Reisebericht Irland – Sommer 2026

Der große Tag ist endlich da und es geht los. Der Wecker war auf 3:30 Ur gestellt, meine Nacht bereits um 3 Uhr zu Ende. Das Gepäck steht bereit und wird schnell auf die Maschine geschnürt und gesichert. Es ist ein schmaler Grat zwischen „Ich bin mißtrauisch und will sichergehen.“ und „Wenn du das so machst sieht das Gepäck extra wertvoll aus und wird bestimmt gestohlen.“

Um 3:21 läuft der Motor und ich bin unterwegs. Wie passend: 3, 2, 1 meins

Erst mal auf bekannten Wegen Richtung Bingen / Koblenz, dann bei Rheinböllen auf die B50. Es hätte mir ebenfalls bekannt sein müssen, wie kalt Sommernächte in Hunsrück und Eifel sein können, doch Erinnerung an eiskalte Nachtwachen im Zeltlager sind verblasst. 

Nach einer Stunde bin ich froh, den Pulli am Leib zu tragen und nicht nur im Gepäck zu haben. Nach zwei Stunden hilft auch kein heißer Kakao mehr. Ich bin durchgefroren und alles zittert. Das fühlt sich wie Skiurlaub an und nicht wie Sommerurlaub. 

Dann geht die Sonne auf und bringt Hoffnung und Wärme. Die Kilometer fliegen vorbei. Das Kopfradio spielt eine wilde Mischung aus SWR1 und Rockland Radio garniert mit Sprenkeln von Johnny Cash, Taize und Monty Python. Ohne musikalische Beschallung sucht der Gnom an der Liedauswahl verzweifelt nach Bruchstücken in der Erinnerung. Oft findet er nur einen Refrain und wiederholt den minutenlang.

Ich komme ohne Stau und mit 3 Tankstopps bis zur Fähre (600 km in 7h). Diese startet laut Fahrplan um 13:30 Uhr. Ich bin bereits um 11 Uhr am Hafen und aufgeregt bis in die Haarspitzen. Das ist meine erste Fährfahrt seit 32 Jahren. Damals waren wir mit dem Motorrad in Schottland und ich weiß nichts mehr über die Vorgänge bei einer RoRo Fähre.

Dafür war die Webseite sehr deutlich: Check in schließt eine Stunde vor Abfahrt. In den Ferien besser 2-3 Stunden früher da sein. 

Der Check in verläuft schnell und unproblematisch, denn ich bin perfekt vorbereitet. Die französische Grenzkontrolle winkt mich durch. Sie filzen einzelne Autos, doch Motorradfahrer sind – so wie es aussieht – nicht in ihrem Suchraster. Dann kommt die englische Grenzkontrolle und es wird zäh. Natürlich erwische ich die Schlange mit einem Problemfall und die Sache zieht sich hin. Die Aufregung legt sich und macht der Müdigkeit Platz. Vier Stunden Schlaf kämpfen mit dem zweiten Red-Bull. Die Beamtin fragt routinemäßig, wie lange ich bleibe und die Antwort „Ein Tag“ irritiert sie, bis ich ergänze: „Fahre durch England nach Irland.“ Das ergibt für sie Sinn.

Obwohl mir nach der Kontrolle genug Zeit bleibt, bin ich so im Lauf, dass ich direkt zur angegebenen Wartespur fahre, vorbei an allen Restaurants. Dann sitze ich 90 Minuten auf dem Asphalt neben meiner Maschine, schiebe Hunger und warte, bis etwas passiert. 

Tachostand 600km

Die Überfahrt ist unspektakulär. Ich schnappe mir einen Tisch mit Steckdosen und ein Tablett mit Fish&Chips. Das gibt mir und meinen Geräten frische Energie. 

 Während der Fahrt tüftele ich an Kapitel 14 des Detektivromans. Da vergeht die Zeit wie im Flug. 

Auf der englischen Seite angekommen stellt Google Maps auf Meilen um. Das hole ich beim ersten Stopp für das Motorrad nach. Dann brauche ich bei den Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht rechnen.  Dafür bin ich mit dem Meilen-Tacho komplett lost was die Reichweite der Maschine angeht. Wenn die Reserve Lampe angeht, habe ich ca 40 km Zeit eine Tankstelle zu finden. Doch wie viel ist das in Meilen? Ich erwische mich dabei Meilen für Kilometer zu halten. Dann dauert es ungewöhnlich lange bis man die angezeigten Ziele erreicht.

Runter von der Fähre und auf den Autobahnzubringer. Vor mir fährt der perfekte Deutsche. Das Schild zeigt 40 an, also fährt er 40. Leider Km/h und nicht meilen/h. Wie es sich gehört, nutzt er dafür die Überholspur und ist auch durch vehementes Hupen nicht umzustimmen.

Leider habe ich versucht, clever zu sein. Von Dover nach Birmingham gibt es zwei Möglichkeiten:

  • Östlich um London herum und die M1 hoch
  • Westlich um London herum auf die M40

Aus der Vergangenheit habe ich leichte Abneigungen gegen die M1, also ignoriere ich den Rat von Tante Google und fahre westwärts.  Direkt in den Feierabend-Stau rund um Heathrow. Es ist unglaublich wie viel Autoverkehr so ein Flughafen erzeugt. 

Die Verspätung der Fähre addiert sich zur Verzögerung im Stau. Ich komme gegen 21 Uhr in Birmingham an. 10 Minuten vor der Ankunft im Hotel fällt die Navigation aus (Tablet Akku leer), dafür geht die Warnlampe für die Benzin-Reserve an.  Völlig fertig erreiche ich das Hotel. Das erste, was der Manager dort zu mir sagt, ist: „Ich hoffe du hast ein paar echt gute Ketten und Schlösser für dein Motorrad, sonst ist das morgen früh weg. Aber wir haben hier ein Parkhaus, da kannst du es hinstellen!“
Das genügt mir und ich schleppe mein Gepäck über eine versiffte, enge Treppe in den zweiten Stock. Dann suche ich das Parkhaus, mit Linksverkehr aber ohne Konzentration. Alle Parkmöglichkeiten, die ich im GAY Viertel von Birmingham finde, sind unbewacht und offen. Das ist nicht meine Vorstellung von Sicherheit. 
Kurz entschlossen suche ich nach anderen Möglichkeiten und finde ein Holiday Inn Hotel außerhalb der Stadt. Dann packe ich alles wieder aufs Motorrad und drücke einem überraschten Menschen den Zimmerschlüssel in die Hand.

Die Rezeptionistin im Holiday Inn ist überrascht, aber hilfsbereit. 10 Minuten später habe ich ein Zimmer, das sich in seinen Abmaßen vor einem Ballsaal nicht verstecken braucht. 

Tachostand 960 km (ca 600 Meilen)

Mir ist inzwischen alles egal. Ich bin zu diesem Zeitpunkt 21 Stunden wach (nach 4h Schlaf), davon 12h auf dem Motorrad. Ich falle ins Bett und schlafe tief und fest bevor mein Körper die Matratze erreicht.

Tag 2

Die Nacht ist zu schnell vorbei, aber das Motorrad steht draußen vor der Tür und wartet. Nicht warten wird hingegen die Fähre und es sind einige Meilen bis Holyhead. Nach dem Autobahn-Geballer gestern lasse ich es heute ruhiger angehen und fahre über Land. Eine nette Idee, die durch langsame Traktoren und meine Navigationskünste schnell ad absurdum geführt wird. 

Ein Wort zur Navigation: Mein Navi ist ein 10 Zoll Tablet oben im Tankrucksack. Das funktioniert ziemlich gut, aber ich muss immer runterschauen, um zu sehen, wie es weiter geht. Wenn das Navi eine Abzweigung anzeigt und ich nicht hinschaue, fahre ich halt an der Stelle vorbei. 

Lieber die Schnellstraßen nehmen und den lädierten Kopf auf leichte Kost setzen. So bleibt mir genug Zeit, die Landschaft zu betrachten. Lange dominieren die typisch englischen Felder umgeben von Hecken und Büschen. Kurz vor Holyhead zieht sich die Vegetation zurück und ich fühle mich an eine hochalpine Gegend erinnert: Kahle Hänge bedeckt mit Gras und vereinzeltem Gebüsch.

Ich bin um 11:20 am Fährhafen. Der Check-in Zeit ist bis 12:15, doch absehbar rührt sich nichts. Neben mir stehen andere Biker aus England und Holland. Mit denen kann man prima philosophieren über das woher und wohin, Ziele, Fähren und Routen.
Die Stimmung hebt sich, als sich eine schier endlose Schlange an Fahrzeugen aller Art vorbei wälzt. Die Fähre ist da und wird entladen. Dann müsste es ja gleich losgehen.
Weit gefehlt! Der Kapitän entscheidet, dass dieses Schiff nicht seetüchtig ist und damit entfällt die Fahrt. Wir werden professionell auf die 19:30 Uhr Fähre vertröstet, mit der Beteuerung, dass dort genug Platz für alle Fahrgäste wäre.

Die ganze Warteschlange folgt den Fahrzeugen, die von der Fähre kommen über eine schmale Straße in den Ort und dann auf die Schnellstraße. Schon wieder Stau. Ich habe keinen Nerv mich anzustellen und bleibe direkt im Hafen-Inn. Dort gibt es Pizza und Guinness. Das reicht!

Die Lebensgeister kehren zurück und ich muss den Pub verlassen, sonst schlafe ich auf der Eck-Bank ein. Das wird hier bestimmt nicht gerne gesehen. Mein Ziel ist ein Elektronik-Markt, denn ich habe zwar eine GoPro dabei, aber die SD-Karte ist fast voll und die anderen liegen zu Hause. Das hätte man geschickter planen können.
Ein Argos funktioniert wie ein McDonalds. Vorne gibt es eine Reihe Terminals, auf denen man sich seine Ware aussucht. Nach dem Bezahlen wird ein Zettel ausgedruckt, damit geht man zur Ausgabe und erhält das Gewünschte. Fehlt nur der Monitor auf dem steht, welche Bestellung bearbeitet wird, oder bereit zur Abholung ist. 
Ich teile diesen Gedanken mit der netten Angestellten, die mir am Terminal geholfen hat. Sie lacht laut auf und meint: „Ja so einen Monitor hatten wir tatsächlich, aber er hat die Kunden verwirrt. Also wurde er abgeschaltet.“
Draußen vor dem Laden treffe ich eine Einheimische und frage, wo es hier eine Eisdiele gibt. Das Konzept ist ihr unbekannt. Softeis vom KFC ist alles, was ihr einfällt. Das lehne ich strikt ab und schließlich erzählt sie mir von einem Badestrand im Nachbarort mit einer Strandbar. Das klingt gut genug und ich mache mich auf den Weg. 

Ich finde das Seacroft (Trearddur Bay). Das liegt außer Sichtweite vom Strand und hat eine Terrasse mit Sonnenschirmen. Gut genug um die Zeit bis zur Fähre, bei einem Kaltgetränk zu vertrödeln.
Am Nachbartisch sitzen 6 Frauen um die 70 Jahre alt. Als sie mich sehen wird gekichert und der Lippenstift nachgezogen. 
Die erste dreht sich zu mir um: „Auf dem Motorrad könnten Sie mich auch mal mitnehmen.“
Damit ist der Reigen eröffnet. Das Kaffeekränzchen ist nach zwei Aperol in Flirtlaune. Das passiert mir nicht zum ersten Mal und ich spiele gerne mit. 
Die üblichen Fragen nach dem woher und wohin werden gestellt und ich erzähle von meiner geplanten Tour durch Irland. Das Gespräch wird immer angeregter, denn drei der Damen kommen ursprünglich von dort. Sie überbieten sich darin, mir ihren jeweiligen Heimatort schmackhaft zu machen. Die Namen von Counties und Städten fliegen mir um die Ohren, schneller als ich sie verarbeiten oder einsortieren kann.   
Ich bin sichtlich überfordert, sehe total verplant aus und die Mädels haben ihren Spaß.

Die Überfahrt gestaltet sich unspektakulär. Die Reisenden der 13.15 Uhr Fähre werden zuerst aufs Schiff gelassen. Dabei sind Motorräder unter den ersten Fahrzeugen. 
Ich sitze schon gemütlich beim Abendessen, während die Beladung noch in vollem Gange ist. Anschließend suche ich mir eine gemütliche Sitzgelegenheit. Das „Sonnendeck“ ist es nicht, die Cafeteria ist es nicht und den Salon mit seinen weichen Bänken finde ich nicht, weil ich auf dem Riesen-Pott keine Orientierung habe. 
Ich ende in der Abteilung für Haustiere, umgeben von Hunden jeder Größe und Rasse. Zum Glück habe ich meine Allergiemedikamente eingeworfen, sonst wäre das Selbstmord auf Raten.

Mit einigen Kanadiern entspinnt sich ein Gespräch über Trump und Zölle, die Schönheiten Irlands, was man in Großbritannien gesehen haben sollte und vieles mehr. Das hilft ganz gut gegen die einsetzende Müdigkeit, denn ich bin seit 5 Uhr wach. Letzte Nacht war auch nicht viel Schlaf, wieder aus Angst die Fähre zu verpassen.
Um 23.00 Uhr bin ich endlich runter von der Fähre und in Irland. Meine Unterkunft ist in Skerries, das liegt etwas nördlich von Dublin. Ich schaffe es mautfrei aus Dublin heraus in die Countryside. Dort wird es gruselig. Die Nacht ist klar, aber mondlos. Der Verkehr verebbt, je weiter ich dem Navi aufs Land folge. Die Straßenlaternen bleiben hinter mir zurück. Dann wird aus der breiten Landstraße ein besserer Feldweg, zwar noch asphaltiert, aber ohne Markierungen. Die Hecken und Bäume die typischerweise neben den Straßen wachsen werden höher und dichter. Sie lehnen sich über die Straße und bilden einen lebendigen Tunnel, doch das Navi zeigt unerbittlich in diese Richtung.

Um 24 Uhr erreiche ich mein Ziel. Im Dorf gibt es wieder Laternen, wenigstens ein bisschen Licht. Das Navi auf dem Tablet führt mich zum einzigen Haus in der Straße, in dem Licht brennt. Dahinter ein zweites Haus, beleuchtet mit einer blinkenden Lichterkette. 
Ist das wirklich mein Air-BnB? Es hat etwas Kriminelles, in der Geisterstunde bei völlig fremden Häusern zu klingeln. Ich stehe davor und traue mich nicht. Besser noch mal die App auf dem Handy fragen. 
Ja ich hätte auf dem Tablet die vollständige Adresse eingeben sollen, denn die App auf dem Handy zeigt mir einen Ort, der 8 Minuten entfernt ist. Das Tablet muss seinen Platz im Tankrucksack räumen und das Handy übernimmt es, mich weiterhin durch unbeleuchtete schmale Landstraßen zu schicken.
Das neue Ziel gibt sich schon von außen als Bed & Breakfast zu erkennen. Das könnte richtiger sein. Stelle das Motorrad ab und pirsche mich vorsichtig heran. Keine Klingel, aber eine offene Tür. 
Von innen antwortet mir eine ältere Dame – Typ besorgte Oma – und endlich ist dieser Tag zu Ende. Ich bin richtig, bekomme ein Zimmer und Morpheus empfängt mich mit offenen Armen.

Tachostand 1270 km

Tag 3

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