damit beschäftigt aus Absperrgittern eine Gasse zu bauen. Das sieht gut aus. Irgendwann versammeln sich dort auch sehr elegant angezogene Menschen und meine Orientierungslosigkeit auf dem Platz schwindet. Nach einigem Hin und Her in der Anstellschlange bin ich der Erste, der in den Bus einsteigen darf.
Der Zettel in der Ticketmaschine klemmt und ich bekomme ein ungültiges Ticket. Der Fahrer ist vollständig überfordert. Er legt das Papier neu ein, lehnt kategorisch jede Kartenzahlung ab und füllt den Bus, so schnell er kann. Schlussendlich lässt er sich von der Aufsicht zeigen, wie er mir ein gültiges Ticket ausstellen kann, denn das brauche ich für die Rückfahrt. Die Busfahrt ist schnell, unspektakulär und führt direkt am Hotel vorbei. Wenn diese Shuttlebusse unterwegs halten würden, könnte ich mir den Weg ins Stadtzentrum sparen.

Ich habe zwei Stunden Zeit das Gelände zu erkunden, bis das erste Rennen losgeht. Das funktioniert gut. Zu Rennbeginn sitze ich auf der Tribüne im Millenium Stand (das große Gebäude in der Bildmitte) auf meinem Platz und friere. Der Westwind bläst ungehindert auf Kleidung, die für mindestens fünf Grad mehr ausgelegt war. Die Regenüberjacke aus der Motorradkombi ist die einzige Jacke, die ich dabei habe und die halbwegs „Smart Casual“ ist.
Ich bewundere die Damen, die nur ein dünnes Sommerkleidchen anhaben. Wie kalt muss es denen sein?
Apropos Smart Casual: Wie viele Gedanken habe ich mir zu Hause gemacht, welche Kleidung hier akzeptabel ist und am besten ins Motorrad Gepäck passt. Ich war kurz davor einen Anzug einzupacken. Am Ende musste das Bühnenoutfit aus den Werkschauen der Improkurse reichen: Lederschuhe, schwarze Jeans und einfarbiges Hemd.
Die Realität besteht aus Menschen die in abgelatschten Turnschuhen oder Badelatschen ankommen und trotzdem Einlass erhalten.
Es gibt aber auch die Selbstdarsteller die sich extra für die Show aufgedonnert haben.

Die Rennen an sich dauern nur zwei bis vier Minuten, selten mal fünf. Mit Hilfe der Racecard – in der alle Läufe und die Teilnehmer verzeichnet sind – finde ich heraus, dass der Ansager kein unverständliches Kauderwelsch plappert, sondern den Rennverlauf kommentiert, in dem er den Namen des Pferdes, das gerade vorne liegt, ständig wiederholt.
Im Internet stand, dass nach dem vorletzten Rennen die Shuttlebusse wieder fahren. Ich habe bis jetzt tapfer durchgehalten, obwohl ich friere und der Kopf schwirrt, weil unglaublich viele Eindrücke auf einen müden Geist trafen.
Unten bei den Bussen lerne ich, dass die Busse die ganze Zeit im 15 Minutentakt gefahren sind und nicht nur einmal hin und einmal zurück. Ich muss unbedingt die sehr deutsche Eigenschaft ablegen, alles präzise beim Wort zu nehmen.
Tag 9 – Mittwoch
Platt! Diese fünf Buchstaben beschreiben meinen Zustand treffend. Nach einem Tag nicht auf dem Motorrad kommen heute Muskelkater und Erschöpfung richtig durch. Dazu schmerzen meine Hände lassen sich nicht richtig bewegen. Der kleine Finger und Ringfinger zeigen Symptome eines schnappenden Fingers. Das heißt sie bleiben in gebeugter Haltung hängen weil die Sehnen durch Überlastung zu dick geworden sind.
Kenne ich von den Mittelfingern schon, da wurde es mit dem Skalpell „geheilt“.
Ich schlafe einfach weiter bis zum Mittagessen. Danach gammele ich lustlos im Zimmer vor mich hin, bis mich die eigenen Prinzipien treffen:
Wenn wir mit der Familie unterwegs sind, rege ich mich regelmäßig über meine Kinder auf, die einen Tag im Hotelzimmer vergammeln wollen, obwohl es da draußen eine Stadt zu entdecken gibt. Das muss ich also von mir selbst fordern, außerdem kann mir etwas Gesellschaft nicht schaden.
Ich buche mir eine „Tribal City Walk“ Tour und bereue es nicht. Die Stadtführerin ist gut informiert und bringt das Wissen lebhaft und unterhaltsam rüber. Die Tour endet am Fluss bzw. am spanischen Bogen. Ich frage, ob es hier die Möglichkeit gibt für eine Delphin-Tour, weil meine in County Mayo ausgefallen ist. Das weiß sie nicht und weist mir den Weg in Richtung Hafen. Dort werde nicht fündig und mache mich auf den Rückweg, so wie ich hergekommen bin.

Tag 10 – Donnerstag
Mein Motorradgepäck ist begrenzt und ich habe beim Packen einkalkuliert, dass ich einmal waschen muss. Strategisch wäre das erst morgen dran, dann ist genau Halbzeit im Urlaub, aber der Berg Dreckwäsche lässt mir keine Ruhe. Das Hotel dient von September bis Mai als Studentenwohnheim und bietet dazu die Möglichkeit. Selbst Waschmittel ist vorhanden. Es ist so schön, wenn ein Plan aufgeht. Der Dienstleister, der Waschmaschinen und Trockner betreibt, bietet per QR-Code die Möglichkeit, die entsprechende App herunterzuladen, um den Waschvorgang zu überwachen. Alternativ gehts auch per E-Mail. Die Rechnung kommt sofort. Die Anzeige an der Maschine steht auf 38 Minuten und sie meint das auch so. Nach zwei Stunden habe ich einen gefalteten Stapel saubere Wäsche. Der Rückweg kann kommen.
Die Nachricht, dass die Wäsche fertig ist, kommt 5 Stunden später.
Gut gelaunt geht es in den zweiten Renntag. Im Shuttlebus sitze ich neben einem Mann, der sehr konzentriert das Race Magazine studiert. Ich nutze die Gelegenheit und lasse mir die Angaben zu jedem Pferd erklären. Seine Wettstrategie basiert hauptsächlich darauf, von welchem Trainer das Pferd ausgebildet wurde.
Ich bin überrascht, wie viele Jugendliche da sind und alle tragen Abendkleider oder feine Anzüge. Am Dienstag sind sie mir in der Menge nicht weiter aufgefallen, heute sind sie die Menge. Nicht überrascht bin ich von der Tatsache, dass sie bereits im Bus vorglühen und auf dem Festival direkt weitermachen.

Donnerstags wird auf den Galway Races das beste Kleid und der schönste Hut prämiert. Einige Ladys sind zu Hochform aufgelaufen und haben ihre Outfits über das ganze letzte Jahr geplant und umgesetzt. Der Siegerin winken 10.000 € Preisgeld. Es ist eine ganz eigene Welt, in der Pferde lediglich eine Kulisse darstellen.

Im Prinzip dienen die Races als Rahmen für ein großes Volksfest auf dem Gelände und in der Stadt. Da kann jede und jeder nach seiner Vorliebe glücklich werden.
Auch die Ränge und Tribünen sind heute belebter. Anhand der Reaktionen der Zuschauer auf den Verlauf der Rennen würde ich schätzen, dass deutlich mehr Geld im Spiel ist als am Dienstag. Sie sind sehr emotional dabei.
Ich unterhalte mich mit den Anwesenden über deren Strategie, ein Pferd auszuwählen.
Die Skala reicht von echten Experten, die sogar den Stammbaum der einzelnen Pferde kennen inclusive der Rennerfolge der Väter und Mütter, bis hin zu Unbedarften die einfach einen guten Tag haben wollen und nebenbei auf ein Pferd wetten, weil ihnen das Outfit des Jockeys am besten gefällt oder sie eine innere Verbindung zum Namen des Pferdes spüren.
Meine Frau hat mich ermahnt, ich sollte nicht Haus und Hof verspielen. Diese Warnung hätte ich nicht gebraucht. Da ich zu den völlig Unbedarften gehöre, nutze ich nur die Gutscheine, die bei den Eintrittskarten als Werbegeschenk dabei waren, und setze ich drei Mal fünf Euro. Unnötig zu betonen, dass ich jedes einzelne Mal falsch liege.
Das Unterhaltungsprogramm besteht aus zwei Bühnen. Auf der einen spielt eine Band live Musik. Dabei stechen zwei Eigenheiten heraus: Die Setlist scheint sich jeden Tag zu wiederholen. Sie können von einem Lied fließend in das nächste übergehen, ohne Takt, Rhythmus oder Tonlage zu ändern.
Zusätzlich haben sie eine strikte Order während der Rennen eine Pause zu machen.
Auf der zweiten Bühne spielt ein DJ Musikkonserven aus den 90ern. Die ganze Jugend ist dort versammelt und ignoriert es großzügig. Dafür spricht sie dem Alkohol so entschlossen zu, dass manche am Ende des Tages schweren Seegang haben.
Tag 11 – Freitag
Heute ist – wie der Name sagt – ein freier Tag. Meine Wäsche ist gemacht und ich habe für den Tag keine Pläne. Also befrage ich das Internet, was man sich in und um Galway ansehen kann. Viele Vorschläge sind ungefähr 30 – 60 Minuten Fahrzeit entfernt und scheiden aus. Ich werde noch genug Kilometer machen.

Kurz entschlossen fahre ich zum Galway Aquarium, dass damit wirbt besonderen Wert auf die heimischen Arten zu legen. Ich wähle eine andere Buslinie, weil jedes Umsteigen hier erneut 1,35€ kostet. Während der Busfahrt ereilt mich die Erkenntnis, dass der Eyre Square nur wenige Schritte vom Hafen entfernt ist. Hätte ich das vorher gewusst, wäre ich am Mittwochabend nicht bis zum Spanisch Arch zurückgelaufen, um zum Eyre Square zu kommen.
Das Aquarium ist sehr schön auf gebaut und zeigt vorbildlich die Unterwasser-Fauna in und um Irland. Während bemühte Eltern versuchen, ihren Kindern die unterschiedlichen Fischsorten beizubringen, denke ich bei jedem zweiten Becken: „Ja, der schmeckt auch lecker!“
Ich spaziere am Strand entlang zurück in Richtung Stadt. Jede Minute frische Seeluft muss ausgenutzt werden. Auch hier wachsen Palmen. Das habe ich in Irland schon öfter gesehen und es irritiert mich jedes Mal.
Zurück in Galway besuche ich ein Café, das direkt an der Abfahrtsstelle der Shuttle Busse liegt. Ich gönne mir einen Kaffee Latte und ein Stück Kuchen. Draußen vor der Tür sitzt ein Rentner alleine am Tisch und ich setze mich dazu. Zuerst ist er sehr reserviert, doch dann taut er auf und es wird unterhaltsam. Nebenher beobachte ich, wer so alles in die Shuttle Busse steigt. Mein Gesprächspartner ist Einheimischer und weist mich immer wieder auf spezielle Personen hin, die an dem Café vorbeilaufen. Ein unscheinbarer älterer Herr ist laut seiner Erzählung einer der reichsten Männer der Stadt und ein echter Geizkragen.
Nach einer Stunde verabschieden wir uns voneinander und er gesteht mir, dass er am Anfang des Gespräches befürchtet hat, ich wollte mit ihm über Gott reden, wie so ein amerikanischer Prediger. Habe ich echt diese Außenwirkung?
Nach einem Mittagsschlaf im Hotel bin ich bereit, es mit dem Nachtleben dieser Stadt aufzunehmen. Wenigstens einmal muss ich durch die Pubs ziehen, um diesen Aspekt auch kennenzulernen.
Wie erwartet ist der Pub rappelvoll, das Guinness kalt und die Musik laut. Deutlich zu laut, um sich zu unterhalten. Ich stehe in einer Ecke, schaue mir die Band und die Leute an und langweile mich durch Klassiker des Irish Folk und die üblichen Partyhits. Die Checkbox „Nachtleben“ auf meiner Liste ist damit abgehakt. Mehr brauche ich nicht.

Tag 12 – Samstag
Samstags ist Markttag, das ist zu Hause so und hier ebenfalls. Meiner Tradition folgend, frühstücke ich auf dem Markt und setze mich dann ans Ufer, um an der Geschichte weiterzuschreiben. Leider passiert nichts. Der Kopf ist leer und der Körper müde.
Gegen die Müdigkeit hilft ein doppelter Espresso. Der kommt zusammen mit einem Gespräch über die Anziehungskraft von Galway, wie man Wordle löst und welche Sehenswürdigkeiten die Gegend bietet. Mein Gesprächspartner meint, ich hätte ein schlechtes Timing bewiesen, ausgerechnet zur Race-Woche zu kommen. Da wären die Hotel extra teuer. Mein Einwand, dass ich nur für die Rennen gekommen bin, versteht er nicht. Jährliche Großveranstaltungen in der Stadt scheinen überall die gleichen Reaktionen hervorzurufen: Man liebt sie oder hasst sie.
Das ist mit der Mainzer Fastnacht genauso, wie mit dem Murmeltiertag in Punxsutawney oder den Rennen hier. Um nur mal einige ausgewählte Events zu nennen.
Erfrischt lasse ich mich vom Shuttle Bus zur Rennbahn bringen. Heute ist Familientag, da ist die Stimmung entspannter und die Menge der ausgefallen Kostüme deutlich reduziert.
Der Besuch der Rennbahn rundet mein Erlebnis ab. Ich vertiefe die Erfahrungen, aber es kommt nichts mehr neues dazu.
Das Bild zeigt den Millenium Stand. Unten ist die Stehtribüne für Eigentümer, Züchter, Presse und deren Freunde. Oben auf der Tribüne habe ich drei Tage gesessen. Das ist praktisch weil direkt dahinter ein Restaurant / Bar nur für Tribünenbesucher ist. Das ist nicht ganz so voll wie unten.

Tag 13 – Sonntag
Tachostand 2221,1 km (unverändert)

Es geht wieder los. Die erholsamen Tage in Galway sind vorbei und der Wild Atlantic Way in Richtung Süden ruft. Irland bleibt sich treu und begrüßt mich mit Nieselregen.
Die nächste Attraktion auf dem Weg sind de Cliffs of Moher. Eines der 10 Highlights in Irland. Ich sehe durch das regennasse Helmvisier einen überfüllten Besucherparkplatz und ausgetretene Wanderpfade.
„These boots are made for walking…“ gilt nicht für meine Motorrad-Stiefel und eine Hose, die ständig rutscht, macht es nicht besser. Entspannt fahre ich an der Show vorbei und schaue mir weiter südlich einige ähnliche Cliffs an, für die man keinen Fußweg braucht.

Während der Fahrt mache ich mir meine Gedanken über Sehenswürdigkeiten. Das Irland was ich bis jetzt erlebt habe, zeigt den immer gleichen Mix aus Felsen, Gras, Schafen, Kühen, Büschen und Bäumen. Je nach Landesteil variiert diese Mischung und wird ergänzt um massive, aber kahle Berge oder Steilküsten. Dann wählt irgendwer einen strategisch günstigen Punkt, erklärt den zur Touristenattraktion, baut ein Customer Center und nimmt Eintritt.
Den ganzen Tag sehe ich auf der Straße nicht so viele Reisebusse wie hier auf dem Parkplatz versammelt herumstehen. Diese Bussen spucken Touristen aus, die sich – notdürftig vor dem irischen Wetter geschützt – nasse Felsen im Regen anschauen.
Mittlerweile bin ich mit den Tücken der Beschilderung für den Wild Atlantik Way vertraut und komme durch den Tag ohne Navigationshilfe und ohne dass ich jede kleinste Schleife des WAW mitnehme.
Ich nehme die Fähre bei Kilrush und spare mir den Weg landeinwärts über Limerick. Das County Kerry empfängt mich mit strömendem Regen. Nicht dieses Gefussel, sondern richtiger, ernst gemeinter Niederschlag.
Ich komme patschnass in der Jugendherberge an. Besonders die Handschuhe und das Gepäck haben ernsthaft Wasser gezogen. Die Kleidung ist glücklicherweise trocken, aber zwischen Tasche und Innentasche steht die Brühe. Passend dazu hat mein Zimmer weder Heizung noch Föhn. Ich packe – wieder einmal – alles aus, verteile die Klamotten großzügig über Boden und Schrank und hoffe, dass nichts schimmelt oder modert.
Ein SMS kommt und erklärt mir, dass die Bootsfahrt morgen leider nicht wie geplant stattfinden kann. Also fahre ich die zwei Kilometer nach Dingle und kläre mit dem freundlichen Personal vor Ort die Lage. Sie sagen die gebuchte Fahrt offiziell ab, damit ich mein Geld wiederbekomme. Ich buche direkt vor Ort die kürzere Tour mit dem Boot.
Der Pub gegenüber sieht vielversprechend aus, ist aber leider überfüllt. Statt zwanzig Minuten auf einen eigenen Tisch zu warten, setze ich mich zu zwei Holländerinnen. Vom Aussehen könnten es Mutter und Tochter sein, diese Frage habe ich nicht gestellt. Die beiden wandern eine Woche den Dingle Wanderweg und sind ebenfalls jede Nacht in einer anderen Unterkunft.
Tachostand 2558 km
Tag 14 – Montag
Hurra, es regnet mal nicht obwohl es hart danach aussieht. Wie geplant startet der Tag mit einer Bootstour und einer Portion Überwindung. Ich muss das voll geladene Motorrad im Hafen stehen lassen, direkt vorne am Pier Parkplatz. Jeder kann sehen, dass ich auf das Schiff steige und hätte lockere drei Stunden Zeit alles auseinanderzunehmen. Kein gutes Gefühl.

Die Fahrt war ausgeschrieben als „Dolphin and Whalewatching Tour“. Zu sehen gab es Massen an Seevögeln, denn die großen Meeressäuger sind um diese Jahreszeit in anderen Gefilden unterwegs. Das erzählt uns die Führerin sehr freimütig – auf dem Schiff. Davor war davon keine Rede.
Dafür erzählt sie uns Anekdoten aus der lokalen Geschichte über den regen Handel mit Spanischem Rotwein, Piraten und Schmugglern.
Das Bild oben ist auf dem Schiff entstanden, als wir ungefähr an dem Punkt waren der durch einen Kreis markiert ist. Es zeigt das südliche Ufer. Auf der Karte sieht es ewig weit weg aus, auf dem Schiff fühlte es sich zum Greifen nahe an.

Im Hafen von Dingle gibt es für mich noch ein Mittagessen und dann geht es frisch gestärkt wieder auf die Straße. Heute muss ich nur 110 km schwimmen, äh.. fahren durch strömenden Regen.
Der Ring of Kerry wird immer gelobt und besonders erwähnt weil diese Straße landschaftlich schön gelegen ist. Für mich sieht er so aus wie 80 % der Straßen über die ich bisher gefahren bin. Malerische Dörfer, die Felder abgegrenzt mit Hecken, viel Meer und etwas Wald. Das habe ich jetzt zur Genüge gesehen.
Mein Ziel heute ist das „Atlantic Sunset“ weil man dort die Sterne besonders gut sehen können soll. Natürlich habe ich längst vergessen was ich eigentlich gebucht habe und stelle mir die ganze Fahrt vor, wie ich in ein mondänes, eindrucksvolles Hotel aus dem 18. Jahrhundert komme. Statt dessen finde ich ein sehr neues Einfamilienhaus vor, neben dem ein Gästehaus steht. Die Hausherrin versucht ihre zwei streitenden Kinder zu koordinieren und nebenbei mir mein Zimmer zu zeigen. Ich bekomme noch gute Tipps für ein mögliches Abendessen in den Pubs die Straße runter, aber – wie so oft auf dieser Reise – will ich nicht mehr vor die Tür, wenn ich einmal angekommen bin.
Im Gegensatz zur Jugendherberge hat diese Unterkunft einen Fön und eine Heizung, die ich ausgiebig nutze um Gepäck, Handschuhe und Kleidung zu trocknen.
Tag 15 – Dienstag
Heute war echt alles dabei. Die Wettervorhersage erwähnte keinen Regen, doch als ich heute Morgen um elf gestartet bin, hat mich Irland reichlich mit Segen von oben beschenkt. Dann Sonnenschein, Regen mit Sonnenschein und schließlich 23 Grad. Die Unterschiede liegen nahe beieinander.
Die Straßen sind genauso variantenreich wie das Wetter. Auch hier liegen einspurige Regionalstraße und vierspurige Nationalstraße manchmal sehr eng beieinander.
Vom Atlantic Sunset in Portmagee geht durch den südlichen Teil des Ring of Kerry. Die Straße verläuft die meiste Zeit auf Meereshöhe oder kurz darüber.

Natürlich gibt es Ausnahmen und die Stelle an der Scariff Inn steht ist so eine. Hier windet sich die Straße den Berg hoch und beschert dem Reisenden eine wundervolle Aussicht, solange kein Nebel herrscht.
Wenn man „Irlands best known view“ bietet, kann man daraus Kapital schlagen. Es gibt Busparkplätze und der Gastraum ist groß genug um mehrere Busladungen Touristen zu fassen. Vor der Essensausgabe ist ein Souveniershop. Das ist besonders geschickt: So können die Touristen direkt das kaufen was es auch überall sonst in Irland gibt, das sie aber nicht sehen wenn sie Irland in 5 Tagen machen. Die Warteschlange zur Essensausgabe erzeugt die nötige Zeit sich alles in Ruhe anzuschauen.

Es ging durch den südlichen Teil des Ring of Kerry und dann weiter raus entlang des Wild Atlantic Way. Der hat mich zielsicher in die nächste Landzunge geführt. Doch ich wollte nicht jedes Dörfchen bis zur Spitze mitnehmen und so habe ich über den Healy Pass abgekürzt.
Die Passstraße war reine Fahrfreude: wenig andere Autos auf der Straße und Kurven bis zum Abwinken. Da freut sich das Motorradfahrerherz. Diese Pässe brauchen sich vor den hochalpinen Exemplaren nicht zu verstecken.

Heraus aus der verschlafenen Provinz und den landschaftlich schönen Teilen der Insel wurden die Straßen wieder größer, bis ich auf einer 4 spurigen Landstraße im Feierabendstau rund um Cork stand.
Die Empfangsdame im Hotel hat sich für das schlechte Wetter entschuldigt. Sie hätten hier in Südirland einen Jahrhundertsommer gehabt und heute wäre der erste Tag seit Wochen mit etwas Regen. Das bildet die Realität meines Urlaubes nicht ganz ab.
Zum Abendessen empfiehlt sie mir The Salty Dog in Bellycotton, 10 Minuten Fahrt entfernt. Ich folge ihrem Ratschlag und es wird ein lustiger Abend. Ich treffe unter anderem eine Musikerin, die gerade für eine Hochzeit gespielt hat, Silke aus Deutschland und den Präsidenten des örtlichen Golfclubs mit seinen Freunden.
Tachostand 2970 km
Tag 16 – Mittwoch
Die Auswahl fällt schwer: Ich kann mir Cork anschauen oder Kilkenny oder die lokalen Sehenswürdigkeiten der Natur. Es geht nur eine der drei Möglichkeiten, mehr Zeit bleibt nicht.
Spontan entscheide ich mich für die Stadt Kilkenny, schon allein deswegen, weil ich das Bier mag. Bis dahin ist es eine vergnügliche Fahrt über geschwungene Landstraßen. Mitten in der Stadt gönne ich mir ein Parkhaus, damit das Motorrad mit dem ganzen Gepäck drauf nicht so öffentlich sichtbar herumsteht,
Die alte Brauerei in der Kilkenny gebraut wurde, steht direkt gegenüber, die nächste Tour findet in 5 Minuten statt. Manchmal kann es so einfach sein. Die Tour beginnt pathetisch mit Mönchen, die in uralten Zeiten das Bierbrauen dort durch Zufall erfunden haben, weil sie Wasser abkochen mussten, um es steril zu bekommen. Eines Tages wurde daraus kein Porridge, sondern Bier.
Völlig losgelöst kommt einige Jahrzehnte später ein junger Mann in den Ort um dort sein Glück, mit einer Brauerei zu versuchen. Schon damals nach dem heutigen Rezept mit Gerste, Hopfen und Malz. Leider sind zu dieser Zeit die protestantischen Engländer an der Macht, d.h. als Katholik darf er nichts besitzen oder ausüben. Dafür hat er einen Kompagnon, dessen Name über der Tür prangt, während unser Held die ganze Arbeit macht. Ja, die Iren können gut dramatische Geschichten erzählen.
Auch in der Geschichte dieser Brauerei kommt Oliver Cromwell vor. Egal wo man in Irland hingeht, sobald man etwas in der Geschichte stochert, taucht dort der erwähnte Engländer auf und sehr selten ist etwas Gutes über seine Taten zu hören.
So ganz nebenbei erfährt man, dass Guinness, Kilkenny und Rockshore alle zum gleichen Konzern gehören. Das erklärt auch, warum genau diese Sorten an den Zapfhähnen im Irish Pub nebeneinanderliegen.
Die Zeit reicht für etwas mehr Sightseeing und besuche die Burg der Stadt. Noch mal eine spannende Reise durch die Jahrhunderte und den englischen sowie britischen Adel. Die Burg ist nur auf 3 Seiten bebaut, die vierte ist offen,… because of: Oliver Cromwell. (Musiktip an dieser Stelle: Monty Python – Oliver Cromwell)
Eher am Rande nehme ich wahr, dass mir die Unterkunft eine Nachricht geschrieben hat: „Call Dave ….“ mit einer Telefonnummer. Ich sehe es und kümmere mich nicht drum, denn es ist bestimmt cleverer die Anweisungen für die Wohnung vor Ort zu bekommen.
Gut gelaunt mache ich mich auf den Weg nach Süden und erreiche „The Last Post“ kurz vor 19 Uhr. Ich rufe Dave an, aber der geht nicht dran. Kann passieren. Ich setze mich in den Garten und warte. Schreibe Dave eine Nachricht über Booking, dass ich vor Ort bin. Keine Reaktion.
Das wird mir zu doof und schreibe Dave, dass ich mir etwas zum Abendessen hole und später zurück bin. Das nächste Dorf liegt an der Küste. Dort gibt es ein Fischrestaurant, bei dem ich Fisch in mediterraner Kräuterbutter und Knobibaguette mit Mozzarella überbacken bestelle.

Während ich auf das Essen warte, versuche ich immer wieder Dave zu erreichen und schreibe parallel Nachrichten auf Booking. Dort kommt ein lapidares „Call Dave…“ zurück. OK, offensichtlich kommen die Nachrichten nicht bei Dave an, sondern bei einem Kumpel von ihm. Ich mache einen Call bei Booking.com auf und schildere meine Situation. Der Mitarbeiter dort meint, ich müsse der Unterkunft 45 Minuten Zeit geben zu reagieren. Sonst bekomme ich mein Geld zurück. Diese Zeit habe ich spielend, andererseits wird es mit fortschreitendem Abend schwieriger, ein Ersatzhotel zu finden, falls das hier platzt.
Ich kehre zurück zur Location und warte. Nichts passiert. Dave hat offensichtlich eine Firmentelefonnummer angegeben (Festnetz) und dort pünktlich um 18 Uhr Feierabend gemacht. Danach ist er abgetaucht. Zu Hause ist er auch nicht, den vor der Haustür stehen Pakete, die an in adressiert sind.
Die Uhr schlägt 21 Mal, die Wartezeit ist um und ich suche ein neues Hotel. Aus der Erfahrung vermeintlich schlau geworden, achte ich bei der Hotelauswahl auf die Zeit zum Einchecken. Die nächste Unterkunft liegt 30 Minuten entfernt und man kann dort bis 23 Uhr ankommen. Das klingt professionell genug für mich und ich buche das kurz entschlossen. Auf eine Nacht unter freiem Himmel bei 11 Grad bin ich nicht vorbereitet. Der Handyakku ist bei 17% und die Powerbank leer. Deren Energie ist ins Tablett geflossen, um den Weg hier her zu finden.
Die angegebene Adresse entpuppt sich als Wohnblock ohne sichtbare Kennzeichen auf eine touristische Vermietung. Ich rufe die Telefonnummer der Unterkunft an und höre Kleinkindergeschrei.
„Wann wollen Sie denn einchecken?“
„Ähhh.. jetzt? Ich stehe direkt vor dem Haus.“
„Gut, ich schicke jemand vorbei, in ca. 30 Minuten.“
Die Sonne geht unter und getunte Autos röhren die Straße hoch und runter. Wo bin ich hier hingeraten? Alleine die Hoffnung auf ein Bett hält mich aufrecht. Booking schickt mir eine Nachricht, in der steht, dass ich die Check-In Zeit verpasst habe und selbst schuld bin.
Schließlich kommt ein indisch aussehendes Ehepaar aus einer der Türen, entschuldigt sich vielmals und führt mich in mein Zimmer. Ich danke einem gnädigen Gott für das gute Wetter heute, denn das bedeutet: Mein Gepäck ist trocken und ich brauche nur das minimal Nötige auszupacken, um bettfertig zu sein.
Tachostand 3268 km
Tag 17 – Donnerstag
Ich habe zwar acht Stunden im Bett gelegen, aber davon nur drei geschlafen. Das Abendessen lag mir quer im Magen und der Kopf fand keine Ruhe über die Ereignisse gestern.
An der ersten Tankstelle gibt es Benzin Nachschub fürs Bike und Red Bull für den Fahrer. Das sollte mich einigermaßen durch den Tag bringen.
Tachostand 3292,8 km im Fährhafen Rosslare. Damit verlasse ich Irland nach 15 ereignisreichen Tagen und wende mich wieder dem Land mit den komischen Maßeinheiten zu.
Auf Spur 13 stehen vor mir bereits zwei Motorräder mit deutschen Kennzeichen und Rentnern im Sattel. Endlich wieder Muttersprache sprechen, da steigt die Vorfreude auf zu Hause.
Wir haben reichlich Zeit, uns über verschiedene Erlebnisse in Irland auszutauschen, denn die Fähre startet mit 45 Minuten Verspätung.
Die Fährfahrt selbst ist unspektakulär. Motorräder reinfahren, dem Anweiser folgen, das Motorrad festzurren und das Fahrzeugdeck verlassen.
Ich nutze die Überfahrt für eine Stärkung, ein Schläfchen und gammele dann auf dem Sonnendeck herum. Mit jedem Meter in Richtung Osten wird es wärmer.

Die Fahrt durch den Süden der britischen Insel bereitet mich auf die Temperaturen zu Hause vor, denn das Thermometer zeigt bis zu 25 Grad. Gegen irische 15 – 17 Grad ist das Hochsommer. Nach drei Stunden verlässt mich die Konzentration. Der Schlafmangel macht sich bemerkbar und der Red Bull hat mich auch verlassen.
Auf meinem Weg zum Stonehenge Inn sehe ich ein weißes Pferd auf der Bergflanke. Hier im Kreideland ist es einfach solche Bilder zu erzeugen. Wenn man das Gras wegnimmt bleibt weißer Boden übrig. Diese Bilder sind vor tausenden von Jahren in den Hügel gestochen worden.
Das weiße Pferd spielt auch eine Rolle in den Terry Pratchett Geschichten über Tiffany Weh und die kleinen freien Männer. Ab jetzt ist meine Fahrt magisch.

Ich erreiche nach etwas über vier Stunden wohlbehalten das Stonehenge Inn und bekomme ein Zimmer. Eigentlich könnte ich mir das komplette Auspacken sparen, weil dieser Tag ohne Regen war, aber ich fürchte, dass die Wäsche oder die Taschen noch Feuchtigkeit haben und muffig werden. Das brauche ich nicht. Der Stapel mit getragener Wäsche gleicht einem Kompost Haufen. Er muss regelmäßig gewendet werden, damit alles gleichmäßig trocknet und lüften kann.
Morgen früh habe ich eine Tour zu Stonehenge um 6:45 Uhr, bei der man auch ins Innere des Steinkreises darf. Diese Tour lässt mir keine Ruhe und so schwinge ich mich nach dem Abendessen wieder auf das Motorrad und erkunde den Weg. So früh am Morgen möchte ich nichts dem Zufall überlassen.

Wenn man Stonehenge im Vorbeifahren aus der Ferne erblickt, sieht es überhaupt nicht eindrucksvoll aus.
Tachostand 3275 km
Tag 18 – Freitag
Neun Stunden Schlaf retten vieles, aber nicht alles. Ich bin pünktlich am Stonehenge Visitor Centre und die Tour ist fantastisch.
Dabei lerne ich, dass der Ort aufgrund einer geologischen Besonderheit ausgesucht wurde. Es gibt einen Streifen Gestein, breit wie eine Straße, der aus dem Tal auf den Berg führt und die Ausrichtung zur Sommersonnenwende hat. Der Henge (eine kreisförmige Konstruktion mit Graben und Wall) existierte zuerst mit einem Kreis aus kleineren Steinen. Typischerweise wurden diese Anlagen mit dem Graben außen und dem Wall innen gebaut als frühe Verteidigungsanlagen – Vorläufer der Burgen. Diese Kultstätte hat den Wall außen, denn der Graben innen diente als Friedhof für die – mehr oder minder – eingeäscherten Überreste der Menschen im Umkreis. Rund um Stonehenge findet man weitere 380 Grabhügel.
Die großen Steine kamen erst 2500 BC hinzu, da war die Anlage schon über 500 Jahre in Betrieb.

Das hier ist DAS Standard Touristen Foto, das jeder will. Sagt jedenfalls der Führer. Jetzt habe ich auch so eins.
Nach der Führung fahre ich nach Salisbury und suche mir ein Café, das etwas anderes anbietet als „Full english Breakfast“. Ich bin eh kein wirklicher Freund davon und mittlerweile kann es nicht mehr sehen.
Dann geht es zurück ins Inn, den Tag vergammeln und Schlaf nachholen.
Frei nach Simon & Garfunkel (The 59th Street Bridge Song):
„I got no deeds to do
no promisses to keep.“
So fühlt sich echter Urlaub an.

Tag 19


Tachostand 4590 km